Architektur

Schöner Wohnen im Gasometer

Ein Studentenwettbewerb zeigt, wie der Stahlkoloss in Schöneberg künftig genutzt werden kann

Durch die Panoramascheiben des Restaurants in 80 Metern Höhe bietet sich den Gästen ein atemberaubender Weitblick über die Stadt. Wer es besuchen möchte, darf nicht unter Höhenangst leiden – denn nicht nur der Ausblick ist schwindelerregend. Der Aufstieg erfolgt über einen filigranen Treppenturm, der mit einem schmalen Steg mit dem Stahlskelett des Gasometers in Schöneberg verbunden ist. In der stählernen Rotunde selbst wohnen rund 600 Menschen in knapp 300 Wohnungen. Das zumindest ist die Zukunftsvision, die Jessica Kroll, 24, und Larissa Geilen, 26, von der TU Braunschweig für das Baudenkmal entworfen haben. Beim diesjährigen Architekturwettbewerb des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft haben die beiden damit den zweiten Preis gewonnen.

Gewinner aus der Schweiz

Der diesjährige Wettbewerb, zu dem die Studenten der Technischen Universitäten Berlin, Braunschweig und Dresden sowie die Universität Kassel und die Universität der Künste Berlin (UdK) aufgerufen waren, hatte die Aufgabe gestellt, sich mit dem „Bauen im Gasometer Berlin Schöneberg“ auseinanderzusetzen und insbesondere Ideen zu entwickeln, die eine Wohnnutzung in der 77 Meter hohen stählernen Rotunde vorsehen. Insgesamt 15 Arbeiten wurden eingereicht, drei hat die Jury mit Preisen in Höhe von insgesamt 10.000 Euro bedacht.

Den ersten Preis haben Adrian von Kaenel, 31, und Jan-Joël Schwarz, 27, aus der Schweiz gewonnen. „Wir sind als Gasthörer für ein Semester aus der Schweiz an die UdK Berlin gekommen“, sagt Kaenel. Dass ihre Vision eines „Bienenkorbs“ so erfolgreich sein würde, habe er nie gedacht. Die wabenartigen Module, die die beiden Schweizer in den Gasometer integrieren wollen, überzeugten die Jury jedoch – auch weil die beiden ganz elegant auch noch eine Bibliothek und ein Schwimmbad in ihren Entwurf integrierten. „Uns war wichtig, dass die öffentliche Nutzung nicht zu kurz kommt, denn der Gasometer sollte für alle Menschen da sein“, so Kaenel.

Seit Moderator Günther Jauch jeden Sonntagabend live aus dem Gasometer zum Polittalk im Ersten einlädt, ist das 1910 errichtete Baudenkmal deutschlandweit bekannt geworden. „Doch wir denken natürlich auch darüber nach, wie die weitere Nutzung aussehen soll“, sagt Reinhard Müller. Er ist seit 2007 Eigentümer des ehemaligen Gasag-Geländes, das inzwischen besser als Europäisches Energieforum (Euref) bekannt ist. Die angesiedelten Firmen und Forschungseinrichtungen – mehr als 100 mit rund 1500 Beschäftigten – arbeiten an Fragen der Energie und Mobilität, der Nachhaltigkeit und des Umweltschutzes.

Doch die Transformation des Geländes ist noch längst nicht abgeschlossen. Beinahe fertig ist ein neungeschossiges, ellipsenförmiges Bürogebäude, in das im Sommer die DB International GmbH mit 250 Mitarbeitern einziehen wird. Zudem ist bereits eine Baugrube für ein weiteres Bürogebäude ausgehoben worden, das 2016 bezogen werden soll. Auf dem Campus sollen insgesamt bis zu 25 Gebäudekomplexe mit 165.000 Quadratmetern Fläche entstehen. Mehr als 40.000 Quadratmeter davon sind fertig.

Doch die Krönung seines Campus wäre die Erweiterung des Areals um eine Wohnnutzung. Und die könnte, wie die Studenten im Wettbewerb beweisen, durchaus im Gasometer, dem Wahrzeichen des Euref-Campus, stattfinden. „Alles, was Sie hier sehen, ist das Ergebnis eines Studentenwettbewerbs und wird so ganz sicher nicht realisiert“, sagt Reinhard Müller, und klingt dabei beinahe traurig. Denn tatsächlich hat der Chef des Euref-Areals am Schöneberger Gasometer schon recht konkrete Pläne, die die Nutzung des Wahrzeichens betreffen. „Wir haben intern schon eine Machbarkeitsstudie erstellt“, sagt Müller.

Ab 2018 wird gebaut

Darin kommt sein Chefarchitekt Johannes Tücks zu dem Ergebnis, dass die Rotunde durchaus als Wohnort geeignet ist – allerdings nicht in den von den Studenten avisierten Dimensionen. Denn während diese sich über die Vorschriften des Denkmalamtes einfach hinweg setzen, muss Müller die Auflagen beachten. Und die besagen, dass die oberen beiden Stahlringe des Kolosses frei bleiben müssen. Deshalb kann der zu errichtende Neubau in seinem Inneren höchstens 57 Meter hoch werden. „Trotzdem bliebe so Platz für 100 bis 120 Wohnungen“, sagt Müller.

Und auch dem Sockel, in dem jetzt die Veranstaltungskuppel untergebracht ist, aus der Günther Jauch seit 2011 seine Talkshow sendet, hat er schon eine neue Zukunft zugedacht. „Ideal wäre hier ein Ausstellungsraum zur Energiewende“, sagt Müller. Dieser könnte 5000 Quadratmeter groß sein und trotzdem noch Platz für einen Kongressbereich mit 800 Sitzplätzen bieten. „Wenn wir so können, wie wir wollen, wäre das alles bis 2020 Realität“, sagt Müller und verweist auf die vielen Abstimmungen, die noch mit dem Bezirk geführt werden müssen. Bis tatsächlich mit dem Neubau im Gasometer begonnen werden kann, wird es jedoch ein paar Jahre dauern. Günther Jauch muss um sein Studio jedenfalls (noch) nicht bangen. „Wir wollen erst 2018 mit dem Bau beginnen“, sagt der Euref-Chef. Bis dahin könne der Talkmaster ruhig bleiben.