Medizin

Weihnachtswunder mit kleiner Narbe

Mit zehn Tagen wird Max am Herzen operiert. Er lebt – das größte Geschenk für die Eltern

Die Eltern erklären es Max wie einem Erwachsenen. Dass er operiert werden müsse. Dass es nicht schön werden würde und er sich bestimmt frage, warum das alles nötig sei. Sie sagen ihm, dass er die OP brauche, um weiterleben zu können. „Du gibst dein Kind ab und hoffst einfach nur, dass alles gut wird“, sagt der Vater. An diesem Tag ist Max zehn Tage alt.

Zwei Tage vor dem zweiten Advent wird er im Herzzentrum am offenen Herzen operiert. Neun Stunden an einem Organ so groß wie eine Walnuss. Sie tauschen eine Herzklappe aus, flicken ein Loch, Arterien und Adern werden geweitet. Vier Tage später die zweite Operation. Geblieben ist eine Narbe.

Max hat eine kleine Schwester, Marie. Sie kommt gesund zur Welt. Am 2. Dezember, zwei Wochen vor dem errechneten Geburtstermin, werden die Zwillinge per Kaiserschnitt im Virchow Klinikum der Charité in Wedding geboren. Um 8.34 Uhr Max, 2780 Gramm, eine Minute später Marie, 2975 Gramm. Kräftig für Zwillinge. Max und Marie haben sich mit der Geburt Zeit gelassen. „Als hätten sie geahnt, wie wichtig es sein würde, groß und kräftig auf die Welt zu kommen“, sagt Mutter Sandra Lüdde.

Seit einem Monat wohnen sie, ihr Mann Gerhard und Marie in einem kleinen Apartment des Ronald-McDonald-Hauses in Wedding. Draußen rauscht der Verkehr der Seestraße vorbei. Doch im Haus ist es ruhig, warm, ein Zuhause auf Zeit. Viele Eltern bleiben lange, manche für Jahre. Ihre Kinder sind schwer krank und werden im Herzzentrum oder im Virchow-Klinikum behandelt. Sandra und Gerhard Lüdde, beide Finanzbeamte, kommen eigentlich aus Gifhorn, nahe Braunschweig. Doch als klar war, ihr Sohn würde mit einem Herzfehler geboren werden, wollten sie die bestmögliche medizinische Versorgung für ihr Kind haben. „Dass wir hier wohnen können, ist eine enorme Erleichterung für uns“, sagt Gerhard Lüdde. Der Weg zum Herzzentrum, wo Max liegt, ist kurz. Dort können sie sich ganz auf ihre Kinder konzentrieren, auf die sie so sehnlich gewartet haben.

„Die Welt war rosarot"

Die Schwangerschaft mit Max und Marie war der Sechser im Lotto für die Lüddes. Zwei Jahre lang haben sie versucht, ein Kind zu bekommen. Dann entschieden sie sich für eine künstliche Befruchtung. Die anderen Frauen, die schon viele Versuche hinter sich hatten, sagten: „Seid nicht enttäuscht, wenn es nicht beim ersten Mal funktioniert.“ Es hat funktioniert. „Wir waren wochenlang auf Wolke Sieben. Die Welt war rosarot“, erzählt Sandra Lüdde. Dann entdeckt die Frauenärztin bei einem der Kinder etwas, das ihr nicht gefällt. Ein Verdacht, den sie überprüfen lassen will.

„Wir waren unglaublich erschrocken, aber wir haben versucht uns einzureden, dass es vielleicht nur eine Kleinigkeit ist“, sagt die Mutter. Während sie auf einen Termin bei dem Berliner Spezialisten Rabih Chaoui warten, recherchieren sie im Internet. Sie suchen nach „Herzfehler“, „angeboren“, „Folgen“. Sie lesen, dass Kinder, die mit einem Herzfehler geboren werden, oft eine geistige Behinderung haben.

Wochen vergehen, bis die Eltern in Berlin einen Termin bekommen. Rabih Chaoui stellt die Diagnose: Aortenaresie. Die Eltern erklären es so: Das sauerstoffarme und das sauerstoffreiche Blut fließt nicht in den richtigen Bahnen. Der Kreislauf läuft falsch herum. Eine geistige Behinderung kann der Arzt nicht ausschließen. Dafür wäre eine Fruchtwasseruntersuchung notwendig. Doch die könnte eine Frühgeburt auslösen. Der Arzt sagt: Dann hätte Max keine Überlebenschance. Sein Körper wäre zu fragil für die lebenswichtige Operation.

Die Ärzte holen die Zwillinge per Kaiserschnitt. Gerhard Lüdde sitzt am Kopf seiner Frau. Max holen sie zuerst. „Wir waren völlig überwältigt und haben beide sofort angefangen zu weinen“, erzählt Sandra Lüdde. Ihr Sohn schreit. „Das war wunderschön“, sagt der Vater. Nur kurz dürfen sie einen Blick auf ihren Sohn werfen. Keine Zeit verlieren. Max braucht sofort ein Medikament, damit er leben wird.

Später am Tag dürfen die Eltern zu ihrem Sohn. Auf Station 32i, Neonatologie. Die Intensivstation für zu früh oder krank geborene Kinder. In jeden seiner Arme hatten die Ärzte einen Zugang gelegt. Einen für das Medikament, einen für eine Glukoselösung. Für sein krankes Herz. Ansonsten ist er gesund. Eine halbe Stunde Zeit. „Das war ganz wichtig, damit Sandra ihn sieht und auch mal spürt.“ Vor der fehlenden Nähe haben die Eltern Angst. Gerade jetzt, wo die enge Bindung zu ihnen so wichtig ist. Der Körperkontakt, die Stimmen, der Geruch. Zweimal am Tag besuchen sie ihren Sohn und sagen ihm, wie stolz sie auf ihn sind. Sie streicheln ihn dort, wo zwischen all den Schläuchen ein bisschen Platz ist.

Seit der OP wird Max durch eine Magensonde ernährt und künstlich beatmet. Er ist ruhig gestellt. Wenn sie in einigen Wochen zu Hause sind, wollen sie die Zeit so gut es geht nachholen. Sich einschließen, zu viert im Bett liegen. Doch bis dahin wird es dauern. Die Eltern haben Heimweh, besonders an den Feiertagen wird es schwer werden. Heiligabend verbringen sie mit Marie in ihrem Apartment. Ohne Baum, mit den Gedanken bei Max. „Wir wollen einfach, dass er gesund wird. Dass er den größten Berg überwunden hat, ist unser größtes Weihnachtsgeschenk. Alles andere ist egal.“