Entwicklung

Bauindustrie: Wohnungsbau zieht nur in Berlin an

Verband beklagt zu geringe Investitionsbereitschaft

Wolfgang Frey ließ am Dienstag in Berlin die Erinnerung an einen schönen und vor allem langen Sommer noch einmal aufleben. Er könne sich an kein Jahr erinnern, in dem es so gutes Bauwetter gegeben habe, sagte der Vizepräsident des Bauindustrieverbandes Berlin-Brandenburg. Dies würde sich allerdings in den Bilanzen der Bauunternehmen nicht widerspiegeln. „Viele Firmen mussten ihre Mitarbeiter kurzzeitig in Kurzarbeit schicken, weil vor allem im vierten Quartal Aufträge ausblieben“, sagte Frey, selbst Inhaber einer Baufirma, bei der Jahrespressekonferenz des Verbandes. Die Folgen: Der Umsatz des Baugewerbes sei in den ersten neun Monaten dieses Jahres bei öffentlichen Projekten in Berlin von 855 Millionen Euro (Januar bis September 2013) auf nur noch 413 Millionen Euro gesunken – ein sattes Minus von fast 52 Prozent. Insgesamt rechnet der Verband für 2014 mit einem baugewerblichen Umsatz von 6,52 Milliarden Euro, eine Einbuße von 1,2 Prozent gegenüber 2013. Die Prognose für 2015 fällt kaum besser aus: Angesichts der schwachen Konjunktur werde der Umsatz um ein knappes Prozent auf voraussichtlich 6,46 Milliarden Euro zurückgehen.

Öffentliche Mittel reichen nicht aus

Verbandspräsident Marcus Becker machte vor allem die Ausgabenzurückhaltung der öffentlichen Hand für den Umsatzrückgang verantwortlich. Berlin und Brandenburg hätten zwar „das Problem des Werteverzehrs der Infrastruktur“ erkannt, die Länder würden aber nach wie vor eine zu geringe Investitionsbereitschaft zeigen. Immerhin habe die neue Regierung in Brandenburg in ihrem Koalitionsvertrag zusätzlich 100 Millionen Euro an Ausgaben für die kommenden fünf Jahre vereinbart. „Das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein – allein für den Erhalt der Brücken und Landesstraßen werden jährlich 90 Millionen Euro benötigt“, sagte Becker. Ein Problem sei zudem, dass Brandenburg die Zeit nach dem Wegfall von EU-Mitteln 2015 nicht ausreichend vorgeplant habe. Als positives Signal für die Bauwirtschaft bewertete Becker hingegen die Pläne der Stadt Potsdam, 50 Millionen Euro in den Ausbau des Straßenbahnnetzes zu investieren.

Doch es gibt auch einen Lichtblick für die überwiegend mittelständisch organisierte Bauwirtschaft in der Region: Baugenehmigungen und Auftragseingänge für 2015 deuteten darauf hin, dass der Wohnungsbau weiter anziehe. „Der Wohnungsbau ist der Impulsgeber für die Konjunktur“, sagte Verbandschef Becker. Es gebe allerdings eine starke Diskrepanz zwischen den Ländern. Während der Bauindustrieverband für Berlin ein weiteres Umsatz-Plus von 4,8 Prozent prognostiziert, erwartet er für Brandenburg keine Veränderungen. Diese Entwicklung würde den geänderten Anforderungen nicht entsprechen. „Jedes Jahr ziehen 40.000 bis 50.000 Menschen in die Hauptstadt“, sagte Becker. Gefragt seien da preiswerte Mietwohnungen. Für Berlin konstatiert der Verband jedoch einen starken Anstieg der Wohnungsbaukosten um 19,6 Prozent. Dies deute auf einen hohen Ausbaustandard hin und lasse darauf schließen, dass vor allem Eigentumswohnungen – und nicht wie benötigt kostengünstige Mietwohnungen – gebaut werden.