Interview

„Der Hype wird weitergehen“

Stefan Franzke, Chef der Fördergesellschaft Berlin Partner, zieht eine positive Bilanz für das Jahr. Vorbild bleibt aber das Silicon Valley

Seit einem halben Jahr steht Stefan Franzke an der Spitze der Wirtschaftsfördergesellschaft Berlin Partner. Der frühere Geschäftsführer des Innovationszentrums Niedersachsen ist gut in Berlin angekommen, hat sich inzwischen eingelebt in Charlottenburg. Franzke kann sogar mit dem Rad zur Arbeit ins Ludwig-Erhard-Haus fahren. Völlig entspannt sitzt er in seinem bescheidenen Büro im dritten Stock der Industrie- und Handelskammer an der Charlottenburger Fasanenstraße. Seine Bilanz nach sechs Monaten: Berlin entwickelt sich gut, kann aber noch mehr Potenzial entfalten.

Berliner Morgenpost:

Herr Franzke, wie gut war das Jahr für Berlin Partner?

Stefan Franzke:

2014 war super. Wir haben mehr Projekte angesiedelt und begleitet als in früheren Jahren. Das Vorjahr war mit mehr als 300 Millionen Euro Investitionssumme schon gut. In diesem Jahr kommen wir voraussichtlich auf über 500 Millionen Euro von Unternehmen, die neu nach Berlin gekommen sind oder erweitert haben. Klasse ist auch, dass wir eine hohe Anzahl von Unternehmen angesiedelt haben, die aus der industriellen Produktion kommen.

Können Sie ein paar Unternehmen nennen?

Da ist zum Beispiel Brose, ein Hersteller von Antriebssystemen für E-Bikes, oder Hella Aglaia, ein Funktionsentwickler für visuelle Sensorsysteme, oder auch Polar Refrigeration, ein Aggregatehersteller für Kältetechnik. Wir haben über 200 erfolgreiche Projekte, da fällt es mir schwer, eines rauszugreifen. Aber wir haben in der Industrie und in der Gesundheitswirtschaft mit jedem Arbeitsplatz auch eine überdurchschnittliche Investitionssumme. Für ein Shared Service Center braucht man lediglich eine Telefonanlage, da gehen Projekte mit 300 Mitarbeitern mit einer Investition von zwei Millionen Euro durch. Wenn eine Firma in Reinickendorf eine neue Presse baut, investiert sie fünf Millionen, schafft aber nur drei Arbeitsplätze. Die sind aber auf Dauer, weil niemand diese Maschinen versetzt.

2014 war für Berlin Partner das erste Jahr nach der Fusion mit der Technologiestiftung. Wie hat sich die Zusammenarbeit entwickelt?

Die Stiftung selbst gibt es ja noch, wir sind mit dem operativen Teil, der Innovationsgesellschaft, fusioniert. Zu einzelnen Branchen gibt es gemeinsame Teams, in denen alle Funktionen vertreten sind. Die Geschäftsprozesse sind sauber, aber eine Fusion muss man auch leben. Da können wir noch besser werden. Aber wir haben Wirtschaft und Wissenschaft zueinander gebracht, da liegt das große Potenzial der Wirtschaftsförderung in Berlin.

Ihr neuer Aufsichtsratschef, der Medizintechnik-Unternehmer Andreas Eckert, findet ja oft skeptische Worte zu diesem Thema. Wir pumpen in den sogenannten Lebenswissenschaften Milliarden in die Forschung, aber es gibt nur eine Handvoll ernsthafte Unternehmen in der Stadt. Wie lässt sich da ökonomisch mehr rausholen?

Da ist nach oben viel Luft. Aber Berlin verhält sich genauso wie Deutschland insgesamt. Wir sind nicht das Paradebeispiel, um das Wissen, was mit Steuergeldern in Universitäten und Instituten entsteht, in Geld zu transferieren. Wir sind hervorragend in der Invention, also der Erfindung. Wenn es um Innovation geht, also darum, aus Ideen wettbewerbsfähige Produkte zu machen, hapert es. Aber das Gründungsklima an den Hochschulen und in deren Umfeld ist in Berlin so gut wie nirgendwo in Deutschland. Die Hochschulen werben ja ungemein viele Drittmittel von Geldgebern ein. Es gilt, diese Exzellenz in der anwendungsorientierten Forschung wirklich in die Unternehmen reinzubringen.

Es heißt, die Verwaltung sei nicht wirtschaftsfreundlich. Stimmt das?

Die Berliner Verwaltungen sind so heterogen wie Berlin selbst. Es gibt exzellente Verwaltungsprozesse und Personen, und zwar in Bezirken und auf der Landesebene. Es gibt aber auch Stellen, wo Sie den Kopf schütteln. Da wird das weitgehend ignoriert, was in Berlin gerade stattfindet: ein Bevölkerungswachstum und die Attraktivität der Stadt für nicht-europäische Arbeitnehmer. Da sprechen wir zum Beispiel über Arbeitserlaubnisse. Die Verwaltungen müssen sich der Situation stellen, dass mehr Ausländer hier arbeiten wollen.

Sie meinen die Ausländerbehörde.

Wir sind dabei, gemeinsam Verfahren abzustimmen, damit sehr schnell entschieden werden kann. Das muss man dann noch umsetzen. Ich nenne mal einen klassischen Fall: Ein Amerikaner kommt nach Berlin zum Studieren. Er besorgt sich eine Wohnung, bleibt zwei Jahre, zieht drei Mal um. Dann fängt er an zu arbeiten in der digitalen Wirtschaft und braucht eine Arbeitserlaubnis. Da fragt die Behörde: Wo kommst du her? Du hast dich nicht angemeldet, nicht umgemeldet, was hast du hier gemacht? Amerikaner kennen das Anmeldewesen nun mal nicht von zu Hause. Es sind oft Banalitäten, weswegen man nicht vorwärts kommt. Und Verwaltungen tun sich manchmal schwer, mal schnell nachzufragen und zu klären, ob der nun hier studiert hat oder nicht. Dann kriegt der auch seine Arbeitserlaubnis. Wenn man aber ein halbes Jahr braucht, um diese Frage zu stellen, dann hat man ein Problem. Das müssen wir schnell ändern. Wir qualifizieren inzwischen die Personalabteilungen von zukünftig großen Unternehmen wie Wooga, ResearchGate oder Rocket Internet, wie sie mit solchen Fällen umgehen.

Alle reden über die Berliner Start-ups, die ersten Firmen wie Zalando, Rocket Internet und SoundCloud sind inzwischen Milliarden wert. Wird der Boom weitergehen?

Das ist kein Hype, der in sich zusammenfällt. Berlin ist Gründerstadt – das ist Fakt. Natürlich gehen einige vom Markt, das ist eine normale Bereinigung. Die genannten Beispiele sind extrem wichtig, um darzustellen, dass Berlin auch einen Erfolg hat. Dass man es schafft, Unternehmen aufzubauen, die viel Geld von privaten Investoren bekommen oder sogar an die Börse gehen. Ich habe keine Angst, dass das einbrechen könnte.

Was kann Berlin vom Silicon Valley lernen?

Deren Erfolg basiert darauf, dass sie ein geschlossenes Ökosystem für Gründungen bilden. In Berlin bildet sich das auch gerade heraus. Wir haben die ersten jungen Gründer, die erfolgreich einen Exit hatten und ihr Geld jetzt selber wieder investieren. Dieser Generationsdurchlauf bringt viel mehr, weil sie Profis dabeihaben. Dann brauchen wir spezialisierte Anwälte, Personaldienstleister, Makler und so weiter. Wenn so ein System in Fahrt kommt, bildet es eine positive Spirale.

Müsste man nicht das Thema wachsende Stadt übergeordnet diskutieren? Gleichzeitig wollen wir in der Innenstadt viele Wohnungen bauen, da sind Plätze für Gründer eher nicht vorgesehen.

Als Wirtschaftsförderer interessieren mich Wohnungen weniger als Gewerbefläche.

Aber sind nicht auch die Wohnungen entscheidend? Dass man in Berlin günstig in der Innenstadt wohnen konnte, hat doch zum Boom beigetragen.

Das stimmt. Ich als Neumieter in Berlin habe das selbst erfahren. Der Nachbar meiner Altbauwohnung in Charlottenburg, der vor acht Jahren eingezogen ist, zahlt die Hälfte pro Quadratmeter. Aber machen wir uns nichts vor: Wenn wir von 50.000 zusätzlichen Einwohnern pro Jahr sprechen, dann sind das wohl nicht alles Transferempfänger. Denen will die Stadt auch Arbeitsplätze bieten. Aus Kultursicht wird argumentiert, ein wesentliches Plus für Berlin sei die Subkultur, die Freiräume, für die sich keiner interessiert hat. Irgendwie hat jeder recht. Man hat eine Flächenkonkurrenz.

Muss man Flächen für Gründungen öffentlich gefördert bereitstellen oder macht das der Markt? Was der macht, kann man ja an Ihrer Wohnung sehen. Wir bezweifeln, dass das bei Gewerbeimmobilien anders ist.

Die Factory in Mitte oder der Euref Campus in Schöneberg zeigen, dass man auch privatwirtschaftlich Flächen entwickeln kann. Dennoch ist es richtig, vermehrt in den Ausbau von subventionierten Gründerzentren zu investieren. Über die Vergabe von Liegenschaften nach den besten Konzepten anstatt über den Höchstpreis kann man beides haben und in begehrten Innenstadtlagen solche Projekte entwickeln.

Wie kann die Repräsentanz der jungen Unternehmen verbessert werden? In der IHK trifft sich eher die traditionelle Wirtschaft.

Diese Beobachtung ist vollkommen richtig. Es ist aber notwendig, jungen Firmen einen Zugang zu verschaffen. Wir dürfen nicht Gründer gegen etablierte Unternehmen ausspielen. Die eigentlichen Potenziale liegen in der Verknüpfung von Firmen mit ausgereiften Geschäftsmodellen mit den frischen Ideen von Start-ups. Das Schlimmste, was passieren kann, ist ein Gegeneinander.

Wie gut wird das nächste Jahr für Berlin?

Die Messlatte liegt höher im kommenden Jahr. Ich sehe aber, dass das Fenster der Möglichkeiten für Berlins Wirtschaft noch geöffnet ist. Die Erfolgswelle wird weitergehen. Aber wir kommen ja auch von einem Niveau, wo wir noch ganz viel Erfolg haben sollten.