Meine Woche

Zeit der Inszenierung

Gilbert Schomaker über den Auftritt der drei SPD-Kandidaten

Politik ist immer auch Inszenierung und Selbstinszenierung. Das war diese Woche einmal mehr deutlich zu sehen – im Willy-Brandt-Haus bei der SPD. Dort stellte sich am Dienstag das Dreigestirn der Wowereit-Nachfolge der Parteibasis vor: SPD-Landeschef Jan Stöß, der Fraktionsvorsitzende Raed Saleh und Stadtentwicklungssenator Michael Müller. Ein Blick auf das Äußere zeigte auch, wer sich wie darstellen wollte. Da war der Fraktionschef. Raed Saleh zog sein schwarzes Sakko aus, krempelte die Ärmel seines weißen Hemdes hoch – und erklomm die Bühne zum öffentlichen Vorstellungsgespräch. Und genauso gab sich Saleh auch inhaltlich. Er verwies auf seine politischen Erfolge als Abgeordneter und Fraktionsvorsitzender, wie auf den Stopp des Verkaufs von Wohnungen oder seine Erfahrungen als Unternehmer. Er wisse, wie Unternehmer tickten, so Saleh, der hemdsärmlige Kandidat. Ganz anders der Parteivorsitzende.

Jan Stöß zeigte sich im Anzug und mit SPD-roter Krawatte. Sehr seriös, ganz der Chef. Berlin brauche einen Regierenden Bürgermeister, der zur Stadt passe, sagte Stöß – das sei er, sollten alle denken. Der Landesvorsitzende plädierte für Aufbruch, Veränderung, Mut. Stöß versuchte mit einem Zukunftsinvestitionsprogramm, wie er es nannte, bei der SPD-Basis zu punkten. Der Parteichef will mehr Geld ausgeben für die öffentliche Infrastruktur, für Schulen, Straßen und die Verwaltung. Und er will mehr Wohnungen pro Jahr mit dem Geld des Landes bauen. Stöß nannte die Zahl 5000 – und überbot damit seinen Konkurrenten Michael Müller.

Müller ist als Stadtentwicklungssenator zuständig für den Wohnungsbau und will 1000 öffentlich geförderte Wohnungen pro Jahr errichten lassen. Müller ging äußerlich den Mittelweg zwischen Saleh und Stöß. Er erschien im Anzug, aber ohne Krawatte. „Ich bin ganz bei mir“, sagte der Politiker, der von Stöß und Saleh als Parteivorsitzender gestürzt worden war – nun aber im Rennen um die Macht im Roten Rathaus ganz auf die Parteibasis setzt. „Ich weiß auch wie die Stadt tickt“, ergänzte Müller – ganz im Sinne des noch amtierenden Regierenden Bürgermeisters. Wowereit hatte einmal gesagt: „Ich kenne meine Berliner.“ Müller betonte, er stehe auch weiterhin für die Konsolidierung der Finanzen. Diese Fortsetzung der Wowereitschen Linie war auch eine Abgrenzung zu Stöß.

Interessant war auch, wie die drei Kandidaten das Private geschickt in ihre Reden einfließen ließen. So betonte Müller, dass man auch mit Gesamtschulabschluss, den er habe, weit kommen könne. Müller hatte übrigens seinen Vater mitgebracht, der in der ersten Reihe saß. Stöß wiederum bekannte sich öffentlich zu seinem Lebensgefährten. Seit dem Outing von Klaus Wowereit spiele es keine Rolle mehr, wen man liebe, so Stöß. Und Saleh? Er leitete seine Rede mit einem Besuch am Grab seines toten Vaters ein („Was hätte mein Vater wohl gesagt“). Und bei der Frage nach der Frauenförderung sagte er mit einem Lächeln: Da sitze ihm seine Frau, die auch im Publikum war, im Nacken – und wenn das nicht reiche, seine Mutter.

Gilbert Schomaker leitet gemeinsam mit Christine Richter die Lokalredaktion. Nächsten Sonntag schreibt Christine Richter über ihre Woche in Berlin.