Ausstellung

Hoffnung am Kurfürstendamm

Täglich besuchen 1200 Schüler das Museum „Story of Berlin“. Nach Jahren der Unsicherheit hat es wieder eine Zukunft im Kudamm-Karree

Notdürftig geflickte Fensterscheiben, dünne Holzscheite vor dem Kanonenofen, schäbige Möbel – auch ohne das Schild mit dem Wort „ausgebombt“ erkennen die Museumsbesucher sofort, worum es hier geht: So ärmlich lebten die Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg auch in Berlin. Sie waren froh, überlebt zu haben. „Das alles liegt noch nicht so lange zurück, aber für uns ist das Geschichte. Eigentlich ist sie unvorstellbar, gerade die Zeit des Nationalsozialismus. Aber die Bilder hier machen sie lebendig“, sagt die 15 Jahre alte Änny. Auch ihre Klassenkameraden erleben deshalb die Ausstellung im Museum „Story of Berlin“ im Kudamm-Karree am Kurfürstendamm 207/208 mit großem Interesse. Sie sind Schüler der neunten Klasse der Gemeinschaftsschule aus dem nordfriesischen Niebüll. Und sie sind 26 von durchschnittlich 1200 Schülern, die die Schau jeden Tag besuchen. Die „Story of Berlin“ ist eine Attraktion. Seit Kurzem hat sie wieder eine Perspektive.

Neuer Investor will umgestalten

Denn der neue Eigentümer des Karrees, die Münchener Cells Bauwelt GmbH, will die Immobilie, die mit ihrem 70er-Jahre-Flair und den leer stehenden Ladenflächen schon lange nicht mehr an den wieder schicken Kudamm passt, von Grund auf im Bestand modernisieren – und nicht abreißen. Der Baustadtrat von Charlottenburg-Wilmersdorf, Marc Schulte (SPD), glaubt deshalb auch, dass die „Story of Berlin“ bleibt, schließlich sei die Ausstellung „ein Publikumsmagnet“. Er hat sich schon zweimal mit den Immobilienentwicklern getroffen. Zwar arbeite der Investor noch an der Planung für die Immobilie, das Kudamm-Karree soll aber wieder Shoppingmall mit Büroflächen im Hochhaus werden.

Das war nicht immer so. Der Vorbesitzer, der irische Investor Ballymore, wollte den Großteil abreißen und neu bauen, hatte den Architekten David Chipperfield, der auch die Eingangsbauten auf der Museumsinsel in Mitte entworfen hat, mit den Planungen beauftragt. Er hatte bereits einen Entwurf vorgestellt, der als gelungen galt.

Für Schlagzeilen sorgten im Zuge dessen das Theater und die Komödie am Kurfürstendamm, die bis heute um ihre Zukunft an dem Standort kämpfen. Der Chipperfield-Entwurf verlegte ein Theater nach massiven Protesten schließlich in den dritten Stock – als Kompensation für den Abriss beider Bühnen. Auch in Bezug auf den neuen Eigentümer ist für Stadtrat Schulte die Theaterfrage zentral – „für die Entscheidung, was und wie dort im künftigen Shoppingcenter gebaut werden darf“. Mindestens eine der traditionsreichen Bühnen soll seinem Willen nach erhalten bleiben. „Das ist politischer Konsens.“ Ob das in einem Neubau oder im bestehenden Gebäude sein wird, sei offen, so Schulte weiter.

Bernhard Schütte, der Geschäftsführer der „Story of Berlin“, ist froh über den neuen Eigentümer. Denn für sein Museum galt das Gleiche wie für die Kudamm-Bühnen. Schütte hatte sich bereits nach Ersatzflächen in der City West umgeschaut, aber nichts Passendes gefunden. Jetzt rechnet er damit, am Standort weitermachen zu können. „Wir nutzen Flächen im Keller und im zweiten Obergeschoss ohne Tageslicht, und wir bringen jeden Tag Hunderte Gäste ins Karree“, sagt er. Außerdem sei die „Story of Berlin“ „hochgradig flexibel“, was die Raumgestaltung anbelange. Er betont auch die Bedeutung des Museums für die City West. Gerade für junge Menschen sei die Ausstellung oft genug der einzige Grund, an den Kurfürstendamm zu kommen, denn bei ihrem Berlin-Trip wohnten die meisten in Hostels in Mitte.

800 Jahre Hauptstadt-Geschichte

Die abwechslungsreiche Gestaltung spricht die Jugendlichen an. „Da ist Geschichte leicht verständlich, sogar die Zeit des Mauerbaus, durch den die Menschen von heute auf morgen getrennt wurden“, sagt die 15 Jahre alte Greta. Es lohnt sich, genau hinzusehen. „Bei den zwei Wohnzimmern aus Ost und West, die auf den ersten Blick sehr ähnlich aussehen, gab es sehr wohl feine Unterschiede“, sagt Schülerin Lirike. Während im West-Wohnzimmer peppige Musik im Radio spielt, ist es im Ost-Wohnzimmer still. Dort liegt ein Buch. „Es gab eben etliche Künstler in der DDR, deren Werke erst gar nicht veröffentlicht wurden“, hat Lirike gelernt.

Bereits seit Juni 1999 präsentiert die „Story of Berlin“ die Geschichte Berlins auf 6000 Quadratmetern Ausstellungsfläche. Sogar ein ehemaliger Atomschutzbunker unter dem Parkhaus an der Uhlandstraße gehört dazu.

800 Jahre Hauptstadt-Geschichte – von der Gründung mit der ersten Erwähnung im Jahr 1237 bis hin zum Fall der Berliner Mauer – haben Museumspädagogen, Historiker und Künstler anschaulich in Szenenbildern aufbereitet. Die Informationen werden auch mit Multimediatechnik vermittelt. Aber allein schon der Eingang in Form eines typischen alten Berliner Mietshauses mit ausgetretenen Stufen, der Toilette auf der halben Treppe und dem lauten Geschrei hinter den Wohnungstüren vermittelt, wie die Berliner einst wohnten. In einem Zeittunnel können die Besucher dann nach und nach die wichtigen Epochen der Berliner Geschichte erleben – aufbereitet in 20 Themenräumen.

„Hier wird Geschichte erlebbar gemacht“, lobt die 57 Jahre alte Lehrerin Lilo Lorenzen aus Niebüll das Konzept. So müsste Geschichte heute vermittelt werden, nicht staubtrocken, sondern mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln – akustisch, visuell. Sie ist so überzeugt vom Lerneffekt für ihre Schüler, dass sie die „Story of Berlin“ schon zum dritten Mal mit einer Klasse besucht.