Erinnerungen

Als die Ärzte „Teenagerliebe“ im Europa-Center drehten

50 Jahre Hochhaus am Breitscheidplatz: Ein Sänger, der Architekt und ein Postbote erinnern sich an Eisbahn und Wasseruhr

Das Europa-Center wird 50 und will das Jubiläum am 2. April mit den Berlinern und seinen Gästen feiern. Einen kleinen Vorgeschmack liefert jetzt ein Buch, in dem Zeitzeugen ihre Erlebnisse schildern, die sie in dem markanten Hochhaus an der Gedächtniskirche hatten. „Berlins Weg in die Wolken“ (Raufeld Verlag GmbH, 24,80 Euro) heißt das Jubiläumsbuch von Hagen Liebing, für das er ein halbes Jahr recherchierte. Es liefert einen bunten Einblick in fünf Jahrzehnte Geschichte und Geschichten rund um das Wahrzeichen. Erzählt werden die Geschichten von Berlinern, für die das Europa-Center eine wichtige Rolle spielte und spielt. Mit 50 geht es dem Geburtstagskind gut. Auch im Europa-Center werden inzwischen Spitzenmieten von 333 Euro pro Quadratmeter und Monat erzielt. Die Zeiten, in denen in der City West viele Büros leer standen, gehören längst der Vergangenheit an. Von den 36.000 Quadratmetern Bürofläche im Europa-Center ist bis auf eine halbe Etage alles vermietet, auch bei den Läden gibt es nur eine kleine Freifläche.

Kabarettist und Schauspieler Hans Werner Olm, inzwischen 60 Jahre alt, hat bis heute bleibende Erinnerungen an das Europa-Center: „Schließlich bin ich genau vor 40 Jahren mit dem D-Zug aus Bochum am Zoo angekommen und habe es mir sogar sofort angeschaut“, berichtete er bei der Buchvorstellung am Mittwoch im 20. Stock des Hochhauses, wo sich abends in der Puro Sky Lounge die Clubszene trifft. Er habe damals am Bahnhof fragen müssen, wo denn das Europa-Center sei, weil es vom Hochhaus am Zoo verdeckt wurde. Dort habe man sich mit Freunden aus Westdeutschland getroffen, im Musikgeschäft Bote & Bock habe er seine erste eigene Schallplatte gesehen. In seinen ersten zwei Jahren als Straßenmusiker in Berlin sei er allerdings aus der Halle auch immer wieder rausgeschmissen worden. Schon damals gab es einen Sicherheitsdienst. Und an die Eisfläche als „Kontaktbörse“ hat Olm noch jede Menge Erinnerungen: „Beim Schlittschuhlaufen hab ich mich regelmäßig auf die Schnauze gelegt und damit das Helfersyndrom junger Frauen geweckt. Meine erfolgreichste Anmachmasche ever“, bedankte sich Olm bei Berlins erstem Shopping-Center dieser Art.

RBB-Reporter Ulli Zelle musste bei der Vorstellung des Buches erst mal erklären, wieso sein Arm eingegipst ist. Bei einem Auftritt mit seiner Band „Ulli und die Grauen Zellen“ im Ballhaus Pankow ist er über Kabel gestolpert und kopfüber eine Treppe runtergestürzt. „Das ist eben Rock’n’Roll“, gab er sich tapfer. Doch die Hand ist gebrochen. Für ihn war das Europa-Center, als er 1972 nach Berlin kam (übrigens nicht wie Olm mit der Bahn, sondern schon mit dem eigenen Auto, einem Volkswagen 1200), auch Arbeitsstätte. Eine amerikanische Werbeagentur, für die er tätig war, hatte dort ihren Sitz. Für den Jungen aus Niedersachsen war das 20 Stockwerke hohe Gebäude ohnehin das Größte: „Das war ein neues tolles Gefühl, das war Großstadt“, erinnerte er sich. Eine Welt brach für ihn zusammen, als der Chef ihn durch das Fernglas schauend stolz auf die nackten Saunagäste in den Thermen aufmerksam machte, die draußen im Pool schwammen. Das japanische Restaurant Daitokai, das es bis heute gibt, beeindruckte auch Zelle, ebenso die nickenden Blumen im Lotus-Brunnen.

Briefträger Wolfgang Giese-Miezal, der für das Europa-Center seit dem 20. Oktober 1992 zuständig ist, könnte sich keinen schöneren und spannenderen Arbeitsplatz vorstellen: „Ich kenne alle Chefs und fast alle Angestellten, viele auch mit Namen. So haben wir unseren Beruf gelernt. Das Haus ist etwas ganz Besonderes. Nur freundliche Kunden, ja fast schon ein inniges Verhältnis hat man hier untereinander“, schwärmt der 57-Jährige von denen, denen er persönlich die Post bringt. Sogar Kindheitserinnerungen hat der gebürtige Spandauer noch an das Europa-Center. Damals habe er oft an der Bande bei der Eisbahn den Schlittschuhläufern zugeschaut. Später dann, 1973, mit langen Haaren, habe er als 16 Jahre alter Schüler stolz dem Gastschüler aus Glen Falls im US-Bundesstaat New York den i-Punkt im Europa-Center mit der Aussichtsplattform gezeigt. „Das Europa-Center war schon damals etwas ganz Besonderes. Es war neu und eben ganz anders als die Markthallen oder Kaufhäuser, die man sonst so kannte.“ Zum 30. Jubiläum des Hauses, am 2. April 1995, war der Postzusteller dann dabei, als plötzlich drei Elefanten ins Erdgeschoss spazierten. Bis zur Riesentorte, die Karl Heinz Pepper zum Jubiläum spendiert hatte. Ein Zirkus wollte Werbung machen, es fing an zu regnen, jemand hatte Mitleid und die Türen weit geöffnet. „Da hat der alte Herr Pepper aber auch ganz schön geguckt“, berichtet Giese-Miezal.

Architekt Ivan Krusnik, der von 1963 bis 2002 fürs Europa-Center tätig war, erinnert sich an die Anfänge, als Karl Heinz Pepper, der Vater des heutigen Eigentümers Christian Pepper, sein kleines „Rockefeller-Center“ in Berlin verwirklichte. „Es wurde in gut zwei Jahren gebaut.“ Aber auch nicht alle Pläne seien realisiert worden, erinnert sich Krusnik. So wollte der Bauherr ursprünglich auch ein Boulevardtheater an der Budapester Straße errichten. Doch es habe sich kein Betreiber gefunden. Die Theater-Familie Wölffer habe doch am Kurfürstendamm bleiben wollen. Kurzerhand habe Pepper umgeplant und ein Hotel gebaut. Krusnick erinnert sich aber auch noch an die Anfangszeit, als es eine große Rattenplage – vermutlich aus dem Zoo – gab. Die Tiere hätten es bis in die 14. Etage geschafft. Und auch die Windprobleme auf dem Tauentzien seien anfangs ein großes Thema gewesen. „Ein TU-Professor hat sogenannte Windfresser erfunden. Gestelle mit Lamellen wurden unten am Tauentzien aufgestellt. Leider haben sie nicht viel gebracht“, erinnert sich Krusnik.

DJ Mijk van Dijk kam 1985 nach Berlin, um hier die Clubszene zu entdecken. Seine Wohnung an der Keithstraße lag nicht weit entfernt vom Europa-Center, auf dem sich Tag und Nacht der Stern dreht. Und als 1989 die erste Love Parade mit drei Lastwagen und 150 Menschen am Europa-Center vorbei über den Kurfürstendamm zog, habe niemand gewusst, dass die von Dr. Motte organisierte Straßenparade mal so gut ankommen würde. „Der Sound auf der Straße des 17. Juni war aber immer viel schlechter als auf dem Tauentzien und dem Kudamm mit den Häuserschluchten“, sagt van Dijk. Dass der Westen gerade wieder im Kommen ist, freut ihn. Die Love Parade und auch die Clubszene hätten für das Image Berlins, ja sogar Deutschlands in der Welt, „so viel Positives geleistet wie es keine Werbekampagne der Welt“ hätte schaffen können. Und das Europa-Center als Symbol für West-Berlin sei immer wichtig gewesen.

Auch als Drehort hat das Europa-Center schön öfter als Kulisse gedient. 1984 drehte der Sender Freies Berlin (SFB) für sein TV-Jugendmagazin „45 Fieber“ den ersten Videoclip für „Die Ärzte“. „Da wir so gut wie kein Budget zur Verfügung hatten, war die Idee halt, an einem originellen Ort zu filmen“, berichtete Bela B. für das Jubiläums-Buch. Der Clip zum Song „Teenagerliebe“ zeigt das Trio auf der Treppe an der Wasseruhr. Farin habe die Idee gehabt, seine zwölfjährige Schwester mit in das Video zu nehmen. Sie wurde durch die Gänge des Centers verfolgt. Und es gab reichlich Rolltreppen. Das Gebäude kannten die Bandmitglieder ohnehin. „Weil wir dort in den 80ern hin und wieder abhingen.“