Entwicklung

Rotlicht-Report: Wie kriminell ist das Milieu in Berlin?

Senat: 300 Millionen Euro werden hier umgesetzt

Die Rotlichtkriminalität boomt, diese Aussage fehlt so gut wie nie, wenn die Medien über die Entwicklung der organisierten Kriminalität (OK) in Berlin berichten. Dass der Satz keine leere Floskel ist, machen Zahlen aus einer Erhebung des Senats zu diesem Thema deutlich. Danach werden in der Hauptstadt mit Prostitution jährlich 300 Millionen Euro umgesetzt. Erwirtschaftet wird diese gewaltige Summe von aktuell geschätzten 8000 Prostituierten, die stadtweit auf diversen Straßenstrichs und in mehr als 600 Bordellen ihrem Gewerbe nachgehen.

Für all diese Zahlen aus dem sogenannten Rotlicht-Report gilt übereinstimmend zweierlei: Sie steigen von Jahr zu Jahr und sie sind nur bedingt aussagekräftig. Im Landeskriminalamt (LKA) weist man darauf hin, dass die Dunkelziffer im Bereich der Rotlichtkriminalität extrem hoch ist. Niemand unter den dortigen Experten vermag genau zu sagen, wie viele illegal betriebene Bordelle in Privatwohnungen es neben den amtlich registrierten Läden gibt. Fahnder äußern zu der Frage lediglich, dass es wohl „etliche“ seien. Die Bandbreite der Bordelle reicht vom „Schmuddelpuff“ im Weddinger oder Neuköllner Hinterhaus bis zum Nobel-Etablissement in feiner Grunewald- oder Westend-Villa. Erstere bieten unter anderem sogenannten Flatrate-Sex an („So oft du willst und kannst“ für 75 Euro), Letztere eine ganz spezielle Rundumbetreuung in gediegener Atmosphäre, für die schnell hohe vierstellige Summen fällig werden.

Die stetige Zunahme an Bordellen ist nicht die einzige Entwicklung, die vor allem die Polizei vor immer neue Herausforderungen stellt. Auch die Straßenstrichlandschaft in Berlin verändert sich rasant. Seit vielen Jahren stehen an der Straße des 17. Juni in Tiergarten, an der Kurfürstenstraße in Schöneberg und an der Oranienburger Straße in Mitte die Damen des horizontalen Gewerbes. Jeder Berliner weiß das. Weniger bekannt, aber trotzdem stark frequentiert, sind hingegen mehrere in jüngster Zeit neu hinzugekommene Örtlichkeiten. Dazu gehören der Bereich Fernstraße/Seitenstraße/Nordhafen in Wedding, die Nonnendammallee in Spandau und die Bundesstraße in Hohenschönhausen. Käuflichen Sex gibt es zudem auch am Stadtrand, so etwa an der Hobrechtsfelder Allee in Buch und an der Grenzallee in Neukölln.

Revierkämpfe und Gewalt

Im Landeskriminalamt ist die Abteilung Grenzüberschreitende Kriminalität für Straftaten im Bereich des Rotlichtmilieus zuständig. Die Ermittler kümmern sich dabei nicht nur um die klassischen Rotlichtdelikte wie Förderung der Prostitution oder sexuelle Ausbeutung. Auch der Bereich Menschenhandel gehört zu ihrem Aufgabenbereich, diese Deliktsparte ist untrennbar mit dem Thema Prostitution/Zwangsprostitution verbunden. Die größte Gruppe unter den in Berlin tätigen Prostituierten kommt bereits seit dem Fall der Mauer aus osteuropäischen Staaten. Die meisten wurden unter falschen Versprechungen nach Berlin gelockt, leben hier unter erbärmlichen Bedingungen und werden zur Prostitution gezwungen. Im vergangenen Jahr leiteten Polizei und Staatsanwaltschaft 365 Ermittlungsverfahren wegen Menschenhandels und artverwandter Delikte ein. Dabei listeten die Ermittler 210 Opfer auf. Im Jahr davor waren es 64 Fälle mit 69 Opfern.

Seit etwa zwei Jahren registriert das LKA einen starken Zustrom von Frauen aus Bulgarien und Rumänien. „Auf dem Straßenstrich wird es langsam voll“, beschrieb die seinerzeit noch für die Rotlichtkriminalität zuständige Chefermittlerin Heike Rudat die Situation schon vor einem Jahr. Und die Frauen vom Balkan bieten ihre Dienste häufig zu absoluten Dumpingpreisen an, sehr zum Ärger ihrer Kolleginnen aus Deutschland und anderen Ländern sowie ihrer Zuhälter.

Der Konkurrenzkampf im Milieu ist hart und wird auch schon mal gewalttätig ausgetragen. Beherrscht wird das Gewerbe in Berlin von osteuropäischen Gruppen, Großfamilien und Rockern. Von Banden spricht die Polizei nur ungern. „Es sind mehr Netzwerke, zu denen sich die Drahtzieher des Gewerbes zusammengeschlossen haben. Sie sind Rivalen, tauschen sich aber auch aus, insbesondere, wenn es gegen die Polizei und andere Behörden geht“, erklärt ein LKA-Ermittler.

Täter und Opfer schweigen

Die Bekämpfung der Rotlichtkriminalität ist auch für die hoch spezialisierten Ermittler des Landeskriminalamtes ebenso schwierig wie aufwendig, die Drahtzieher des Gewerbes beweissicher zu überführen nahezu unmöglich. Es sind abgeschottete Gruppen und Familienverbände, aus denen kaum jemand ausschert, sei es aus absoluter Loyalität oder aus Angst. Wer als Verräter gilt, der lebt gefährlich.

Auch die zur Prostitution gezwungenen Frauen sind aus vielfachen Gründen nur selten aussagebereit. Sie selbst sind den Rotlichtbossen völlig ausgeliefert, bei osteuropäischen Prostituierten wirkt vor allem die Drohung mit Racheakten an den Familien daheim. Und Betroffene, die verzweifelt genug sind, um sich den hiesigen Behörden anzuvertrauen, wissen nicht einmal, wie sie das bewerkstelligen sollen. Sie leben isoliert in einem fremden Land, kennen außerhalb des Gewerbes niemanden und sprechen die Sprache nicht.

Die Tätergruppen hingegen haben es mitunter leicht, an Informationen zu gelangen, die sie vor der Verfolgung durch Polizei und Justiz schützen. Immer mal wieder gibt es bei den Behörden Lecks, durch die die Täter erfahren, wann eine Razzia geplant oder wie der Stand eines Ermittlungsverfahrens gerade ist. Aktuell ermittelt die Polizei in den eigenen Reihen, ein Zivilfahnder soll in der Charlottenburger „Tabu Bar“ über Polizeieinsätze geplaudert haben. Der Beamte war aufgefallen, weil er im Polizeicomputer häufig Daten zu Ermittlungsvorgängen abfragte, mit denen er beruflich überhaupt nicht befasst war. In der vergangenen Woche wurden sowohl die Bar wie auch die Privatwohnung des Beamten durchsucht, die Ermittlungen laufen noch. Und vor einem Jahr wurde ein Bereitschaftspolizist verurteilt, der im Rotlichtmilieu agierenden Rockern wertvolle Tipps gab. Seine Bezahlung: ein neuer Motorradhelm.