Unterkunft

Doch noch Platz in Westend

Anwohner wollte gegen Flüchtlingsunterkunft an der Eschenallee klagen – jetzt bereut er es

Sehr ruhig liegt die Eschenallee in Westend an diesem Freitagvormittag im Sonnenlicht. Selten sind Menschen auf der Straße zu sehen, der Autoverkehr tendiert gegen null. Die Gegend strahlt gutbürgerliche Gediegenheit aus, zwischen prächtigen Villen aus der Gründerzeit stehen Miethäuser aus den 60er- und 70er-Jahren. Doch hinter den gepflegten Fassaden gärt Unmut, wachsen Ängste – aber es gibt auch sehr große Solidarität. Anlass ist die Planung der Senatssozialverwaltung, in einem leerstehenden Gebäudekomplex an der Eschenallee 3 ein Flüchtlingsheim mit bis zu 500 Plätzen einzurichten. Zwei Anwohner wollten sogar gegen die Unterkunft in der ehemaligen Psychiatrie-Klinik klagen. Dies sei aber vom Tisch, wie einer der Initiatoren am Freitag gegenüber der Berliner Morgenpost versicherte. Andere Nachbarn gründeten ein Willkommensbündnis.

Am Freitagabend fand nun endlich der lange erwartete Diskussions- und Informationsabend statt, zu dem der Sozialstadtrat von Charlottenburg-Wilmersdorf, Carsten Engelmann, ins Gemeindehaus der Kirche Neu-Westend eingeladen hatte. Auch Sozialstaatssekretär Dirk Gerstle (beide CDU) sowie die Stadträte für Jugend- und Schule, Elfie Jantzen (Grüne) und Marc Schulte (SPD), standen Rede und Antwort. Mehr als 300 Anwohner kamen, die Veranstaltung musste in die Kirche nebenan verlegt werden.

Betreiber noch nicht ausgewählt

Der Abend verlief absolut friedlich, die Anwohner, die die Flüchtlinge willkommen heißen und ihnen mit Spenden und ehrenamtlicher Mitarbeit bei der Betreuung helfen möchten, hatten klar die Oberhand. Etliche Fragen, etwa zum Personalschlüssel, zum Wachschutz oder dem sozialpädagogischen Konzept im neuen Heim konnte Dirk Gerstle noch nicht beantworten, weil bislang kein Betreiber ausgewählt wurde. Das Verfahren laufe noch und werde erst in der kommenden Woche abgeschlossen, teilte er mit. Klar wurde aber, dass nach den Vorstellungen der Sozialverwaltung das Hauptgebäude Anfang März als Notunterkunft eröffnet und für sechs Monate zunächst 300 Menschen Obdach bieten soll. Parallel soll die Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM) zwei weitere Gebäude auf dem Areal sanieren und umbauen. Langfristig möchte die Sozialverwaltung dort 500 Menschen unterbringen. Das erschien einigen Anwohnern zu geballt. Das Bezirksamt verwies darauf, die genaue Zahl könne erst im Zusammenhang mit der Genehmigung für die Umbauten festgelegt werden. Das Bündnis „Willkommen im Westend“ möchte sich um die Flüchtlinge, die in der Eschenallee erwartet werden, kümmern. Das tut es auch für die rund 200 Asylbewerber, die derzeit in der TU-Sporthalle an der Waldschulallee untergebracht sind. Vertreter des Bündnisses forderten, diesen Flüchtlingen, zumindest aber den Familien und Kranken, dann schnellstmöglich einen Umzug in die Eschenallee zu ermöglichen. Dirk Gerstle sagte zu, das im Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) zu besprechen. Wenn auch am Freitagabend niemand in der Kirche laut sagte, dass er das Flüchtlingsheim nicht will, äußerten doch einige Anwohner die Besorgnis, Einbrüche und andere Delikte könnten dadurch zunehmen. Dirk Gerstle und Carsten Engelmann erklärten dazu, das sei ausweislich der Kriminalstatistik bei anderen Flüchtlingsheimen in Berlin entgegen aller Befürchtungen auch nicht der Fall gewesen.

Zwei Nachbarn aus der Kirschenallee hatten hingegen Ende Januar gravierende Bedenken gegen die Unterbringung von Asylbewerbern in ihrem Umfeld geäußert. „Abgesehen von sozialen Spannungen wird es zu einer erheblichen Abwertung unserer Wohngegend und somit zu einer Schädigung von Vermögenswerten kommen“, schrieben sie in einem Brief, den sie an rund 20 Anwohner schickten und der der Berliner Morgenpost vorliegt. Der Plan der Senatsverwaltung erschien ihnen „sowohl übereilt als auch baurechtlich fragwürdig“. Weil sie insbesondere die Zahl der vorgesehenen Heimplätze für zu hoch hielten, wollten sie gegen die Unterkunft klagen, beriefen sich auf einen ähnlichen Fall in Hamburg.

Zweifel an der Heimgröße

Manfred Klein*, einer der beiden Unterzeichner, würde das Schreiben am liebsten ungeschehen machen. Es sei leichtsinnig und überstürzt gewesen, eine schlechte Idee. „Es tut mir leid, wenn ich die Gefühle von Menschen verletzt haben sollte“, sagte der Arzt, der mit mehreren Kollegen eine Praxis in Charlottenburg betreibt, am Freitag der Berliner Morgenpost. Es werde von seiner Seite keine Klage geben, versicherte er. Er sei nicht gegen Flüchtlinge und auch nicht gegen diese Unterkunft. Bevor von Senatsseite Fakten geschaffen würden, habe er eine Diskussion anstoßen wollen, wie viele Asylbewerber diese Gegend vertragen könne. Schließlich gebe es drei weitere Heime in der Nähe, am Kaiserdamm, an der Rognitz- und an der Soorstraße. Zudem gehe es ihm auch um eine menschenwürdige Unterbringung der Flüchtlinge. Auch er frage sich, ob 500 Menschen in dem Gebäudekomplex nicht zu viel seien. * Name geändert