Anti-Lärm-Konzept

Wer feiern will, muss freundlich sein

Schauspieler sollen in Friedrichshain-Kreuzberg die Akzeptanz des Tourismus fördern

Schauspieler sollen ab Mai an den beliebten Partymeilen von Kreuzberg und Friedrichshain für Ruhe sorgen. Mit einem Pantomimen-Pilotprojekt, das die Tourismuswerber von „Visit Berlin“ jetzt präsentierten, sollen junge Touristen auf freundliche Weise darauf hingewiesen werden, dass Berlin nicht nur schön ist zum Feiern, sondern dass dort auch Menschen leben, die tags arbeiten und deshalb nachts Schlaf brauchen. An zunächst 15 Abenden sollen die Pantomimen zwischen Mai und Juli dort auftreten, wo besonders viel Lärm ist, kündigte Malena Medam von der Clubcommission Berlin an, die das Anti-Lärm-Konzept erarbeitete. Die Aktion sei eine von mehreren Ideen, die man in einer Studie in den vergangenen Monaten in anderen Städten erforscht habe.

Vorgestellt wurde das Projekt am gestrigen Donnerstag in einer gemeinsamen Pressekonferenz von „Visit Berlin“, der Clubcommission und dem Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, der schon seit Jahren mit den Folgen des zunehmenden Tourismus ringt. Allein, dass nun endlich alle Akteure an einem Tisch säßen, sei ein Erfolg, sagte Wirtschaftsstadtrat Peter Beckers (SPD).

300.000 Euro für Akzeptanz

Hintergrund ist die Uneinigkeit zwischen dem Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, in dem Anwohner seit Jahren mit zunehmendem Partylärm auf Straßen, Brücken und Bürgersteigen konfrontiert sind, und dem Senat. Der sieht im Tourismus in erster Linie einen wichtigen Wirtschaftsfaktor. 11,9 Millionen Übernachtungsgäste kamen im vergangenen Jahr nach Berlin, so Visit Berlin-Chef Burkhard Kieker, 4,8 Prozent mehr als im Vorjahr. Sie buchten 28,7 Millionen Übernachtungen, plus „einige Millionen“ in privaten Ferienquartieren, die statistisch nicht erfasst würden.

Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne) hatte ihrer Wut im vergangenen Sommer Luft gemacht. Sie forderte einen „Verhaltenskodex“ für die feiernde Jugend und konkrete Maßnahmen vom Land Berlin. Das wiederum reagierte. 300.000 Euro stellte die Wirtschaftsverwaltung Visit Berlin zur Verfügung, um „Projekte für mehr Akzeptanz“ zu entwickeln, so Kieker. Mit dem Geld wurde unter anderem die App „Going Local Berlin“ für Smartphones entwickelt, die Berlinbesucher aus touristischen Ballungsräumen in andere interessante Kieze der Stadt führen soll. Außerdem gebe es jetzt eine Ansprechpartnerin für die Bezirke, um den jeweiligen touristischen „Herausforderungen“ zu begegnen. Gemeint sind Lärm, Müll und Party-Exzesse.

Die Probleme sind je nach Ort sehr verschieden. Das fanden auch die Stadtplaner heraus, die im Auftrag von Visit Berlin in 21 europäischen Städten 37 „Maßnahmen“ gegen Partylärm auf ihre Übertragbarkeit überprüften. Darunter waren Plakatkampagnen und elektronische Dezibel-Anzeigen oder auch die Silencer genannten Mediatoren in München, die zum Beispiel auch gegen „Wildpinkler“ vorgehen. Auf Berlin passe aber eine kreativere Idee besser, so Malena Medam. Die Pantomimen, die in Brüssel als „Gentlemen noceurs“ (Lebemänner) buchstäblich mit Schirm, Charme und Melone um Rücksicht werben, sollen an der Spree im typischen „Berlin Style“ gekleidet auftreten. Die Kostüme könnten blinkende Leuchtdioden haben.

Ob das funktioniert, bleibt abzuwarten. Das Pilotprojekt, räumt Medam ein, laufe zunächst nur bis August. Auch könnten die Pantomimen nur an ausgewählten Stellen auftreten und mehrsprachige Informationen verteilen. Sie seien als freundliche Initiative und Berlinwerbung gedacht und sollten das Ordnungsamt oder die Polizei nicht ersetzen, so Medam und Kieker.

Partytreff Admiralbrücke

Doch genau Letztere ist im Zweifelsfall erforderlich. Diese Erfahrung hat auch Stadtrat Beckers gemacht. Er begleitete die Entwicklung der Admiralbrücke im Kreuzberger Graefekiez. Bei einer Sanierung in den 90er-Jahren wurde die romantisch gelegene Brücke über den Landwehrkanal verkehrsberuhigt und in der Folge zum Partytreffpunkt an Sommerabenden. Bürgerinitiativen und Mediatoren scheiterten bei dem Versuch, die Nachtruhe der Bewohner zu sichern. Beckers nennt es eine „freundliche Streife“ aus Ordnungsamt und Polizei, die letztlich im Sommer täglich ab 22 Uhr für Ruhe sorgte.

Ein solches Eingreifen wollen die Berlin-Werber verhindern. Man dürfe nicht vergessen, dass die Berlin-Touristen auch kämen, „weil sie an uns, an unserem Leben interessiert sind“. Berlin sei als Hauptstadt Taktgeber, auch was das Verhalten gegenüber Gästen betreffe. Kieker erwähnte auch: Bei einer Befragung an einer typischen Kreuzberger Kneipen-Straße habe man festgestellt, dass 60 Prozent der feiernden Gäste gewissermaßen Touristen waren – aus anderen Bezirken Berlins.