Morgenpost vor Ort

Wie gut ist das Berliner Gesundheitssystem?

„Morgenpost vor Ort“: Experten debattieren beim Leserforum über die medizinische Versorgung Berlins. Diskutieren Sie mit

Lange Wartezeiten auf einen Termin beim Arzt – davon kann wohl fast jeder Berliner die ein oder andere Geschichte erzählen. Und das, obwohl Berlin im Vergleich zu anderen Bundesländern eine der höchsten Dichten an Ärzten hat, und so viele ambulante Praxen, dass die Stadt sogar als überversorgt gilt.

Warum also kommt es immer wieder zu langen Wartezeiten? Wie will die Politik die medizinische Versorgung einer immer größer und immer älter werdenden Stadt gewährleisten? Über diese und andere Fragen wollen wir im Rahmen der Reihe „Morgenpost vor Ort“ mit Ihnen, unseren Lesern, und unseren fünf Experten diskutieren. „Wie gut ist das Berliner Gesundheitssystem?“ heißt das Thema am kommenden Dienstag, 18. November, um 19.30 Uhr im Hörsaal der Kaiserin-Friedrich-Stiftung am Robert-Koch-Platz 7. Die Teilnahme an der Veranstaltung ist für die Leser der Berliner Morgenpost kostenlos, allerdings müssen Sie sich bitte anmelden (siehe Infokasten).

Mehr Ärzte für alte Menschen

Karin Stötzner beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Belangen von Patienten. Sie ist seit 2004 die Patienten- und Pflegebeauftragte Berlins und wird auch mit Ihnen diskutieren. Ein Thema liegt ihr besonders am Herzen: „Wir müssen stärker über die Versorgung von hochaltrigen Patienten sprechen“, sagt sie. Denn Berlin habe faktisch zu wenige Ärzte, die eine Zusatzausbildung im geriatrischen Bereich haben.

Die Geriatrie, also die Altersmedizin, ist auch einer von zwei Schwerpunkten im neuen Krankenhausplan, den Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) im Sommer in Teilen vorgestellt hat. In diesem medizinischen Querschnittsfach soll die Zahl der Krankenhausbetten in Zukunft noch weiter aufgestockt werden, denn die Zahl der alten Menschen mit Krankheiten wie Demenz steigt kontinuierlich an. Doch sind die Krankenhäuser dieser großen Herausforderung einer alternden Gesellschaft gewachsen?

Die Patientenbeauftragte beklagt in Berlin außerdem eine „arbeitsteilige Verantwortungslosigkeit“. „Es gibt zu wenig ambulant tätige Ärzte, die den ganzen Behandlungsbedarf eines Patienten im Blick haben“, sagt Stötzner. Die Patienten werden mit den Überweisungen zu Fachärzten allein gelassen. „Besser wäre es, wenn sich zum Beispiel der Hausarzt um einen Termin beim Kollegen kümmert.“ Denn er könne einschätzen, wie schnell eine diagnostische Untersuchung nötig sei. „Die Erfahrung zeigt, dass es dann auch schneller geht“, so die Patientenbeauftragte. Auch zwischen einem Aufenthalt im Krankenhaus und der Nachsorge komme es immer wieder zu Versorgungslücken, weil auch Kliniken die Verantwortung abgäben, wenn der Patient entlassen werde.

Wo muss investiert werden?

Neben der ambulanten Versorgung wird beim Leserforum auch die Situation der Krankenhäuser Thema sein. So möchte der Gesundheitssenator die Zahl der Bereitschaftspraxen an Kliniken ausbauen, um die Rettungsstellen zu entlasten. Immerhin könnten von den 1,2 Millionen Patienten in Berliner Rettungsstellen 800.000 auch von einem ambulanten Arzt versorgt werden. Doch wer wochenlang auf einen Termin bei einem Facharzt wartet, geht oft lieber in eine Rettungsstelle, wo er mehrere Fachdisziplinen auf einem Fleck hat, innerhalb weniger Stunden. Deswegen wird es beim Leserforum auch um die Frage gehen, ob Berlin mehr Polikliniken braucht. Und wo dringend investiert werden muss. Das Institut für das Entgeltsystem im Krankenhaus hat allein für die Berliner Plankrankenhäuser einen Investitionsbedarf von 219 Millionen Euro errechnet. Ausgehend von 765.000 jährlich behandelten Fällen. Doch die Lücke zwischen dem ermittelten Bedarf und den Mitteln, die im Haushalt zur Verfügung stehen, ist groß: Für 2014 standen knapp 70 Millionen Euro für Investitionen zur Verfügung. Rettungsstellen, in die es hineinregnet, sind nur ein Indiz für fehlende Investitionen.

Als Experten diskutieren auf dem Podium am Dienstag, 18. November, um 19.30 Uhr:

Mario Czaja (CDU), seit 2011 Senator für Gesundheit und Soziales

Andrea Grebe, seit März 2013 Vorsitzende der Geschäftsführung bei Vivantes, mit neun Krankenhäusern der größte Klinikbetreiber in Berlin

Karin Stötzner, seit 2004 Patienten- und Pflegebeauftragte für Berlin

Ulrich Fegeler, seit 1989 Kinderarzt in Spandau, seit 2007 ist er Bundespressesprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte

Joachim Fahrun, Chefreporter der Berliner Morgenpost, zu seinen Schwerpunkten zählen auch Themen der medizinischen Versorgung und der Gesundheitspolitik

Hajo Schumacher (Moderator), Autor und Kolumnist der Berliner Morgenpost