Forschung

„Es geht darum, was uns gesund hält“

Eine Langzeitstudie soll helfen, die Volkskrankheiten Diabetes und Krebs besser zu verstehen

Der Geruch von verdorbenem Fisch strömt aus der kleinen weißen Spitze des Stifts. Die Entscheidung zwischen den Duftrichtungen Schinken, Käse, Kaffee, Kerzenrauch oder Fisch fällt der Probandin nicht schwer. „Hier, riechen Sie schnell etwas anderes“, sagt die Studienhelferin aus Raum sechs lächelnd und hält ihrer Probandin, die angewidert das Gesicht verzieht, den Rosenduft unter die Nase. Raum sechs dient der Prüfung des Geruchssinnes. Eine harte Prüfung.

„Bestens angelegtes Steuergeld“

Der Geruchstest ist einer von zahlreichen Tests, die in den nächsten zwanzig Jahren immer wieder in den neu eröffneten Räumen der Charité stattfinden werden. Denn am Freitag hat das Studienzentrum der Nationalen Kohorte in Berlin Mitte eröffnet. Die Nationale Kohorte ist eine Langzeitstudie, in der der Gesundheitszustand und mögliche Risikofaktoren durch Lebensstil und Umweltbedingungen von 200.000 Menschen aus ganz Deutschland erfasst werden sollen – bevor überhaupt Krankheiten entstehen. 210 Millionen Euro wird die Gesellschaftsstudie kosten, zu zwei Dritteln finanziert aus Mitteln von Bund und Ländern und zu einem Drittel von der Helmholtz-Gemeinschaft. „Risikofaktoren von Volkskrankheiten zu identifizieren, Wege einer wirksamen Prävention aufzuzeigen und Möglichkeiten der Früherkennung zu entwickeln, gehören zu den größten Herausforderungen in der Medizin“, sagte Cornelia Yzer (CDU), Senatorin für Wirtschaft, Technologie und Forschung, deren Haus das Projekt auf Landesebene mit bis zu fünf Millionen Euro in den nächsten zehn Jahren unterstützt. „Daher sind die Zuwendungen im Sinne von Vorsorge und Therapie bestens angelegtes Steuergeld.“

Die Teilnehmer werden in den kommenden zwanzig bis dreißig Jahren in bundesweit 18 Studienzentren untersucht und zu ihren Lebensumständen befragt, alle fünf Jahre einmal. In Berlin gibt es drei Zentren – in Buch, Steglitz und Mitte. Am Studienzentrum in Mitte an der Charité, das als erstes in Deutschland bereit ist für die Hauptphase, sollen 10.000 Berliner zwischen 20 und 69 Jahren untersucht werden. 100.000 Briefe werden nach einem Zufallsprinzip bis 2018 an die Berliner verschickt. Die ersten lagen bereits im März in den Briefkästen. Auch Sebastian Mörs bekam einen Brief. Für den 28-Jährigen war sofort klar, dass er bei der Nationalen Kohorte mitmachen würde. „Das ist eine Sache, die mir selbst Feedback über meine Gesundheit gibt“, sagt er. Außerdem gebe es immer mehr Volkskrankheiten, bei denen niemand so wirklich wisse, wo sie herkommen. „Wenn ich der Medizin helfen kann, mache ich das doch gern. Auch wenn es mir nicht mehr hilft, dann ja vielleicht meiner Tochter.“ Die schläft ruhig in den Armen ihrer Mutter Edda, während der Papa seine Untersuchungen macht.

Eigentlich beginnt die Hauptphase der Studie erst in der nächsten Woche, am 1. Oktober, und dauert bis zum 30. April 2018. Für die Presse hat Sebastian Mörs seine Untersuchung vorgezogen. Das Studienzentrum ist hell, die Räume blau und grün gestrichen, in den Farben der Nationalen Kohorte. Das unangenehme Gefühl von Krankheit, sobald man ein Krankenhaus betritt, bleibt aus. Muss auch ausbleiben, damit die Studie Erfolg haben kann. „Das mit den Farben war meine Idee“, sagt Lilian Krist, die das Zentrum leitet, „die Leute sollen schließlich wiederkommen und sich bei uns wohl fühlen.“

Fast spielerisch geht es im Studienzentrum zu. In jedem Raum verbirgt sich eine Untersuchung. Es wird eine 3D-Aufnahme des Herzens gemacht, ein Lungenfunktionstest und ein Bild des hinteren Auges. Der Drucker gibt eine Aufnahme frei, die an einen fremden Planeten erinnert. Ein von roten Äderchen durchzogener Ball mit einem leuchtenden Zentrum, dem sogenannten blinden Fleck. Wann bekommt man sein eigenes Auge schon einmal so zu Gesicht? Es wird auch gemessen, wie hoch das Risiko ist, an Diabetes zu erkranken, und wie hoch der Körperfettanteil ist. MRT und Blutabnahme sind weniger spielerisch, „aber bequem“, sagt Lilian Krist und meint den MRT. Sie und ihr Team haben alle Untersuchungen mehrmals getestet, um sie für die Teilnehme so angenehm wie möglich zu gestalten.

Schwerpunkt auf Migranten

Die Studie hat zum Ziel, mehr über Volkskrankheiten wie Diabetes, Krebs oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen herauszufinden und die Prävention zu verbessern. „Wir wissen noch immer wenig über Krebs. Oder was wissen wir alles noch nicht über Demenz“, sagt Thomas Keil, der das Projekt koordiniert und stellvertretender Leiter des Zentrums ist. „Wir haben uns mit der Frage beschäftigt, was uns gesund hält.“ Um diese Frage zu beantworten, sind nicht nur biomedizinische Faktoren von Bedeutung, sondern auch soziale. In umfangreichen Fragebögen werden die Lebensumstände der Probanden erfasst, also Angaben zu Familie, Arbeit, Bildung, Wohnverhältnissen und Umweltbelastungen. Aber auch psychosoziale Faktoren wie der soziale Rückhalt oder Stress.

Deshalb liegt einer der Schwerpunkte des Studienzentrums auf dem Gesundheitszustand von Berlinern mit Migrationshintergrund. Denn in Deutschland hängt die gesundheitliche Situation der Bevölkerung maßgeblich davon ab, welche Ausbildung jemand durchlaufen hat, wie hoch sein durchschnittliches Einkommen ist und ob er einen Migrationshintergrund hat.

„Der Public Health Gedanke muss in Deutschland gefestigt werden. Die Sozialmedizin ist hier noch unterbewertet“, sagte Karl Max Einhäupl, der Vorstandsvorsitzende der Charité. „Ich glaube, dass wir in Deutschland ein Defizit haben, weil wir nicht wissen, wie sich gesundheitliche Probleme entwickeln.“ Das soll nun mit der Langzeitstudie anders werden.