Nachruf

Ein Kreuzberger Leben

Die bekannteste Aktivistin der Gerhart-Hauptmann-Schule ist tot

Als die Gruppe ihr die letzte Ehre erweisen will, kehrt der Alltag viel zu schnell zurück in die Ohlauer Straße in Kreuzberg. Wie so oft bewachen Polizisten den Eingang zur besetzten Gerhart-Hauptmann-Schule. Nun wollen sie, dass die Trauernden ein paar Meter weiter nach links gehen, weg von Blumen und Kerzen am Zaun. Dazu knattert der Motor eines nah geparkten Mannschaftswagens in die Stille. Rücksicht sieht anders aus. Aus Gedenken wird Gegeneinander.

Eine Mittlerin

Mimi wäre jetzt sicher eine der lautesten gewesen. Sie, um die heute getrauert wird, stand oft genau an dieser Stelle und hat Polizisten angeschrien, dass sie abhauen sollen. Dass hier Menschen in Würde leben wollten. Immer wieder, mit unerschöpflicher Energie. Von ihrer schweren Krankheit merkte man in diesen Momenten nichts. Nicht selten wurde Mimi festgenommen und kurz darauf wieder frei gelassen.

Gleich zu Beginn war sie dabei, als Flüchtlinge im Dezember 2012 nach bundesweiten Protestmärschen die Gerhart-Hauptmann-Schule besetzten. Sie war eines der Gesichter der Bewegung, doch Anführerin war sie nicht. Ihr Leben in der Schule war immer auch Kampf. Gegen Gegner von außen und von innen. Im Telefon hatte sie die Nummer von Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann gespeichert, lange Zeit war sie Mittlerin zwischen Besetzern und Bezirk. Seit 1996 lebte die Kenianerin in Deutschland. Sie kannte Kreuzberg besser als die meisten.

Wer als Journalist zum ersten Mal in ihr Zimmer im zweiten Stock der besetzten Schule kam, musste erst ihre harte Seite kennenlernen: Mimi zeigte ziemlich klar, dass sie wenig hielt von den meisten Artikeln, die über sie in der Zeitung standen. Doch wer freundlich blieb, konnte als Fremder nur wenige Minuten später bei ihr im Zimmer sitzen und Gewürztee mit Milch trinken. Ständig kam jemand in Mimis Zimmer rein und setzte sich. Ihr gefiel das, in diesen Runden lachte und redete sie viel. Entspannte Momente, in denen man gut erkennen konnte, worum es Mimi bei ihren jahrelangen Protesten vermutlich vor allem ging: Eine Gemeinschaft aufbauen, in der sich Menschen helfen und zusammen leben können, wie sie wollen. Vor allem: „No Lager“. Egal, wie viel Geld oder welchen rechtlichen Status jemand hat. Am Anfang leitete sie die Volksküche im Pavillon der Schule und beschaffte Lebensmittel. Nicht alle Flüchtlinge unterstützten das. Ihr Projekt scheiterte.

Kurz bevor die Gerhart-Hauptmann-Schule besetzt wurde, hatte Mimi nur ein paar Straßen weiter ihre Wohnung verloren. Es war eine alte und billige Wohnung. Damit wurde auch für sie jener alternative Lebensstil unerreichbar, der Kreuzberg so lange prägte. Bis zuletzt hat sie gesagt, dass sie sich nur in Kreuzberg wohl und frei fühle.

Mimi war 16 Jahre alt, als sie ohne ihre Eltern nach Deutschland kam. Zuerst lebte sie bei Pflegeeltern und im Flüchtlingsheim, dann schlug sie sich alleine durch, stets mit Aufenthaltsgenehmigung und Arbeitserlaubnis. Viel leichter als die anderen Flüchtlinge hätte sie das ärmliche Leben in der besetzten Schule aufgeben können. Aber das kam für sie nie in Frage, die Schule wurde zum Lebensprojekt.

Wenn Mimi über ihre Jugend sprach, schilderte sie sich als Mädchen, das Fußball spielte und früh lernte, keine Angst zu haben. Sie trug Rasta-Zöpfe. Eine Frisur, die viele Männer exklusiv für Männer beanspruchen. Aber das war ihr egal. Kein Vorgaben. Auf Partys legte sie eine Zeit lang Platten auf, zu denen alle tanzen. Nicht als süßes DJ-Mädchen, sondern als Boss der Party.

Schon vor einem Jahr musste Mimi für längere Zeit ins Krankenhaus. Bei ihrer Rückkehr in die besetzte Schule grüßte sie mit ausgestreckter Faust und sagte: „Ich bin knapp davon gekommen, Mann.“ Als Polizisten im Juni in die Schule eindrangen um sie zu räumen, stellte sich Mimi ihnen entgegen. Sie blieb, mit weiteren 40 Flüchtlingen. Das Bezirksamt hatte versprochen, sie zu dulden, während die Schule zum Flüchtlingszentrum ungebaut wird.

Mimi hatte an Kraft verloren, aber leise wurde sie nie. Die letzten Tage verbrachte sie in der Wohnung einer Freundin, die sich um sie kümmerte. Mimi starb am Mittwoch, sie wurde 36 Jahre alt. Ihre Mitstreiter sagten in einer Erklärung: „Als unermüdliche Kämpferin bleibt sie wach.“