Wintereinbruch

Flugschnee wird für S-Bahn zum Schnee-Fluch

Vor allem die Linien S2, S25, S7 und S9 von Weichenstörungen betroffen

Kurz nach Mitternacht ging es los: Die ersten weißen Flocken fielen. Als der Frühdienst, der für die Berliner S-Bahn im sozialen Netzwerk Twitter über Verspätungen und Zugausfälle informiert, um 6 Uhr seinen Dienst antrat, war er noch optimistisch: „Einen schönen guten Morgen in einem weißen Berlin und Brandenburg“, wünschte er um 6.07 Uhr, um wenige Minuten später hinterherzuschieben: „Leider kommt es witterungsbedingt auf allen Linien zu Verspätungen und Ausfällen. Das Weiße hat eben eine dunkle Seite.“

Ausreichend Zeit einplanen

Von da an hatte er gut zu tun. Zuerst gab es Zugausfälle auf der S2, S25 und S7: Zwischen Bernau und Blankenfelde, Hennigsdorf und Teltow sowie Zehlendorf und Potsdam fuhren die Züge nur im 20-Minuten-Takt. Um 6.59 Uhr war die erste Weichenstörung in Baumschulenweg zu vermelden, die S9 zum Flughafen Schönefeld konnte zwischen Treptower Park und Baumschulenweg nicht fahren. Wer vom Flughafen aus in den Urlaub starten wollte, musste ausreichend Zeit einplanen, um die gesperrte Stelle zu umfahren.

Kurze Zeit später waren auch die Fahrgäste zwischen Schönfließ und Blankenburg auf Busse angewiesen, es folgten Weichenstörungen am Bahnhof Bornholmer Straße, am Westkreuz und in Griebnitzsee. Eine Signalstörung und ein Notarzteinsatz sorgten für weitere Verspätungen, mit deren Folgen die S-Bahn den ganzen Tag lang zu kämpfen hatte. Auf den meisten Bahnhöfen blieb die Lage dennoch vergleichsweise entspannt – wahrscheinlich auch deswegen, weil in den Weihnachtsferien weniger Pendler aus den Außenbezirken in die Innenstadt unterwegs waren. „Petrus ist wahrscheinlich ein S-Bahner“, vermutete der stellvertretende Vorsitzende des Fahrgastverbandes Igeb, Jens Wieseke: „Deshalb hat er den ersten Schnee in die Zeit zwischen den Jahren gelegt.“ Wer an den Tagen zwischen Weihnachten und Neujahr zur Arbeit musste, sei dort auch angekommen, sagte Wieseke, die Verspätungen seien nicht allzu groß gewesen. Auf den Innenstadtstrecken kam es kaum zu Problemen, sodass die zahlreichen Silvestertouristen in Berlin von den Weichenstörungen und Verspätungen wenig mitbekamen.

Der S-Bahn komme zugute, dass sie „eine Menge gemacht“ habe, nachdem es in mehreren Jahren nacheinander zu großen Problemen gekommen war, sagte Wieseke. Im Winter 2008/2009 kam es wegen defekter Türen zu erheblichen Ausfällen. Von Frühsommer 2009 an konnte nur noch ein Viertel der Züge eingesetzt werden, weil die übrigen nicht fristgerecht geprüft worden waren. Ab Dezember 2009 wollte die S-Bahn eigentlich zum Normalfahrplan zurückkehren – stattdessen musste wegen erneuter technischer Schwierigkeiten selbst der Notfahrplan ausgedünnt werden. Und auch im Winter 2010/2011 gab es Probleme.

Neun von zehn Weichen beheizt

Die Personalplanung sei seitdem verbessert worden, lobte Wieseke. Außerdem seien keine Zugstörungen gemeldet worden, das stimme ihn „hoffnungsfroh“. Er rechne allerdings damit, dass Flugschnee, so wird sehr feiner Schnee bezeichnet, auch bei den Triebwagen der S-Bahn zu Problemen führen könne, weil er wie feiner Staub in die Antriebseinheiten eindringe. Diese seien luftgekühlt und könnten deshalb nicht abgedichtet werden.

In Berlin waren im vergangenen Jahr etwa 900 der 1000 Weichen beheizt, um sie weniger anfällig für Eis und Schnee zu machen. Dass dennoch vor allem Weichenstörungen beim ersten richtigen Schnee in diesem Winter zu Verspätungen und Ausfällen führten, konnten die Heizungen aber nicht verhindern. Flugschnee hatte sich in den Weichenzungen festgesetzt und so die Weiche blockiert.

Die Reinigung der Weichen übernehmen Schneeräumkräfte. Diese müssen allerdings erst zu dem jeweiligen Einsatzort fahren. Da auch der Straßenverkehr in Berlin durch den Schnee beeinträchtigt war, mussten einige Fahrgäste lange warten, bis die Weichen gesäubert waren und die Strecken wieder freigegeben werden konnten. Früher sei die Aufsicht auf den Bahnhöfen oft ein ausgebildeter Betriebseisenbahner gewesen und habe die Reinigung der Weichen zumindest in Bahnhofsnähe selbst übernehmen können, sagte Wieseke.

Zudem habe es früher mit mehr Personal schneller die Möglichkeit gegeben, Pendelverkehre einzurichten, sagte Wieseke. Jetzt hingegen müssten die Züge warten, bis die Strecke wieder frei sei. Dabei räche sich auch, dass viele Streckenabschnitte in Berlin eingleisig seien: „Jede Verspätung schlägt sofort auf den Gegenzug durch.“

Auch deshalb gab es am Montag noch zahlreiche Verspätungen, als die Weichenstörungen bereits behoben waren. Ein S-Bahn-Fahrer sagte der Berliner Morgenpost am Mittag, dass die Bahn den Fahrplan weiterhin nicht einhalten könne, weil viele Züge umgeleitet worden seien: „Hier herrscht Chaos.“