Religion

Der Wille zum Dialog

Homosexuelle und Moslems diskutieren in der Jerusalemkirche

Zwei private Sicherheitsmänner am Eingang waren an diesem Abend das einzige sichtbare Zeichen der politischen Brisanz. Nach dem Scheitern eines Besuchs von homosexuellen Vertretern in der Neuköllner Sehitlik-Moschee fand das Treffen am Montagabend unter dem Motto „Islam und Homosexualität“ in der Jerusalemkirche in Kreuzberg statt. „Jetzt ist die Freude umso größer, dass wir uns dennoch in einem vollen Saal treffen“, sagte Integrationssenatorin Dilek Kolat (SPD) in ihrem Grußwort. „Der Wille zum Dialog war stärker.“

Die Veranstalter vom Netzwerk „Leadership Berlin“ hatten sich nach der umstrittenen Absage des Moscheebesuchs um ein hochkarätiges Podium zur Diskussion bemüht. Die ehemalige Ausländerbeauftragte des Landes, Barbara John, sagte ebenso zu wie Sabine Werth, Sozialunternehmerin und Gründerin der Berliner Tafel, und der Vorstandsvorsitzende der Sehitlik-Moschee, Ender Cetin. „Die Grundlage von Respekt ist, dass man sich kennenlernt“, sagte der Vorstandsvorsitzende des Netzwerkes, Andreas Scholz-Fleischmann. „Im besten Fall entsteht daraus Wertschätzung.“ In jedem Fall solle Homophobie wie auch Islamophobie beendet werden.

Keine leichte Aufgabe also für Ender Cetin, in der gegenwärtig angespannten Situation die Sicht des Islam darzulegen. Cetin steht, anders als andere Imame, für den Dialog. Er setzt sich für Gespräche mit allen gesellschaftlichen Gruppen ein. Die geplante Führung werde stattfinden, versprach er. Danach erklärte er die Stellung des Islam zur Homosexualität, die ähnlich kompliziert sei wie in den christlichen Kirchen. Zwar sei die gleichgeschlechtliche Liebe laut Koran verboten, es bestehe aber keine Instanz, die das zu überprüfen habe. Im Gegenteil, jedem Menschen gebühre Respekt, so stehe es in der heiligen Schrift der Moslems. „Wer seinen schwulen Nachbarn nicht respektiert, ist kein guter Moslem“, sagte Cetin. Die sexuellen Neigungen seien Sache jedes Einzelnen, die er mit sich und Gott ausmachen müsse.

Eine Frage der inneren Haltung

Für seine offenen Worte erhielt Cetin in der Jerusalemkirche freundlichen Applaus. Allerdings befriedige ihn das nicht, kritisierte Daniel Worat, Vorstand im Völklinger Kreis, dem Berufsverband schwuler Führungskräfte. Er wünsche sich vom Islam mehr Toleranz Homosexuellen gegenüber. Die ehemalige Ausländerbeauftragte John mahnte dagegen zur Besonnenheit. „Wenn wir nicht gelassen diskutieren, befeuern wir das Geschäft der Scharfmacher“, sagte sie. Sabine Werth wollte die Kritik an Cetin ebenfalls nicht teilen. Sie habe Lebensgefährtinnen jeder Religion gehabt, überall fehle es an der problemlosen Toleranz gleichgeschlechtlicher Lebensformen. Es gebe starke Parallelen zum Katholizismus: „Du darfst lesbisch sein, darfst es aber nicht ausleben“, sagte Werth. Einig waren sich die Diskutanten darin, dass Toleranz eine Frage der inneren Haltung jedes Einzelnen sei, die sich nicht von oben verordnen lasse.