Plastinate

Die Leichen kommen

Verwaltungsgericht hebt Ausstellungsverbot für „Körperwelten“ auf

Für die einen ist es eine weitere Attraktion für Berlin, für andere eher ein Grund zur heftigen Kritik: Vermutlich schon Ende Januar wird die Dauerausstellung „Körperwelten Museum Berlin“ am Fuße des Fernsehturms ihre Tore öffnen. Das Bezirksamt Mitte hat vergeblich versucht, das zu verhindern, und eine Genehmigung versagt. Konsequenz war eine Klage der Aussteller vor dem Verwaltungsgericht Berlin. Und dort kam es vor der 21. Kammer zu Diskussionen, die bei der Moral begannen und bei dem im Grundgesetz verankerten Recht auf freie Wissenschaft endeten.

Bezirksamt kann in Berufung gehen

Am Ende war die Begründung des Urteils jedoch fast lapidar: Es bedürfe für diese Ausstellung keiner behördlichen Genehmigung, so Richter Björn Schaefer am Freitag bei der Verkündung des Urteils. Ergo könne das Bezirksamt auch keine Genehmigung verweigern. „Zwar sind die Plastinate nach dem Wortlaut des Gesetzes immer noch Leichen“, sagte der Richter, und das Berliner Bestattungsgesetz verlange auch eindeutig, dass Leichen bestattet werden müssen. „Die Plastinate werden von diesem Gesetz jedoch nicht erfasst. Sie können nicht beerdigt werden, weil sie nicht verwesen.“ Auch eine Feuerbestattung scheide aus, weil die Plastinate aufgrund ihrer Beschaffenheit nicht eingeäschert werden können.

Ob das Urteil Gültigkeit behält, bleibt jedoch abzuwarten. Wegen der grundsätzlichen Bedeutung hat die 21. Kammer die Berufung an das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg zugelassen. Aber auch ohne wirksame Berufung gäbe es für die Aussteller keinen Freibrief, sagte Richter Schaefer. Die Schau unterliege immer noch dem allgemeinen Ordnungsrecht, dessen Durchsetzung vom Bezirksamt überwacht wird. Die Leiterin des Rechtsamtes Mitte, Luise Geisler-Ortmann, wollte sich „so unmittelbar nach der Urteilsverkündung“ noch nicht äußern, ob das Bezirksamt in Berufung gehen werde. „Ich bin von dem Urteil nicht überrascht“, sagte sie. Jetzt werde erst einmal die schriftliche Urteilsbegründung abgewartet. Angekündigt wurde, eine Berufung ernsthaft zu prüfen.

Angelina Whalley, Kuratorin des Menschen-Museums und Ehefrau des an Parkinson erkrankten Plastinators Gunther von Hagens, sprach von „einem guten Tag für die Wissenschaftsfreiheit und den Wissenschaftsstandort Berlin“. Besucher dürften sich nun „auf eine spektakuläre und gleichzeitig äußerst informative Ausstellung freuen“. Whalley betonte, dass sie „dieses eindeutige Urteil“ keineswegs als Freibrief betrachte. „Die Plastinate werden, wie auch zuvor in all unseren Ausstellungen, respektvoll und mit der gebotenen Würde behandelt.“ Eröffnet werden soll die Ausstellung Anfang 2015. Ein genauer Termin werde im Januar bekannt gegeben.

Kritik von Kirchenvertretern

Philipp Magalski, Kulturpolitiker der Piraten im Abgeordnetenhaus, begrüßte das Urteil. „Bei der Entscheidung des Gerichtes geht es zwar um das Bestattungsgesetz, implizit wird dadurch aber auch die Freiheit von Kunst und Wissenschaft geschützt“, so Magalski. „Ausgestellte Leichen mag mancher pietätlos finden, ein Verbot der Ausstellung ‚Körperwelten‘ aber, die sowohl wissenschaftlichen als auch künstlerischen Aspekten dient, begründet das noch nicht.“

Ganz anders sahen es Vertreter des evangelischen Kirchenkreises Berlin-Stadtmitte: „Nach christlicher Auffassung widerspricht die Zurschaustellung Verstorbener der Menschenwürde“, kommentierte Superintendent Bertold Höcker das Urteil. „Auch durch die rechtliche Zulassung eines Plastinariums werden unsere Argumente nicht entkräftet“, sagte er. „Dem juristischen Urteil zum Trotz bleiben Plastinate tote Menschen. Und Tote sind keine Ausstellungsstücke“, schloss sich Pfarrerin Cordula Machoni von der St. Marienkirche am Alexanderplatz der Kritik an. Die Gemeinde nehme das Urteil zum Anlass, sich noch intensiver öffentlich für einen würdigen Umgang mit Verstorbenen einzusetzen. „Selbstverständlich schließen wir die Toten, die in der Ausstellung zu sehen sein werden, in unserer Gebete ein“, so Pfarrerin Machoni.