Kompakt

Berliner Geschichte im Schnelldurchlauf

In 45 Minuten sollen die Besucher des Berlin Story Museums die neue Ausstellung gesehen haben. Die Macher setzen auf Bilder und Modelle

Proteste haben in Berlin eine lange Tradition: Der „Berliner Unwille“ zählte 1448 – also 400 Jahre vor der Märzrevolution – zu den ersten großen Aufständen. Acht Jahre lang hatte Kurfürst Friedrich Eisenzahn damals versucht, die Rechte der Hansestadt Berlin-Cölln zu beschneiden. Der Regent hatte der Stadt einen kurfürstlichen Richter ins Rathaus gesetzt und sie gezwungen, ihm einen Teil der Spreeinsel zum Burgbau abzutreten. Dann reichte es den Bürgern, sie wehrten sich. Sie belagerten das Rathaus, nahmen den Hofrichter gefangen, verbrannten Urkunden und setzten schließlich den ganzen Bauplatz unter Wasser.

Gegen die Rädelsführer wurden Geldbußen und Bannstrafen verhängt, aber ihr eigentliches Ziel hatten die Rebellen von 1448 nicht erreicht: Das Residenzschloss war nicht zu verhindern. Nach barocken Erweiterungen ab 1702 wurde es zur königlich-preußischen und ab 1871 kaiserlichen Residenz. Die SED beschloss 1950 den Abriss des im Zweiten Weltkriegs ausgebrannten Gebäudes, Teile des Portals wurden 1963 beim Bau des Staatsratsgebäudes der DDR verwendet. Derzeit läuft der Wiederaufbau, es entsteht das Humboldt-Forum in der Kubatur des Schlosses, die Eröffnung ist für 2019 geplant.

Dem „Berliner Unwillen“ ist eine Vitrine inklusive Modell gleich am Anfang der neuen Ausstellung des Berlin Story Museums im früheren Weltkriegs-Bunker am Anhalter Bahnhof gewidmet. Am Montagabend wurde sie feierlich eröffnet. Auch Walter Momper (SPD), Berlins Regierender Bürgermeister zu Mauerfallzeiten, besuchte die Eröffnung. Ab Mittwoch, den 1. April, ist das privat geführte Museum für alle zugänglich. Ermöglicht wurde das Projekt des gemeinnützigen Vereins Historiale durch finanzielle Unterstützung der Stiftung Deutsche Klassenlotterie.

Erzählt wird die Geschichte der Stadt sehr kompakt und anschaulich, die Schwerpunktsetzungen in den einzelnen Räumen überraschen nicht und überfordern den Besucher keineswegs. In 45 Minuten soll die Ausstellung durchschritten sein, wie Museumschef Enno Lenze bei einem Presserundgang erzählt. Schulklassen und Touristen sind zwei wichtige Zielgruppen. Wieland Giebel, der die Exposition konzipiert und den Verein Historiale gegründet hat, ergänzt: „Die Ausstellung soll das Wesen und die Geschichte Berlins auf den Punkt bringen. Historisch korrekt, aber unterhaltsam. Komplett und unkonventionell.“

Audioguide in zehn Sprachen

Es gibt vergleichsweise wenig Text, dafür einen Audioguide in zehn Sprachen, wobei die einzelnen Hörbeiträge maximal 100 Sekunden lang sind – und einige Originale wie eine Hakenkreuz-Fahne, dafür musste vorher die Genehmigung des Staatsschutzes eingeholt werden, eine amerikanische 500-Kilogramm-Fliegerbombe oder die Tür einer Stasi-Zelle. Es wird auch auf andere Einrichtungen verwiesen, die Leihgaben beigesteuert haben, wie das Alliierten-Museum, die Stasi-Opfer-Gedenkstätte Hohenschönhausen, das DDR-Museum oder das Stadtmuseum, und die einen vertiefenden Blick auf einzelne Aspekte bieten. Das Berlin Story Museum will Appetit machen auf die Berliner Geschichte – und dieser Plan geht auf.

West-Berlin war nicht nur ein Schaufenster, sondern auch ein Brennglas: Gesellschaftliche Entwicklungen nahmen hier oft ihren Anfang. Ein Raum in der Ausstellung widmet sich der 68er-Revolte. Zentrales Bildelement ist das längst zur Ikone gewordene Foto von Jürgen Henschel, das einen blutenden jungen Mann auf dem Boden liegend zeigt, sein Kopf wird von einer jungen Frau gehalten, sie blickt entsetzt, im Hintergrund ist ein VW-Käfer, das Symbolauto des Wirtschaftswunders, zu sehen. Benno Ohnesorg wurde am Rande einer Demonstration gegen den Besuch des Schahs von Persien am 2. Juni 1967 vor der Deutschen Oper von einem Polizisten erschossen. Mittlerweise weiß man, dass der Schütze Karl-Heinz Kurras Mitglied der SED war und Verbindungen zur Stasi hatte. Der Tod vor der Oper radikalisierte die Studenten, in Berlin benannte sich die Terrorgruppe Bewegung 2. Juni nach dem Tag der Tat.

Kreuzberg ist auch so ein Ort des Widerstandes. Im Schatten der Mauer hatte man sich eingerichtet. Junge Menschen sitzen mitten auf der Straße auf einem alten Sofa. Eigentlich sollten ganze Altbauviertel in SO 36 dem Bau einer Autobahn weichen, es kam zu Häuserbesetzungen. Und am 1. Mai regelmäßig zur Randale: In einer Vitrine liegen Pflastersteine zur Erinnerung an den Tag der Arbeit 1987 in Kreuzberg.

Leben im Schatten der Mauer

Die Wohnungen sind günstig, weil Vermieter in die Mauerstadt nicht viel investieren wollen. Zuwanderer aus der Türkei ziehen nach Kreuzberg, die Exposition erinnert unter anderem mit Fanartikeln der drei großen Istanbuler Fußballvereine daran.

Szenenbildnerin Monika Bauert hat die Ausstellung inszeniert. Schon berufsbedingt setzt sie mehr auf Bilder denn auf Worte. Ihr Ideal ist gewissermaßen das von ihr als „Fries“ bezeichnete Brandenburger Tor im Ein- und Ausgangsbereich: Zu sehen sind ausschließlich Bilder des bekanntesten Berliner Wahrzeichens, jeweils mit einer Jahreszahl versehen. Es beginnt 1735 mit einem Stich des Vorläuferbaus, 1814 lässt Napoleon die Quadriga abtransportieren, 1856 entsteht das wohl erste Foto des Bauwerks, 1918 versammeln sich Soldaten davor, 1933 inszenieren sich die Nazis, 1961 umgibt erst Stacheldraht und dann die Mauer den historischen Ort, 1987 hält US-Präsident Ronald Reagan seine legendäre Rede davor, 1989 sind es erneut die widerständigen Berliner, die das Tor erobert haben – ein Symbol für den Sieg der Freiheit.

Berlin Story Museum, Schöneberger Str. 23a (Anhalter Bahnhof). Di–Fr 10–19 Uhr, Sa & So 12–20 Uhr. Eintritt fünf Euro