Karrieren nach dem Mauerfall

Vor 25 Jahren änderte sich für Unternehmer aus Ost-Berlin alles. Einige Geschichten aus der wilden Zeit danach werden jetzt veröffentlicht

Die Sammlung enthält klassische Wende-Geschichten. So wie die von Heiko Weidlich. Der Ost-Berliner hatte in der DDR Informationstechnik studiert und war gerade mit der Ausbildung fertig, als „1989 der Knall kam“. Er arbeitete dann in einem wissenschaftlichen Institut, das unter anderem Maschinen baute. Aber in den chaotischen Zeiten nach dem Mauerfall hatten die Forscher dort nichts mehr zu tun. Und so bekam Weidlich ein Angebot eines West-Berliner Betriebes, technischer Leiter zu werden. „Das war meine Praktikantenzeit“, sagt der IT-Experte, der zwar mit Planerfüllung und „nicht funktionierender“ sozialistischer Betriebswirtschaft vertraut war, aber von Marktwirtschaft wenig wusste. Nach der Lehrzeit war Weidlich dann erst einmal arbeitslos. Heute ist er mit seiner Firma PKN Datenkommunikation mit 60 Mitarbeitern und Sitz an der Eldenaer Straße in Friedrichshain „stark in der Hochtechnologie als IT-Systemhaus“ unterwegs. 1995 gründete er sein Unternehmen. Zunächst als Kabelverlegungsfirma, dann baute man Datencenter und Netzwerke, seit einem Jahr ist er auch Cloud-Provider, bietet also seinen Kunden sicheren Speicherplatz für ihre Daten im Internet an.

Die Völker der Welt schauen wieder einmal auf diese Stadt. Wie in jenen dramatischen Stunden des Jahres 1989 steht Berlin in diesem Herbst wieder im Fokus, wenn sich der Fall der Mauer am 9. November das 25. Mal jährt. Symposien, Gedenkfeiern, Festakte und die Aktion mit hellen Luftballons, die entlang der früheren Mauer emporsteigen, sind geplant. „Aber es fehlte die Beteiligung der Menschen“, sagt Senatssprecher Richard Meng, der seit Jahren die Imagekampagne „be Berlin“ verantwortet. Und weil die Berliner die besten Werbeträger für die Stadt sind, dürfen sie nun ihre ganz persönliche Geschichte vom Mauerfall und den wilden Jahren danach erzählen. „Der Mauerfall ist die Kraft, die hinter allem steckt“, sagt Meng. Dass Mauern überwunden werden können, sei eine „Grunderfahrung“ der Stadt, die sie heute so attraktiv mache für viele Menschen aus der ganzen Welt.

Die Wirtschaftsfördergesellschaft Berlin Partner hat diese Geschichten von Unternehmern und anderen Machern aus der Stadt zusammengetragen. 180 Firmen, Organisationen und Personen sind dem Aufruf gefolgt und haben ihre persönliche Berlin-Story eingeschickt. 25 davon hat eine Jury ausgewählt. Sie werden bis zum 9. November nacheinander im Internet unter berlin-partner.de veröffentlicht. „Sie zeigen, was der Mauerfall auch wirtschaftlich für Berlin bedeutet“, sagt Berlin-Partner-Geschäftsführerin Melanie Bär bei der Präsentation der Kampagne. Ihr Co-Geschäftsführer Stefan Franzke ergänzte, man habe auch junge Start-up-Gründer gefragt, obwohl manche beim Mauerfall noch nicht mal geboren waren. Aber auch für sie mache die „Subkultur“ in den vielen freien Räumen der wiedervereinigten Stadt immer noch die Attraktivität aus, die sie zum Gründen nach Berlin gezogen habe.

„Wir sind nie nervös geworden“

Heiko Weidlich beispielsweise strahlt heute die Pragmatik aus, die vielen Unternehmern aus dem Osten eigen ist, die der Mauerfall in die Marktwirtschaft schleuderte. Die Cloud sei zwar gut, aber nicht alles, auch die alten Techniken würden durch diese neuen Möglichkeiten nicht komplett ersetzt. „Wir sind nie nervös geworden, deshalb haben wir es auch 20 Jahre lang geschafft“, sagt der Firmenchef. Wenn er sich an früher erinnert, fehlen ihm vor allem die Farben. „Ost-Berlin war trist und grau vor dem Mauerfall“, erinnert er sich. Für Berliner sei die Entwicklung seither „gigantisch“. Das, was er heute ist, hätte er in Ost-Berlin nie werden können.

Ihre eigene Ost-West-Erfahrung hat auch Brigitta Gabrin zu berichten. Anfang der 80er-Jahre kam sie aus Rumänien nach Deutschland, arbeitete später als Journalistin und Moderatorin für Radio Multikulti des RBB. Als der Sender 2008 trotz vieler Proteste diese Welle einstellte, gründete sie mit ein paar Gleichgesinnten Radio Multicult FM. Nur fünf Minuten nach Verstimmen der öffentlich-rechtlichen Multikulti-Stimme waren die Neuen als Internetradio im Netz hörbar. „Großkotzig und idealistisch“ hatte man sich gleich ein Rund-um-die-Uhr-Programm vorgenommen, obwohl es kein Geld gab, so Gabrin. Inzwischen sendet Multicult aus einem gläsernen Studio in der Marheineke-Markthalle in Kreuzberg auf der Frequenz 88,4 immer morgens und am Wochenende den ganzen Vormittag.

Als Brigitta Gabrin den Aufruf von Berlin Partner vernahm, dachte sie zuerst, „was hat denn der Mauerfall mit uns zu tun?“. Aber je länger die Radiofrau nachdachte, umso klarer wurde ihr, dass das Projekt, getragen von Ehrenamtlichen auf der ganzen Welt, ohne die Wiedervereinigung der Stadt nicht möglich gewesen wäre. Der Onlinechef arbeitet vom afrikanischen Namibia aus. Türkische Kolleginnen gestalten die spanische Sendung, weil sie zwei Jahre in Südamerika waren, im Studio in der Markthalle berichten Anwohner aus dem Bergmannkiez immer wieder aus dem wahren Leben. Im heutigen Multikulti wäre es langweilig, Türkinnen die türkische Sendung machen zu lassen.

An einem ganz alten Ort der Stadt, im Palais am Festungsgraben, einen Steinwurf vom Boulevard Unter den Linden, spielt die dritte der 25 von Berlin Partner ausgewählten Geschichten. In der 23.Saison spielt am dortigen Theater das Ensemble, das sich 1990 aus dem früheren Theater im Palast der Republik ausgründete. Carl-Martin Spengler erinnert sich, wie sie 1990 in das de facto aufgegebene Haus der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft gezogen waren, wie sie den Theatersaal mit eigenen Händen sanierten und am Anfang gegen freiwillige Spenden Märchen für Kinder aufführten.

„Das Publikum kam anfangs nicht sehr zahlreich, die Leute mussten ihr Leben neu organisieren“, sagt der Schauspieler. Als sie 1991 aber Orwells „Farm der Tiere“ aufführten und die Kritik freundlich reagierte, war das Theater anerkannt. Seitdem pflegt es die Alt-Berliner Salonkultur. Seit 1999 muss sich das Ensemble nicht mehr über Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, Projekte und Schauspielunterricht finanzieren, sondern bekommt Förderung vom Senat und lebt laut Spengler „ganz gut von der Hand in den Mund“.