Stadtentwicklung

Was Sie schon immer aus Berlin machen wollten

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Constanze Nauhaus

Die Internetplattform openBerlin sammelt Ideen für die Entwicklung der Stadt und tauscht Projekte zur Nutzung von Freiräumen aus

Nach drei Jahren zähen Kampfes haben sie dann doch verloren. Ein offenes Nachbarschaftsprojekt wollte der Verein Rathausstern in der alten Polizeiwache in Lichtenberg gründen – und bewarb sich mit dieser Idee im Konzeptverfahren des Liegenschaftsfonds. „Wo bleibt denn die viel beschworene Transparenz der neuen Liegenschaftspolitik?“, fragte Caroline Rosenthal vom Verein kurz nach der Absage im September. Sie habe nicht einmal gewusst, wer genau über die Vergabe entscheide und anhand welcher Kriterien. Im Vergleich zum Preisangebot hätten andere Kriterien bei diesem Verfahren eher eine marginale Rolle gespielt. Das sei ein Grundproblem an diesem Verfahren, das eigentlich den Bieter mit dem besten Konzept ermitteln sollte, oft aber undurchsichtig sei und unter Ausschluss der Öffentlichkeit verhandelt werde, meint auch Johannes Dumpe.

Und dagegen will er etwas tun. Dumpe ist einer von drei Gründern der Plattform openBerlin, auf der jedermann leere Flächen und Gebäude oder seine mehr oder weniger konkreten Ideen, was mit diesen Freiräumen geschehen soll, präsentieren und Mitstreiter finden kann. Gemeinsam mit seinen ehemaligen Studienkollegen Felix Zaiss und Rocco Zühlke will Dumpe die Verhandlung über Grundstücke, Flächen und Gebäude öffentlicher machen. „Die Bürger sollen sich selbst um die Entwicklung der Stadt kümmern können“, so der Berliner. Gestartet wurde die Seite im September, online stehen momentan 25 Freiräume wie das Wernerbad in Kaulsdorf oder das ehemalige Diesterweg-Gymnasium in Wedding. Daneben präsentieren sich acht vage Ideen wie ein Ruderclub an der Spree oder die Umfunktionierung der stillgelegten Gleise der Yorckbrücken zu Sitzgelegenheiten. Und dann gibt es 15Projekte, von denen einige, wie der Kulturdachgarten Klunkerkranich auf den Neukölln Arcaden, bereits realisiert wurden.

Die Idee zu openBerlin wurde an der Technischen Universität (TU) geboren. Dumpe, Zaiss und Zühlke studierten schon seit dem Grundstudium gemeinsam Architektur und Städtebau und geben an ihrem alten Institut nun selbst Seminare zu Themen wie Freiraumnutzung. Zudem leiten sie Workshops und wollen halbjährlich einen openBerlin-Treff etablieren, bei dem sich Akteure treffen und austauschen können. Die drei sind außerdem Mitglieder des Runden Tisches für Liegenschaftspolitik im Abgeordnetenhaus.

Erbbauverträge vergeben

Inspiriert wurden sie vom Erfolg der gemeinnützigen GmbH ExRotaprint. Die Mitglieder der Nutzerinitiative, die 2007 über einen Erbbaurechtsvertrag mit zwei antispekulativ ausgerichteten Stiftungen ein ehemaliges Produktionsgelände in Gesundbrunnen vom Liegenschaftsfonds übernahmen, gelten laut Dumpe als Modellprojekt. Der Boden gehört laut Erbbaurecht den Stiftungen, die die Gebäude, in denen sich Ateliers, Handwerksbetriebe und soziale Träger befinden, an ExRotaprint verpachten.

„Im Studium kam dann die Frage auf, wie dieses Modell reproduzierbar sein könnte“, so Dumpe. „Eine Stiftung kann kein ganzes Land aufkaufen, deshalb ist es Aufgabe des Landes, Erbbauverträge zu vergeben.“ Das geschehe nun wieder häufiger, wurde allerdings lange nicht verfolgt. Das Modell des Erbbaurechtes, bei dem die Stadt ein Grundstück nur verpachtet, lohne sich langfristig, und Berlin, das die Nutzung festschreiben könne, behalte die Planungshoheit. „Der Druck auf die Stadt wird aber größer“, glaubt Dumpe. „Die Leute erkennen, dass die Privatisierung vom Liegenschaftsfonds in den vergangenen 12, 13Jahren sehr vorangetrieben wurde.“ Ein Verkauf an den Höchstbietenden bringe halt das schnelle Geld. Das sei für die Stadt eine fatale Entwicklung, glaubt Dumpe. „Wir wollen darstellen, dass auch zivilrechtliche Gruppen durchaus in der Lage sind, Konzepte für Freiräume zu entwickeln“, sagt er. Viele Leute hätten tolle Ideen, wüssten aber nicht, wie sie sie in ein Konzept gießen sollen.

Genau da setzt openBerlin an. Auf der Plattform kann man sich zunächst einmal registrieren und dann seine Idee einstellen. Das kann der Hinweis auf ein leer stehendes öffentliches Gebäude sein, mit oder ohne Idee, wie dieses zu nutzen sei. „Die Idee kann vage sein“, erklärt Dumpe. „Vielleicht wohnt jemand in der Nähe und weiß, was in der Gegend gebraucht wird.“ Präsentieren kann man aber auch ein konkretes Projekt, für das noch Mitstreiter gesucht werden. Dabei ist den Machern wichtig, dass Projekte einerseits einen Mehrwert für Stadt und Gesellschaft benennen und andererseits offen für alle sind, die mitmachen wollen.

„Sonst wären wir ja eine reine Darstellungsseite für Projekte.“ Mithilfe der Plattform kann man sein Konzept so stark machen, dass man sich damit beim Liegenschaftsfonds bewerben kann. Dazu gibt es die sogenannte Projektmatrix, eine Art Checkliste, auf der alle Kriterien, die in einem Bewerberverfahren wichtig sind, abgearbeitet werden. Und den Link zu Experten. Wer sich etwa mit Finanzierung, Baurecht oder Öffentlichkeitsarbeit auskennt, kann sich ein Profil anlegen und ist so als Experte für die registrierten Nutzer kontaktierbar. „Denn ohne professionelle Fürsprecher hat kaum ein Projekt eine Chance“, weiß Dumpe.

Dumpe und seine beiden Mitstreiter betreiben auch das Internetprojekt Leerstandsmelder, bei dem jeder Nutzer leer stehende Flächen und Gebäude privater oder öffentlicher Art auf einer Karte kennzeichnen kann. Dumpe versteht openBerlin als eine weiterführende Konsequenz des Leerstandsmelders. „Die Plattform ist eine öffentliche, politische Handlungsaufforderung, mit dem Leerstand etwas Sinnvolles zu tun.“

www.openberlin.org