Studie

Kein Platz für Kongresse

Weil nach der Schließung des ICC Veranstaltungsorte fehlen, drohen Berlin Millionenverluste

Zahlungskräftige Kongressteilnehmer sind eine wichtige Stütze der Berliner Hotel- und Tourismusbranche. Aber seit mit dem Internationalen Congress Centrum (ICC) am Charlottenburger Messedamm der größte Tagungsort vom Netz genommen wurde, hat der Standort Berlin ein Problem. Viele größere Kongresse können nicht mehr in der deutschen Hauptstadt tagen, obwohl die Veranstalter dies gerne möchten.

Die Verluste für die Berliner Wirtschaft erreichen schon jetzt hohe zweistellige Millionenbeträge. Für die Jahre 2014 bis 2018 mussten bereits 32 Kongresse mit jeweils mehr als 2000 Teilnehmern abgesagt werden, darunter 17 Veranstaltungen mit sogar mehr als 5000 Personen. Diese Zahlen haben die Autoren einer „Bedarfsanalyse für ein weiteres Kongresszentrum in Berlin“ in eine aktuelle Untersuchung zur Marktlage in der Hauptstadt geschrieben. Es sei bereits der Fall, dass Kongresse „aufgrund mangelnder Kapazitäten“ nicht in Berlin stattfinden können. Hinzu kämen noch zehn Veranstaltungen von Firmen, die abgewiesen werden mussten.

Die Studie hatten die Berliner Messegesellschaft und die Tourismuswerber von Visit Berlin bei der Münchener TNS Infratest Verkehrsforschung in Auftrag gegeben. „Wenn sich diese Absagen in der Tagungsbranche herumsprechen, könnte dies dazu führen, dass manche Anfragen gar nicht mehr gestellt werden, sodass die Gefahr einer Abwärtsspirale droht“, schreiben die Autoren, darunter ein Professor für Tourismus.

Rechnet man die angegebenen Teilnehmerzahlen der verlorenen Kongresse nach den üblichen Kennziffern hoch, bedeuten die Absagen einen Verlust von mindestens 120.000 Kongressgästen, 80.000 Übernachtungen von auswärtigen Besuchern und rund 30 Millionen Euro Umsatz für die Dienstleister Berlins. Als Kernthese stellt die Untersuchung fest, dass der im vergangenen Jahr eröffnete City Cube auf dem früheren Areal der Deutschlandhalle das im April geschlossene ICC nicht adäquat ersetzen kann. Das neue Gebäude seit zwar mit maximal 11.000 Teilnehmern theoretisch groß genug. Allerdings sei der City Cube über ein Drittel der für Kongresse relevanten Jahreszeit durch Eigenveranstaltungen der Messe belegt. „Die Messe zweckentfremdet den City Cube“, sagte jüngst ein Senatsmitglied im vertraulichen Gespräch.

Zuletzt war der Kongresstourismus in Berlin eine Erfolgsgeschichte. 2013 haben die Kongressexperten von Visit Berlin 126.200 Veranstaltungen mit 10,6 Millionen Teilnehmern gezählt, was über zehn Jahre einem Plus von knapp 60 Prozent bei den Events und 70 Prozent bei den Teilnehmern entspricht. Die meisten Treffen fanden in privaten Tagungshotels statt. Nur ein minimaler Anteil entfiel auf Großveranstaltungen mit 2000 oder mehr Personen. Insgesamt setzte der Kongresssektor in Berlin 2013 mehr als zwei Milliarden Euro um.

Dennoch warnen die Gutachter vor künftigen Einbußen, sollte es kein neues Kongresszentrum in der Stadt geben. Berlin werde weltweit Marktanteile einbüßen. Denn auch die vom Neuköllner Estrel-Hotel geplante Erweiterung um zwei Hallen mit zusammen 5200 Plätzen könnte die Lücke vor allem für internationale Verbände und Organisationen kaum schließen, weil sich das Estrel auf Firmenveranstaltungen konzentriere.

Während andere Städte wie Istanbul oder Barcelona neue Zentren eröffnet hätten, würden in Berlin die Kapazitäten in den nächsten Jahren allenfalls stagnieren, während der internationale Markt für Großkonvente wachse, von derzeit 300 pro Jahr auf 375 (2023).

Messe-Chef Christian Göke sagte vor einiger Zeit im Hauptausschuss des Abgeordnetenhauses, er gehe davon aus, dass bei den Kongressen in Berlin „Geschäft liegen bleibe“. Er nannte aber auch die Prioritäten seines Unternehmens. Es müsse alles getan werden, um die fünf Berliner Leitmessen Funkausstellung, Internationale Tourismusbörse, Grüne Woche, Innotrans und Fruit Logistica in der Stadt zu halten. Diese brächten 50 Prozent des Umsatzes, so Göke.

Die Messe braucht die Einnahmen aus diesen Veranstaltungen und hält für sie deswegen auch den City Cube an drei Monaten im Jahr frei. Denn die Gesellschaft steht unter Druck. Die Unterhaltung des in die Jahre gekommenen Messegeländes am Funkturm kostet 50 Millionen Euro, demnächst muss der Senat mit Forderungen nach Investitionshilfen aus dem Haushalt rechnen.

Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer (CDU) will dem von Berlins Hoteliers erhobenen Ruf nach einem neuen Kongresszentrum oder einer Sanierung des ICC nicht folgen. „Für uns ist das keine valide Studie“, sagte Yzers Sprecherin. Deshalb sei sie auch noch nicht offiziell veröffentlicht. Bei Visit Berlin wollte man sich nicht äußern. Die Messegesellschaft ließ über einen Sprecher wissen, sie habe keine Kongresse abgelehnt. Die Münchener Autoren der Studie waren am Donnerstag nicht zu erreichen.