Bildung

Unterricht im Container

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Regina Köhler

Steigende Schülerzahlen: Eine Liste des Senats zeigt, wo neue Klassenräume entstehen

Damit hat niemand gerechnet. Die Schülerzahlen an Berlins öffentlichen Schulen steigen so stark, dass viele Bezirke kaum noch wissen, wie sie die nötigen Schulplätze bereitstellen sollen. Nach Berechnungen der Bildungsverwaltung werden im Schuljahr 2022/23 mindestens 65.000 Schüler mehr versorgt werden müssen, als das gegenwärtig der Fall ist.

Mobile Schulergänzungsbauten sollen dieses Problem jetzt lösen. Bis einschließlich 2016 sind bereits 23 solcher Bauten beantragt, die meisten in Pankow, Lichtenberg und Marzahn-Hellersdorf. Andere in Friedrichshain-Kreuzberg, Spandau, Treptow-Köpenick und Reinickendorf.

Notsituation in Bezirken

Doch dabei wird es nicht bleiben. Bis Ende März können die Bezirke weitere Ergänzungsbauten beantragen. Das Geld dafür kommt aus dem „Sondervermögen wachsende Stadt“. Aus diesem Topf stehen zusätzlich 18 Millionen Euro für die Errichtung von Schulcontainern bereit. Der Bezirk Mitte will diesen Geldsegen nutzen und hat bereits einen Schulergänzungsbau beantragt.

Mittes Bildungsstadträtin Sabine Smentek (SPD) sagte der Berliner Morgenpost, dass es um den Standort Chausseestraße Ecke Boyenstraße geht. „Das ist in der Nähe des BND-Neubaus. Dort werden gerade viele Wohnungen gebaut. Zusätzliche Schulplätze sind deshalb nötig.“

Die Bildungsexpertin der Grünen, Stefanie Remlinger, warnte indes davor, Ergänzungsbauten in großem Stil zu errichten. „Wir brauchen zwar dringend mehr Schulplätze, die Ergänzungsbauten dürfen ein Schulneubauprogramm aber nicht ersetzen.“ Nötig seien moderne Schulbauten, die den veränderten pädagogischen Ansätzen wie Inklusion oder Ganztagsbetreuung Rechnung tragen.

Neuköllns Bildungsstadträtin Franziska Giffey (SPD) sieht das genauso. Der Berliner Morgenpost sagte sie jedoch, dass Berlin sich gegenwärtig in einer Notsituation befindet. „Wir haben keine andere Wahl. Es geht jetzt erst einmal darum, den Unterricht für alle Kinder sicherzustellen.“ Noch vor fünf Jahren sei nicht absehbar gewesen, dass die Schülerzahlen derart zunehmen werden. „Das hat vor allem mit dem großen Zuzug zu tun.“ Berlin werde als Wohnort immer beliebter. Außerdem kämen auch mehr Flüchtlinge in die Stadt.

Neukölln hat bisher allerdings keine Schulergänzungsbauten geplant. Dort sollen in den kommenden Jahren stattdessen drei Schulneubauten realisiert werden. Die Clay-Sekundarschule wird ein neues Haus bekommen, ebenso die Leonardo-da-Vinci-Schule. Außerdem ist ein zusätzlicher Bau für die Rütli-Schule geplant. „Mit diesen Neubauten wollen wir Standards setzen für den modernen Schulbau“, sagte Giffey.

Neubau ist wesentlich teurer

Auch Mittes Bildungsstadträtin Sabine Smentek forderte eine Fachdiskussion darüber, wie die Schulen der Zukunft aussehen sollen. Die mobilen Ergänzungsbauten seien bei Lehrern durchaus beliebt. Sie seien funktional und hätten mit den Schulcontainern der 50er-Jahre nichts mehr gemein, sagte sie.

Langfristig gesehen müsse es trotzdem darum gehen, Schulsanierung und Schulneubau den veränderten pädagogischen Konzepten anzupassen. Die Räume müssten flexibel zu nutzen sein. „Wir brauchen Lerninseln, viel mehr kleinere Räume, mobile Trennwände, spezielle Räume für die Nachmittagsbetreuung.“ Schulen müssten zudem unbedingt über große Gemeinschaftsräume verfügen. „Nur dann können sie sich für den Kiez öffnen, Elterncafés einrichten, zu Ausstellungen und anderen Veranstaltungen einladen.“

Hält der Zuzug nach Berlin an, könnte die Schülerzahl in Zukunft sogar noch weiter steigen. Allein in Pankow fehlen schon bis 2017 nach Berechnungen des Bezirks 6000 Schulplätze. Ähnlich ist die Entwicklung in Lichtenberg. Bildungsstadträtin Kerstin Beurich (SPD) sagte der Berliner Morgenpost, dass bis 2018/19 mindestens 6200 Kinder und Jugendliche mehr im Bezirk leben werden als zurzeit. „Bis 2023 brauchen wir etwa 20 zusätzliche Schulen.“

Die Bildungsverwaltung setzt angesichts dieser Tatsachen auf mobile Schulergänzungsbauten. Bildungsstaatssekretär Mark Rackles (SPD) sagte, dass den Ergänzungsbauten die gleiche Nutzungsdauer eingeräumt wird wie herkömmlichen Schulbauten. Er antwortete auf eine kleine Anfrage von Stefanie Remlinger (Grüne), in der es um das Thema modulare Ergänzungsbauten ging. Rackles betonte, dass sich diese Bauten qualitativ nicht von den herkömmlichen Schulbauten unterscheiden würden, sie seien nur schneller errichtet.

Im Durchschnitt kostet ein Ergänzungsbau rund 2,5 Millionen Euro. Für einen Schulneubau müssen indes mindestens 15 Millionen Euro ausgegeben werden. Die Planungsphase für einen Schulneubau umfasst durchschnittlich sieben Jahre. In dieser Zeit werden die Arbeiten oft teurer als geplant. Ein Beispiel ist die Clay-Schule in Neukölln. Geplant wurde mit 29 Millionen Euro. Inzwischen liegen die Kosten bei 39 Millionen Euro.