Film

Löwe, Hexe, Hauswartsfrau

Johanna Penski ist 87 Jahre alt – und die meist gebuchte Komparsin Berlins. Darüber hat sie jetzt ein Buch geschrieben

In ihrem letzten Film musste sie ein schwieriges Wort sagen. „Neo-nato-logie“, betont Johanna Penski überdeutlich. „Jesus im Krankenhaus“ hieß der Film. Da kamen zwei junge Männer ins Krankenhaus, konnten nicht lesen, was auf den Schildern geschrieben stand, und Johanna Penski musste es ihnen vorlesen. „Neonatologie, das Wort hab ich vorher noch nie gehört“, sagt die 87-Jährige. Klar, als sie ihre beiden Kinder bekam, gab es noch keine eigene Station für Neugeborene. Ganz schön aufgeregt sei sie vor ihrem Auftritt gewesen. „Aber hat gut geklappt“, sagt sie.

Johanna Penski ist ja auch ein Profi, schließlich hat sie schon in 874 Filmen mitgespielt. Allerdings muss sie nur selten dabei etwas sagen, schließlich ist sie Komparsin. Meist läuft sie nur einmal durchs Bild, mal allein, mal mit Mann, mal mit Hund, mal mit Esel. Einmal musste sie in einem „Tatort“ sogar mit einem fremden Mann im Bett liegen, als das SEK die Wohnung stürmte.

Seit 27 Jahren steht Johanna Penski am Set, über ihre Erlebnisse hat sie jetzt ein Buch geschrieben, das am 13. April erscheint. Erinnern kann sie sich an die meisten Filme, und wenn sie mal etwas nicht weiß, dann blättert sie in einem kleinen Oktavheft. Darin hat sie akribisch Buch geführt: Filmtitel, Ort, Drehtage, Regisseur, Schauspieler, Agentur – alles ist ordentlich vermerkt. Dass sie mal über das erste Oktavheft hinauskommen würde, hätte sie nicht gedacht. Inzwischen ist das vierte fast voll.

Zwölf Mal schon gestorben

Am liebsten spielt sie eine Hauswartsfrau, mit Kittelschürze, Schrubber und Mülleimer in der Hand – gern auch mit Berliner Schnauze. Nur gibt es zu ihrem Bedauern solche Rollen immer seltener. Häufiger kommt es vor, dass Johanna Penski sterben muss. „Zwölf Mal schon“, die Zahl hat sie im Kopf. Als Leiche ist sie offenbar sehr überzeugend. Sogar aus dem Fenster musste sie dafür schon mal fallen. „Na ja, das war ein Trick“, verrät sie. Da musste sie einen Überschlag am Reck machen. Das wurde dann hinterher vor eine Häuserwand geschnitten, damit es aussah, als wäre sie aus dem dritten Stock gefallen.

Johanna Penski war beeindruckt, wie echt das wirkte. Aber noch beeindruckender ist eigentlich, dass sie in ihrem Alter noch einen Überschlag hinbekommt. Aber schließlich war sie früher mal Sportlehrerin. Dann lacht sie, weil sie sich daran erinnert, wie es nach dem „Sturz“ weiterging. Da musste sie in einem Vorgarten liegen, ohne sich zu rühren. Ein aufmerksamer Passant sei vorbeigekommen und habe sich mächtig erschreckt, als er die alte Dame regungslos liegen sah und gleich die Feuerwehr gerufen. Johanna Penski war sich nicht sicher, ob das nun zum Film gehörte oder nicht, aber fragen konnte sie ja nicht, weil sie sich ja tot stellen musste.

Abgelehnt hat Johanna Penski bislang kaum eine Rolle. Nur als sie Werbung für Zigaretten machen sollte, hat sie Nein gesagt. „Ich bin überzeugte Nichtraucherin, das geht nicht.“ Ganz Profi, versucht sich Johanna Penski ansonsten in jede Figur reinzudenken. Aber zugegeben, manches ist ihr dann doch ein wenig peinlich: Etwa als Benno Führmann in einem Film nackt über den Hof lief und sie ängstlich rufen musste: „Tun Sie mir nichts!“ Aber da durfte sie ja mal wieder eine Hauswartsfrau spielen, darum hat sie sich dann auch nicht so sehr an dem nackten Mann gestört.

Sie war schon Stubenfliege, Löwe und Affe. Und in „1½ Ritter“ konnte man sich fast vor ihr fürchten. „Ach Gott, wie ich da aussah!“ – strähnige graue Haare, Warzen im Gesicht, eher Hexe als alte Dame. Aber gelohnt habe sich der Auftritt trotzdem, denn schließlich drehte sie da Seite an Seite mit Johannes Heesters, ihrem Idol aus Jugendtagen. Ein Foto von ihr mit ihm und Autogramm hat sie im Flur aufgehängt. Neben signierten Fotos anderer Schauspieler und Regisseure: Til Schweiger, Wim Wenders, Otto Sander, Leander Haußmann sind darunter. Und natürlich gibt es da auch Bilder von ihr, aus Filmen und Werbespots. Bekannt wurde ihr Gesicht vor allem 2014 durch einen Telekom-Spot, der ihre eigene Geschichte erzählt.

Und die fängt in Treptow bei Kolberg an. Schon als Kind war sie begeistert vom Kino und hat die Bildchen von Schauspielern gesammelt, die in jeder Zigarettenpackung ihres Vaters steckten. Sie träumte von einer Karriere beim Film und hatte mit 17 Jahren tatsächlich ihren ersten Auftritt: 1944 als Statistin für den NS-Propagandafilm „Kolberg“ von Veit Harlan. Während des Drehs machte sie sich keine Gedanken über die Propagandamaschinerie, die hinter dem Filmprojekt steckte. Heute sagt sie: „Die Erkenntnis, wie sehr wir uns täuschen ließen, schmerzt noch immer.“

Mit der Filmerei ging es auch erst einmal nicht mehr weiter. Die letzten Kriegsmonate, die Flucht aus Westpommern, die Geburt ihres ersten Kindes, kein Raum für Träume. Also wurde Johanna Penski Sportlehrerin. Seit 1959 lebt sie in Berlin, die Stadt ist ihre zweite Heimat geworden. Schon bei der Ankunft auf dem Flughafen Tempelhof „konnte ich endlich frei atmen“.

Mit 60 Jahren der erste Dreh

Vergessen war der Film aber nie. „Ich habe mir gesagt: Wenn du mal nicht mehr arbeitest, dann wirst du Komparsin.“ Und als sie 60 wurde und ihre Sportlehrerstunden reduziert hatte, ging sie zum Künstlerdienst des Arbeitsamtes. Mindestens zweimal im Monat steht sie seitdem vor der Kamera. Manchmal dauert ihr Auftritt nicht mal eine Minute, aber „man muss warten können, manchmal den ganzen Tag“. Das wichtigste ist dann eine warme Unterhose, weiß sie, zumindest wenn draußen gedreht wird. Einmal hat sie eine Passantin gespielt, wartete acht Stunden auf ihren Einsatz, neben ihr Ben Becker, „der schlotterte am ganzen Leib, so kalt war dem. ,Musste dir nächstes Mal einen richtigen Schlüpper anziehen‘, hab ich ihm da gesagt“. Johanna Penski darf so etwas.

Auch nach 874 Filmen bringt sie noch immer Leidenschaft mit. „Das kann immer so weitergehen. Das ist eine Bereicherung meines Lebens.“ Und vielleicht gibt es ja für sie auch mal wieder eine Rolle als Hauswartsfrau.

Johanna Penski: „Träume altern nicht. Wie ich mit 86 Jahren auf den roten Teppich kam“, mvg Verlag, 17,99 Euro.