Geschichte

Die Spuren der Spiele

| Lesedauer: 9 Minuten
Philip Volkmann-Schluck

Herzstück der Veranstaltung 2024 oder 2028 in Berlin soll der Olympiapark werden – ein Ort mit dunkler Vergangenheit

Joachim Löw hatten sie vergessen. Der Trainer stand am Zaun, die Trillerpfeife noch um den Hals, er wollte mit der Nationalmannschaft nach der Übungseinheit zurück ins Hotel in Grunewald, aber der Bus mit Polizeieskorte war ohne ihn abgefahren. Ein klarer Fall für Lutz Imhof. „Jogi, ich kann dich bringen“, sagte er. Sie stiegen also in Imhofs alten Toyota, fuhren raus aus dem Olympiapark und mussten gleich wieder anhalten. Straße gesperrt. Klar, für die Nationalmannschaft. Imhof kurbelte die Scheibe herunter, ein Polizist schaute hinein, entdeckte Joachim Löw auf dem Beifahrersitz, sah noch einmal hin – Minuten später fuhr Imhof den heutigen Weltmeister-Trainer nach Grunewald, mit Polizeieskorte. Das war die Weltmeisterschaft 2006.

Eine schöne Erinnerung. Lutz Imhof hat viele solcher Erinnerungen. Der stellvertretende Leiter des Olympiaparks sitzt vor dem Computer und schaut auf eine bunte Tabelle: Zombie-Lauf, Colours Run, Weltmeisterschaft Moderner Fünfkampf, Herbert Grönemeyer Konzert. Und erstmals die jüdischen Maccabi European Games. Kaum ein Tag ist frei. Kürzlich war eine Delegation des Fußballverbandes Uefa da, um über das Finale der Champions League in diesem Sommer zu sprechen. Genauer: um jeden Stein umzudrehen. Rund 100 Mitarbeiter kommen fünf Tage lang und stellen zehn Stunden am Tag Fragen. „Es war schon das fünfte Mal, dass die Delegation uns besucht hat“, sagt Imhof. Er zündet sich eine Zigarette an.

Viel Gegenwart an einem Ort mit dunkler Vergangenheit. Nun will sich Berlin für Olympia 2024 oder 2028 bewerben, der Olympiapark soll das Herzstück der Spiele werden. Ein Versprechen auf eine unbeschwerte Zukunft. Die Olympischen Spiele im Jahr 1936 waren die ersten, für die ein bleibender Sportpark errichtet wurde. Wie immer wollten die Nationalsozialisten sich selbst ein Denkmal setzen. Das ist ihnen leider gelungen, einerseits. Andererseits bewegen sich rund 1,2 Millionen Menschen jedes Jahr im Olympiapark, die Waldbühne mitgerechnet. Sie kommen zum Fünfkampf-Training oder um Farbbeutel zu Technomusik in die Luft zu werfen, wie beim Holi Festival. Zwei solcher Veranstaltungen finanzieren die Betriebskosten für das denkmalgeschützte Reiterstadion, das nicht mehr für Wettkämpfe genutzt wird. 130 Hektar ist das Gelände groß, dazu gehören auch der Glockenturm, das Maifeld, eine Schwimmanlage und das Deutsche Sportforum.

Wenn Lutz Imhof sein Büro verlässt, schaut er zuerst auf eine Villa, die für den „Reichssportführer“ gebaut wurde. Der hieß Hans von Tschammer und Osten und hatte der Hochspringerin Gretel Bergmann die Teilnahme an den Spielen 1936 verboten. Weil sie Jüdin ist. Bergmann lebt in den USA, vergangenes Jahr ist sie 100 Jahre alt geworden. Kürzlich wurde die Straße nach ihr benannt. Jetzt lautet die einstige Adresse des „Reichssportführers“: Gretel-Bergmann-Weg 1. Imhof erzählt das mit Genugtuung. Sein Büro liegt übrigens am Gretel-Bergmann-Weg 2.

Ein Mann läuft Runden auf dem ehemaligen Reichssportfeld. Jeder darf hier trainieren, auch wenn Vereine immer Vorrang für die kostenlose Nutzung haben. Heute ist es still, Krähen kreisen. Das ist nicht gut. Krähen reißen den Rasen auf, um Larven zu fressen. Sie beschleunigen den Verfall. Die Larven müssen beseitigt werden, dann verschwinden auch die Krähen, sagt Imhof. Wer sich auf der größten Sportanlage Europas nicht um Details kümmert, verliert die Kontrolle. Imhof sagt, dass ohne sein 60-köpfiges Team, Angestellte der Senatsverwaltung und von beauftragten Dienstleistern, hier nichts laufen würde. Dauerbetrieb.

Schotte pflegt den Rasen

Einer der Männer, die gegen den Verfall ankämpfen, ist Alan Cairncross, 57, gebürtiger Schotte. Der Herr der Halme. 1987 kam er als Soldat nach Berlin. Damals hatten die Briten ihr Hauptquartier der alliierten Besatzung hier errichtet. Mit Bäckerei und Radaranlagen, ausgerüstet für eine Belagerung. Cairncross hat sich schon damals um den Rasen gekümmert. Die Briten spielten Rugby und Kricket. Heute pflegt er auch den Bundesliga-Rasen im Olympiastadion. „Fußballspielern ist es egal, ob der Rasen grün ist oder schwarz“, sagt er. „Aber der Rasen muss gerade sein, damit der Ball läuft.“ Englisch, sagt er, habe er schon fast verlernt. So lange lebt er schon in Deutschland.

So ist es eben: Das Eigendenkmal der Nazis haben zuerst die Briten erhalten. Zu Recht übrigens auf Kosten der Deutschen. „Besatzungslast“ hieß das. Der Olympiapark wäre gewiss zerfallen wie das olympische Dorf in Elstal. Die Briten haben vielerorts sogar die Reichsadler stehen lassen. Nur die Hakenkreuze sind herausgemeißelt worden. Kürzlich hat eine Satireseite im Internet die Senatskampagne für Olympia („Wir wollen die Spiele“) mit Motiven von 1936 unterlegt. Strahlende Soldaten.

Der Senat ging rechtlich dagegen vor. Man fragt sich, was das bringen soll. Niemand, der den Olympiapark betritt, kommt umhin, über 1936 nachzudenken. Zur Wahrheit gehört, dass die Architektur des Bösen fasziniert. Darin liegt eine Chance für alle, die weiterdenken. Es sind Menschen wie der Schotte Alan Cairncross, mit denen die Geschichte weitergeht. Der Prunk der Nazis wäre sonst nichts mehr als Futter für die Maden.

Vor der Weltmeisterschaft 2006 gab es den Aufruf, die Statuen auf dem Gelände zu verhüllen. Der Publizist Ralph Giordano sagte damals, die Statuen zeigten, dass Deutschland nicht konsequent mit seiner Vergangenheit umgehe. Da hatte Ralph Giordano grundsätzlich sicher recht. Aber lassen wir die Statuen trotzdem sprechen. Da gibt es die goldenen Adler vor dem Haus des Deutschen Sportes, übrigens gefeierte Architektur der 20er-, nicht der 30er-Jahre, inzwischen teilweise saniert und gut vermietet, wie die meisten Gebäude hier. Die Adler hat Waldemar Raemisch entworfen. Später wurde er wegen seiner jüdischen Ehefrau aus der Kunstkammer ausgeschlossen und ging ins Exil.

Das ist eine Geschichte. Für die andere Geschichte müssen wir durch ein Tor in einem verrosteten Zaun, rein ins Gestrüpp. Hier war mal die Liegewiese für ein Familienbad. Dort steht sie, die Boxerstatue. Riesenklotz. Schaut grimmig auf ein Tomatenbeet, das sich Gärtner hier angelegt haben. Max Schmeling hat für die Statue damals Modell gestanden, aber davon wollte er später nicht mehr viel wissen. Nun ja. Der Bildhauer dieses Werkes, Josef Thorak, hatte auch eine jüdische Frau. Er ließ sich scheiden und meißelte lieber Hitler-Büsten. Seine Frau und sein Sohn gelten als verschollen. Daran wird der klotzige Boxer noch lange erinnern. Das Teil ist so groß, vergammelt in tausend Jahren nicht.

Der Boxer hat einen seltsamen Nachbarn. Was aussieht wie ein Haufen Sperrmüll, sind die Reste des Podestes, auf dem die italienische Fußballnationalmannschaft 2006 im Olympiastadion die WM-Trophäe in die Höhe hielt. Dieses italienische Heiligtum auf dem Friedhof der Geschichte neben einem Nazi-Boxer. Oha, wenn das die Italiener wüssten. Lutz Imhof zuckt die Schultern. Die wissen das. Er hat vor Jahren schon versucht, das Podest zu verschenken. Ein paar italienische Restaurants hatten sich gemeldet, sie wollten das Teil im Garten aufbauen. Am Ende hat niemand das Stück Plastik mit „Fifa“-Logo abgeholt. Bald landet es im Müll.

Noch ein Blick in die Kuppelhalle, die alte Fecht-Arena. Ein Bau aus Stahlbeton, wie eine Raumstation. Beinahe originaler Zustand, viel ist hier nicht los, entspricht nicht mehr den heutigen Auflagen für Veranstaltungen. Es sieht fast noch so aus wie 1945, als hier ein hochrangiger Nazi vor traurigen Gestalten zum Volkssturm aufrief. Das „deutsche Sportfeld“ sollte verteidigt werden.

In der jüngeren Vergangenheit hat Mercedes hier mit der deutschen Nationalmannschaft eine Werbung für die erste A-Klasse aufgenommen. Wir erinnern uns: ein Auto, deutsche Ingenieurskunst, das die Welt erobern sollte. Das erste Modell scheiterte aber auf einer Teststrecke in Schweden. Die Blamage hieß: „Elchtest“. Aus der Spur geflogen. An diesem Ort, der 1936 die Zukunft sein wollte, wird das zu einer guten Erinnerung.

Lutz Imhof hat gerade nicht viel Zeit, darüber nachzudenken. Sein Handy klingelt wieder. Vielleicht ein Sportverein, der sich über die Krähen beschweren will. Oder ein Funktionär von der Uefa. Es gibt viel Arbeit für die Zukunft.