Serie: Denk ich an Weihnachten ...

Als Papa die Carrera-Bahn zerstörte

Seit dem 11. Dezember hat Michael Müller einen neuen Job – und Berlin einen neuen Regierenden Bürgermeister. Er freut sich nun auf die ruhigen Tage mit der Familie

Die Angelegenheit mit Opa und Vater Müller ist noch nicht vergessen – auch wenn sie schon vier Jahrzehnte zurückliegt. Es war einer dieser Weihnachtsabende, an den sich alle Beteiligten bis heute erinnern, als ob es erst gestern passiert wäre. Der kleine Michael Müller bekam damals eine Carrera-Bahn geschenkt – also das Traumgeschenk eines jeden Jungen Mitte der 70er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Die Begeisterung war groß, vor allem aber beim Vater und beim Opa. Enthusiastisch machten sich die beiden erwachsenen Männer an den Aufbau der Bahn und ließen die Rennwagen durch die Kurven fliegen. Runde um Runde bestritten sie, die beiden Handregler fest in der Hand, stets bemüht, den Konkurrenten nicht überholen zu lassen. Irgendwann war es dann so weit. Nichts ging mehr – das schöne Geschenk war kaputt, noch bevor der kleine Michael damit auch nur eine Sekunde gespielt hätte. Die Stimmung im Hause Müller war an diesem Weihnachtsabend nicht mehr zu retten. Die Enttäuschung riesengroß.

Heute erzählt der frisch gewählte Regierende Bürgermeister Michael Müller diese Geschichte mit einem Lächeln im Gesicht. Aber jeder, der selbst einmal sehnsüchtig dem Weihnachtsfest entgegenfieberte, in der stillen Hoffnung, auch einmal eine Carrera-Bahn sein Eigen nennen zu dürfen, kann sich ausmalen, wie sich der heute 50-Jährige damals fühlte. Sein Carrera-Traum blieb noch länger unerfüllt. Als Ersatz erhielt er ein anderes Geschenk, an das er sich aber nicht mehr erinnern kann. Was kann schon mit einer Carrera-Bahn mithalten?

Echte Kerzen gehören dazu

In diesen Tagen nun stimmt sich Müller so langsam wieder auf das Fest ein. Ein paar Tage vor Heiligabend geht es los, wie jedes Jahr, gerade weil die vergangenen Wochen mit zu den turbulentesten Tagen gehörten, die er erlebt hat. Erst die überraschende Ankündigung Klaus Wowereits, sich aus dem Amt zurückzuziehen, dann der SPD-Mitgliederentscheid um die Nachfolge zwischen Raed Saleh, Jan Stöß und ihm, und schließlich, als vorläufiger Höhepunkt, die Wahl zum Regierenden Bürgermeister am 11. Dezember. Wegen der „beruflichen Veränderungen“, wie er es nennt, hatte er bislang nicht den Kopf frei für festliche Gedanken. „Aber in der Woche vor Weihnachten ging es los, die politischen Termine wurden weniger und ich konnte mich um die Geschenke kümmern“, sagt er. Langsam verändere sich die Wohnung, immer mehr Weihnachtsdekoration kam hinzu und es wurde immer festlicher. In den Tagen nach Heiligabend nimmt sich Müller dann Zeit, in Ruhe zu lesen und die Zeit ohne Termindruck zu genießen.

„Ich feiere gern Weihnachten“, sagt der Sozialdemokrat dann auch. „Es ist ein schönes Familienfest.“ Als Spitzenpolitiker hat er selten genug Zeit, sich ausgiebig um seine Familie zu kümmern. Das wird sich im Amt des Regierenden Bürgermeisters nicht ändern. Im Gegenteil: Der Termindruck des Senatschefs wird zunehmen. Nicht zuletzt deshalb hatte sich Müller ein paar Tage Zeit genommen, um über seine Kandidatur zusammen mit seiner Familie zu entscheiden. Schließlich gab sie ihr Okay.

Weihnachten gefeiert wird ganz traditionell, mit einem gemeinsamen Essen und der anschließenden Geschenkübergabe. Der gebürtige Berliner Müller lebt noch immer in seinem Heimatbezirk Tempelhof, unweit der elterlichen Wohnung. Die Familie findet daher an Festen wie Weihnachten stets unproblematisch zusammen. Eines der herausragendsten Geschenke, an das sich Michael Müller erinnern kann, bekam er nicht, sondern sein Onkel Peter: Dabei handelte es sich um einen kleinen Hund, den der Onkel sich selbst schenkte. Die ganze Familie freute sich, wenn Onkel Peter den Hund später mitbrachte und alle mit ihm spielen konnten.

An den Feiertagen schaltet Müller komplett ab, denkt nicht an die Arbeit und führt keine politischen Gespräche. Weihnachten gehört ganz der Familie, die traditionell im Hause Müller zusammenfindet und das Fest im kleinen Kreis feiert. Dazu gehören ein Weihnachtsbaum mit echten Kerzen – das war schon immer so – und Dominosteine. Und das kam so: Das erste untrügliche Zeichen für Michael Müller dafür, dass Weihnachten naht, waren, seit er denken kann, die Dominosteine. Die Mutter kaufte sie in großen Mengen und verteilte sie an die Familie, sobald es sie zu kaufen gab. Also meistens schon ab Oktober. Aber dieser Dominostein-Flash einmal pro Jahr hat nicht dazu geführt, dass Müller die Schoko-Quader nicht mehr mag. „Weihnachtsgebäck und Süßigkeiten gehören dazu“, sagt er. Allerdings bevorzugt er die klassische Variante, nicht so sehr neumodische Erscheinungen, wie die zum Fototermin mitgebrachten: mit Glühwein-Geschmack. Die gibt es am 24. Dezember garantiert nicht im Hause Müller.