Nahverkehr

BVG unter Strom

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Weil der Senat den Klimaschutz stärken will, darf das Unternehmen ab 2020 nur noch Elektrobusse neu kaufen. Die sind aber doppelt so teuer wie Fahrzeuge mit Dieselmotoren

Die Jahreszahl 2020 sorgt derzeit für Kopfschmerzen in der Chefetage der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). Anlass ist das neue Energiewendegesetz, das vom Senat erst in der vergangenen Woche auf den Weg gebracht wurde. Bislang kaum beachtet ist eine Protokollnotiz mit zehn konkreten Projekten. Unter Punkt 8. „Öffentlicher Personennahverkehr (ÖPNV)“ heißt es in der „Selbstverpflichtung des Senats“ ganz unverfänglich: „Der ÖPNV kann eine großen Beitrag zu einer wirkungsvollen Klimapolitik beitragen.“ Daran schließt sich die Forderung an, dass die BVG ab 2020 bei der Beschaffung von Linienbussen „nur noch emissionsfreie Fahrzeugen“ berücksichtigen darf.

Erklärtes Ziel ist es, dass ab 2050 die gesamte, derzeit aus mehr als 1300 Bussen bestehende Flotte ohne klimaschädliche Abgase in der Stadt unterwegs ist. Dies ist eines von zehn konkreten Projekten, die der Berliner Senat in der vergangenen Woche zur Umsetzung der Energiewende in der Hauptstadt beschlossen hat.

Offenbar allerdings ohne mit denen vorher zu sprechen, die die Vorgaben konkret realisieren sollen. Bei der BVG jedenfalls stößt die Vorgabe auf erhebliche Skepsis. Vor allem der frühe Einstieg in den vermeintlich umweltfreundlichen Umbau der Busflotte sorgt für große Verwunderung. „2020 ist definitiv zu früh“, sagte BVG-Sprecherin Petra Reetz der Berliner Morgenpost. Weder sei die Industrie bis dahin in der Lage sein, technisch ausgereifte und damit zuverlässige Elektro- oder Wasserstoffbusse zu liefern, noch stehe in Berlin die dafür erforderliche Infrastruktur. Es sei schließlich nicht damit getan, dass die BVG ab 2020 einfach nur noch Busse kauft, die nur mit Strom fahren.

„Die brauchen in ausreichender Zahl Ladestationen, und zwar in der gesamten Stadt. Benötigt werden dafür auch zusätzliche Werkstattkapazitäten und entsprechend qualifiziertes Personal“, betonte die BVG-Sprecherin. Völlig unklar sei zudem, welche Zusatzkosten damit verbunden sind und auch, wer das alles bezahlen wird. „Elektrobusse oder Wasserstoffbusse sind derzeit noch mindestens doppelt so teuer wie ein vergleichbarer Dieselbus“, so Reetz weiter.

Fahrgastverband fordert Trams

Auch der Berliner Fahrgastverband Igeb reagierte mit völligem Unverständnis auf den Senatsbeschluss. „Das ist der völlig falsche Ansatz – der zudem die betriebswirtschaftlichen Probleme der BVG nicht löst, sondern nur noch verschärft“, sagte Igeb-Sprecher Jens Wieseke auf Anfrage. Statt auf teure Elektrobusse zu setzen, sollte Berlin endlich mehr in den Ausbau des Straßenbahnnetzes investieren. „Das wäre eine echter Beitrag für mehr Elektromobilität in der Stadt“, so Wieseke. Straßenbahnen seien technisch ausgereift, zudem könnte eine Tram deutlich mehr Fahrgäste als ein Bus befördern. „Unsere Forderung ist: 100 Kilometer Neubaustrecke für die Straßenbahn und konsequente Ausweitung des Netzes in den Westteil der Stadt“, sagte Wieseke. Im Zuge des Umbaus von West-Berlin in den 60er- und 70er-Jahren zu einer autofreundlichen Stadt waren damals auch alle Straßenbahnlinien eingestellt und durch Busse ersetzt worden. Für die Busflotte sollte die BVG weiter kostengünstige Dieselbusse beschaffen, die die jeweils schärfsten Abgasnormen erfüllen. „Auf Nebenstrecken könnten auch dann auch Elektrobusse fahren“, so der Igeb-Vertreter.

In den vergangenen Jahren hatte die BVG immer mal wieder Fahrzeuge mit alternativen umweltfreundlichen Antrieben im Einsatz. Erprobt wurden etwa Busse, die mit Wasserstoff oder mit Brennstoffzellen als Energielieferant versehen waren. „Keiner hat sich bislang im harten Berliner Alltag bewährt“, so das Fazit von BVG-Sprecherin Reetz.

Im Sommer soll nun den nächste große Test starten: Die Verkehrsbetriebe nehmen die erste Linie in Betrieb, die komplett mit Elektrobussen bedient wird. Ausgewählt wurde dafür die Linie 204 zwischen den Bahnhöfen Zoologischer Garten und Südkreuz. Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel (SPD) hält trotz aller Einwände an dem Projekt fest. „Das ist so vom Senat beschlossen, und das werden wir auch ernsthaft angehen“, sagte er.