Sicherheit

Babys müssen zu Hause bleiben

Masern-Ansteckungsgefahr laut Ärzten zu groß – Impfung erst ab 11. Lebensmonat empfohlen

Die Masernwelle in Berlin nimmt kein Ende. Inzwischen sind seit Oktober schon 652 Menschen von der ansteckenden Krankheit befallen. Das sind 15 Fälle mehr als am Vortag gemeldet wurden. 171 Menschen werden derzeit im Krankenhaus behandelt, teilte die Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales mit. Ungewiss ist, ob nun auch ein zweiter Jugendlicher aus der am Montag vorübergehend geschlossenen Carl-Zeiss-Oberschule in Lichtenrade ebenfalls an Masern erkrankt ist.

Indes suchen besorgte Eltern von Kindern, die noch nicht im Impfalter sind, nach Antworten auf die Frage, wie sie ihre Babys vor einer Ansteckung schützen können.

Zu absoluter Vorsicht rät Jan Leidel, Vorsitzender der Ständigen Impfkommission: „Wenn man auf Nummer sicher gehen will, bleibt man in Berlin mit einem Säugling zurzeit besser zu Hause.“

Nestschutz durch die Mutter

Für Kinder im Alter zwischen elf und 14 Monaten empfiehlt die Ständige Impfkommission die erste kombinierte Schutzimpfung gegen Masern, Mumps und Röteln. Im Idealfall steht ein Baby unter dem sogenannten Nestschutz, nämlich wenn die Mutter gegen Masern geimpft ist oder die Krankheit bereits hatte. Letztlich ist aber jedes Kind bis zur Impfung einige Zeit ohne Schutz. Constance Frey, Sprecherin von Sozialsenator Mario Czaja (CDU) sagte: „Da Säuglinge unter neun Monaten noch nicht geimpft werden können, ist es entscheidend, dass das gesamte direkte Umfeld geimpft ist und auf diese Weise ein sogenannter Herdenschutz für den Säugling hergestellt wird.“

In diesen Tagen melden sich viele besorgte Eltern beim Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ). Der Sprecher, Jakob Maske, rät ebenfalls zu Vorsicht: Babys sollen „von allen Menschen ferngehalten“ werden.

Nicht ganz so streng sieht es die Leiterin des Gesundheitsamtes Tempelhof-Schöneberg, Amtsärztin Sina Bärwolff: „Eltern müssen genau abwägen, wohin man mit Kindern gehen kann, die noch nicht im Impfalter sind. Gegen einen Spaziergang an der frischen Luft ist gar nichts einzuwenden.“ Tatsächlich gefährlich aber sei die Nutzung etwa der öffentlichen Verkehrsmittel oder der Besuch von Veranstaltungen mit vielen Kindern. „Ratsam ist es, nur Kontakt mit Kindern zuzulassen, die schon geimpft sind.“ Das lasse sich etwa im Freundes- oder Verwandtenkreis klar absprechen.

Zurzeit gibt es in der Hauptstadt mehr als 80 beim Gesundheitsamt registrierte neue Masernfälle pro Woche. Ein nicht geimpftes Kleinkind ist bereits an Masern gestorben. Die Gesundheitsverwaltung hat alle Berliner dazu aufgerufen, ihren Impfschutz zu überprüfen und fehlende Immunisierungen nachzuholen. Bis zum Sommer soll es auch eine zentrale Impfstelle für Flüchtlinge geben – neben bereits bestehenden Angeboten.

Was den Kinderärzten vor allem Sorge bereitet, sind die 54 unter einem Jahr alten Kleinkinder, die in Berlin seit Oktober an Masern erkrankt sind. Denn es gibt eine tödliche Spätfolge der Krankheit, die chronische Masern-Gehirnhautentzündung (subakute sklerosierende Panenzephalitis, kurz SSPE). Dabei überwinden Masernviren die Blut-Hirn-Schranke im Körper, vor allem bei sehr kleinen Kindern. Sie vermehren sich dann im Gehirn und zerstören Nervenzellen. Bei einem Kind verläuft die Entwicklung dann rückwärts: Es verlernt zum Beispiel wieder zu sprechen, die Motorik bildet sich zurück. „SSPE tritt oft erst Jahre nach einer überstandenen Masernerkrankung auf und verläuft leider immer tödlich“, sagt BVKJ-Sprecher Jakob Maske. „Es gibt keine Therapie.“ Zwar kommen pro Jahr in Deutschland nur zwei bis sechs SSPE-Fälle vor. In Hessen ist die fünfjährige Aliana wegen der Masernspätfolge todkrank. Ihr Vater appellierte am Freitag eindringlich, sich gegen Masern impfen zu lassen. „Es ist unverständlich, warum die Leute nicht wach werden“, sagte er.

Keine Entwarnung

Wie berichtet, ist ein Schüler von der Carl-Zeiss-Oberschule an Masern erkrankt. Das Gesundheitsamt hatte nach einer Überprüfung für fünf Mitschüler ein Verbot ausgesprochen, zum Unterricht zu erscheinen. Bei vier von ihnen konnte mithilfe des Impfpasses oder ärztlicher Auskunft nun geklärt werden, dass bei ihnen keine Ansteckung besteht. Sie dürfen am Montag wieder zur Schule.

Bei einem fünften Jugendlichen allerdings besteht keine Klarheit. Der Schüler zeigt Symptome einer Erkältung. Diese gehen dem Ausbruch von Masern voraus. Daher werde, so Gesundheitsamtsleiterin Sina Bärwolff, beobachtet, ob der Jugendliche nun einen Ausschlag entwickelt. Ins Krankenhaus müssen aber nur Patienten mit besonders schlimmem Verlauf.