Aktion

Radfahren gegen Radikalismus

Imame und Rabbiner wollen am Sonntag auf Tandems durch die Innenstadt fahren – als Symbol für Dialog und Verständigung

Für das Pressefoto haben Ferid Heider und Daniel Alter schon geübt. Das Bild zeigt den Imam der muslimischen Spandauer Teiba-Gemeinde und den Rabbiner der Jüdischen Gemeinde auf einem Tandem. So wollen sie am Sonntag durch die Innenstadt fahren. Sieben weitere Imame und drei weitere Rabbiner wollen ebenfalls gemeinsam in die Pedalen treten. „Für ein gesundes Klima untereinander und gegen alle Formen von Fremdenhass“, so formuliert es Imam Ferid Heider. „Gegen pauschale Islamfeindlichkeit“, sagt Rabbiner Daniel Alter.

Die Veranstalter rechnen damit, dass rund tausend Fahrradfahrer den Rabbinern und Imamen folgen werden. Los geht es um 17 Uhr an der Westseite des Brandenburger Tores. Weitere Stationen sind die Synagoge an der Oranienburger Straße oder die Mevlana-Moschee am Kottbusser Tor in Kreuzberg. Gegen 19 Uhr wollen die Imame und Rabbiner ihren Endpunkt am Gleisdreieck-Park erreichen.

„So etwas darf es nicht geben.“

Fazli Altin, Imam der Mevlana-Moschee und bis November vergangenen Jahres Präsident der Islamischen Föderation, wird ebenfalls aufs Tandem steigen. Man habe zuletzt viel über No-Go-Areas für Juden gelesen. „Das darf es nicht geben“, sagt Altin, und man müsse dagegen ein deutliches Zeichen setzen. Auf der anderen Seite sei er dankbar, dass sich Rabbiner mit der gemeinsamen Aktion gegen Islamfeindlichkeit positionierten. Yitshak Ehrenberg, Rabbiner der Zentralen Orthodoxen Synagoge in der Joachimsthaler Straße, sieht es ähnlich. „Wir müssen zeigen, dass man seine Religion pflegen kann und trotzdem respektvoll und tolerant miteinander umgehen muss.“

Wie nötig das ist, zeigt ein Blick auf die Kriminalstatistik. So registrierte die Polizei im vergangenen Jahr 192 Delikte mit antisemitischem Hintergrund. Die meisten Taten werden Rechtsextremisten zugeschrieben. Doch auch in einem Teil der muslimischen Community ist Antisemitismus salonfähig. Erst im Juli vergangenen Jahres „betete“ ein Imam in der Neuköllner Al-Nur-Moschee dafür, dass Allah die „zionistischen Juden“ vernichten möge. Hetze, Drohungen und Gewalt richten sich auch gegen Muslime. So registrierten die Behörden zwischen 2012 und 2014 bundesweit 78Attacken auf Moscheen. Auch in Berlin werden muslimische Gebetshäuser attackiert. Mal finden sich davor blutende Schweineköpfe, mal islamfeindliche Schmierereien oder Hakenkreuze.

Organisiert wird die Tandemfahrt von den Machern der Berlin Bicycle Week, der Initiative clevere Städte, die sich für die Interessen von Radfahrern einsetzt, und dem Projekt Meet2Respect des Vereins Leadership Berlin. Die meisten Rabbiner und Imame hätten bei der Anfrage sofort zugestimmt. „Den ein oder anderen mussten wir aber erst überzeugen“, sagt der Geschäftsführer der Initiative, Bernhard Heider. Wegen der unterschiedlichen Positionen zum Nahostkonflikt hätten sich einige Bedenkzeit erbeten. Zehn Tandems mit Rabbinern und Imamen will er bis Sonntag zusammenbringen. Wer mit wem unterwegs sein wird, ist noch nicht geklärt. Ebenso wenig wer lenken und wer „nur“ treten darf. „Aber daran wird es nicht scheitern.“

Auch ihm geht es um ein Symbol des Miteinander. Etwas mulmig ist ihm schon. „Den israelisch-palästinensischen Konflikt sollten wir bei der Fahrt besser ausklammern“, sagt Heider. Es gehe darum, ein Zeichen auszusenden, an dem sich Juden und Muslime in anderen Teilen der Welt orientieren könnten. Dies sei sinnvoller, als den Blick auf Konflikte in anderen Ländern zu richten.Namensvetter Ferid Heider sagt: „Beim Nahost-Konflikt sind unsere Ansichten verschieden. Aber wir müssen lernen, das auszublenden.“ Angst, dass das misslingt, hat er nicht. Er habe häufiger Kontakt mit Rabbinern, etwa bei gemeinsamen Besuchen in Schulen. Etwas Angst hat er vor der gemeinsamen Tandemfahrt aber dennoch. Ferid Heider: „Ich hoffe, dass ich nicht hinfalle und mir ein Bein breche. Tandem bin ich schließlich vorher noch nie gefahren.“