Wechsel

Der Dialog-Rabbiner

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Jan Schapira

Tovia Ben-Chorin verlässt nach mehr als sechs Jahren Berlin

Rabbiner Tovia Ben-Chorin hat sich selbst als kleine Tonfigur in seinem Wohnzimmer stehen. Daneben lächeln die Miniaturen von Imam Kadir Sanci und Pfarrer Gregor Hohberg. Dass man sofort erkennt, wen die farbig angemalten Tonmännchen darstellen, liegt an der Postkarte, die dabei steht: Sie laden ein zum „House of One“ – dem Haus, das in Zukunft eine Synagoge, eine Kirche und eine Moschee in einem Gebäude vereinen soll. Dass der 78-jährige Ben-Chorin diese Figürchen bei sich zu Hause platziert hat, bringt eines klar zum Ausdruck: Das „House of One“ ist ihm ein Herzensanliegen. Jetzt verlässt er die Stadt, noch bevor überhaupt der Grundstein für das Gebäude gelegt ist.

Am heutigen Freitagabend leitet Ben-Chorin zum letzten Mal den Schabbat-Gottesdienst in der Synagoge an der Pestalozzistraße in Charlottenburg. Sein Vertrag mit der jüdischen Gemeinde läuft aus, er wird in Zukunft als Rabbiner in der Schweiz arbeiten. Sechseinhalb Jahre hat Ben-Chorin in Berlin verbracht. Stolz erzählt er, dass im Laufe der Zeit seine liberalen Gottesdienste mehr und mehr Beter angezogen hätten und dass sich ein Gefühl der menschlichen Nähe zwischen ihm und den Gemeindemitgliedern entwickelt habe. „Ich werde die Leute aus der Synagoge vermissen“, sagt Ben-Chorin, „und das House of One.“

Im Grunde ist das „House of One“ auch ein Symbol für Ben-Chorin selbst und wie er seine Rolle als Rabbiner lebt: Den Menschen zugewandt, ganz gleich was ihre Religion oder kulturelle Herkunft ist. Es ist „seine Bereitschaft zum Dialog“, die Imam Kadir Sanci auf Nachfrage zu Ben-Chorin als erstes einfällt. Dass er auf die Menschen zugeht und hilft, wann immer er kann. „Er ist ein Mensch, der grundlos gar nicht ‚Nein‘ sagen kann“, sagt Sanci, der ihn im Zusammenhang mit dem „House of One“ mindestens zwei Mal die Woche sieht.

„Der Dialog ist für mich so wichtig, weil ich damit groß geworden bin“, sagt Ben-Chorin. Schon sein Vater, der 1935 vor den Nazis aus München nach Jerusalem geflohene Religionswissenschaftler Schalom Ben-Chorin, habe immer das Gespräch gesucht. Selbst als es nach 1945 noch keine diplomatischen Beziehungen zwischen Israel und Deutschland gab, setzte sich der Vater für den Besuch deutscher Jugendgruppen in Israel ein. Genauso habe seine Mutter, Gabriella Rosenthal, immer das Gespräch gesucht, sagt Ben-Chorin. Trotz der politisch angespannten Lage im Nahen Osten lud sie arabische Intellektuelle nach Hause ein.

Ob er Berlin vermissen wird? Ben-Chorin antwortet salomonisch. Im Laufe der Zeit habe er gelernt, nicht traurig zu sein, darüber was man verlasse, sondern sich darauf zu freuen, was komme. Wahrscheinlich hat der 78-Jährige einfach schon an zu vielen Orten gearbeitet, als dass er einer Stadt lange nachtrauern könnte. Als Rabbiner arbeitete er in den USA, England, Südafrika und viele Jahre auch in der Schweiz. Zurück lässt er hier aber Menschen, die sich seiner erinnern werden. Imam Kadir Sanci sagt: „Berlin wird ihn vermissen.“