Spatenstich

Gropius’ Erbe wird angebaggert

Degewo lässt in der Gropiusstadt 250 Wohnungen bauen. 2016 sollen die ersten Wohnungen bezogen werden können

Sieben Männer, hochkonzentriert bei der Arbeit: In der südlichen Gropiusstadt wird wieder gebaut, erstmals seit 40 Jahren. Die städtische Wohnungsbaugesellschaft Degewo lässt dort 250 Wohnungen errichten. Nur eins von vielen Projekten, bei denen die Degewo insgesamt etwa 3000 Wohnungen bis 2020 verteilt über die Stadt errichten lassen will. Die Pläne für das erste Projekt stammen vom Frankfurter Architekten Christoph Mäckler, der auch das Zoofenster mit dem Waldorf Astoria in der City West gebaut hat. Am Freitag feierten die Degewo-Vorstände Frank Bielka und Christoph Beck mit Gästen das Ereignis bei einem ersten Spatenstich auf dem Grundstück an der Fritz-Erler-Allee Ecke Agnes-Straub-Weg.

Noch ist die Brache, die von Hunden beim Gassigehen gern besucht wird, mit Bäumen bestanden. Das wird sich ändern. Dort entsteht das erste von insgesamt drei Häusern. Neun Millionen Euro soll der Bau kosten. 57 Wohnungen haben Architekt Mäckler und der Projektentwickler Martin Cors geplant. 2016 sollen die Bewohner einziehen, bei einer durchschnittlichen Miete von 9,50 Euro pro Quadratmeter (netto/kalt), die günstigeren Wohnungen werden für 7,70 Euro zu haben sein, am oberen Ende werden es elf Euro sein. Vorwiegend kleine Wohnungen werden entstehen, ebenfalls drei große für Wohngemeinschaften, in denen sich Reha-Patienten nach einem Schlaganfall erholen können.

Gleich zwei Bürgermeister

Die Gropiusstadt ist ein Ortsteil im Bezirk Neukölln. Entstanden ist die von Architekt Walter Gropius geplante Großwohnsiedlung mit rund 18.500 Wohnungen in den Jahren von 1962 bis 1975 zwischen den alten Siedlungen Britz, Buckow und Rudow. Willy Brandt hatte damals als Regierender Bürgermeister von Berlin mit Gropius den Grundstein am Rande der geteilten Stadt gelegt, nicht weit von der Stelle, wo am Freitag der Neubeginn für den jetzigen Bau gefeiert wurde. Bielka begrüßte Bausenator Michael Müller (SPD) launig mit den Worten „Herr Bürgermeister“. Kurze Zeit später musste er allerdings feststellen, dass mitNeuköllns Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) ein weiterer Bürgermeister gekommen war.

Auch wenn nach dem Mauerbau die ursprünglich von Gropius maximal geplanten fünf Geschosse der Gebäude in die Höhe gingen – das Ideal-Wohnhaus an der Fritz-Erler-Allee 120 ist mit knapp 94 Metern inklusive des Fahrstuhlschachts das höchste Wohnhaus Berlins – und sich die Anzahl der Wohnungen von 14.500 auf 18.500 erhöhte, gilt die Gropiusstadt mit ihren relativ vielen grünen Freiflächen heute als beliebte Wohnlage. „Es ist nicht irgendeine Wohnsiedlung. Die Menschen legen Wert darauf zu sagen, ich bin Gropiusstädter“, sagte Buschkowsky, der nicht weit davon entfernt in Buckow wohnt.

Buschkowsky kennt das Gebiet, auf dem die Gropiusstadt einst entstand, noch aus Kindertagen. Auf den Feldern hat er gespielt. Und er erinnert sich auch noch daran, dass dort große, schwarze Baracken standen, in den sozial schwache Menschen wohnten. Die Wohnungsnot sei damals groß gewesen.

Stadtentwicklungssenator Michael Müller gab zu, dass er erst mal geschluckt habe, als er von den Erweiterungsplänen Ende 2011 hörte, nachdem er gerade frisch ins Amt gekommen war. „Natürlich wollen wir beim Wohnungsneubau vorankommen, aber damals dachte ich doch, jetzt sind die verrückt geworden, dort auch noch verdichten zu wollen“, berichtete er. Aber auch er habe gelernt: Viele Vorurteile über die Gropiusstadt stimmten nicht. Es sei ein stabiles Quartier, das sich hervorragend weiterentwickelt habe. Müller bezeichnete es dennoch als „Gratwanderung“, in solch einer Siedlung noch zu verdichten, was mit den jetzigen Entwürfen aber „hervorragend gelungen“ sei. Wegen des Zuzugs nach Berlin seien neue Wohnungen in allen Quartieren der Stadt wichtig.

Neubau auch in Britz und Buckow

Mit Läden und Arkaden will Architekt Mäckler mehr Leben in die Siedlung bringen. Auch er war überrascht, „wie lebendig die Gropiusstadt ist“, aber man könne sie noch verbessern. Statt von Verdichtung, was ein Schimpfwort sei, sprach er dabei von Ergänzung. Der Stadtraum in der Gropiusstadt mit hohen Häusern, aber auch viel Grün, sei kein dichter, er biete viel Platz, der noch gestaltet werden könne.

Nicht nur die Gropiusstadt wächst. Wie Neuköllns Baustadtrat Thomas Blesing (SPD) berichtete, werden auch auf dem Gelände des ehemaligen Badeparadieses Blub in Britz 450 Wohnungen gebaut. Der Investor will laut Blesing 2015 mit dem Abriss beginnen. Auf den Buckower Feldern am Buckower Damm Höhe Gerlinger Straße sind 670 Wohnungen geplant. Am Mariendorfer Weg sollen mehr als 1000 Wohnungen auf dem Gelände der ehemaligen Frauenklinik und in der Umgebung entstehen. Geplanter Baustart ist Ende 2015.

„Wir haben keine Wohnungsnot“

Heinz Buschkowsky sieht den Wohnungsnotstand in Berlin relativ entspannt. Er kenne die Wohnungsnot noch aus den 60er-Jahren, wo Menschen sich um Neubauwohnungen geprügelt hätten. „Wir haben keine Not, wir haben nur einen überstrapazierten Wohnungsmarkt“, sagt Buschkowsky. Das liege auch daran, dass jeder seine eigene Wohnung wolle, und zwar an einem Wunschort möglichst citynah und dann noch mit einer Wunschmiete.

Gleichzeitig kritisierte Buschkowsky, dass bei vielen Bauprojekten Bürger aus der Nachbarschaft auf die Barrikaden gehen wie in der Schöneberger Crellestraße: „Wurde die Politik früher für Wohnungsbau gelobt, wird sie heute beschimpft und mit Tomaten beworfen.“ Die Entscheidung zur Nichtbebauung eines Teils des Tempelhofer Feldes bezeichnet er als Skandal: „Es ist nicht unser Auftrag, das Wohlfühlgefühl zu bedienen. Viele wollen zu uns nach Berlin ziehen. Dann müssen wir auch den Wohnraum bauen und den Menschen ein Dach über dem Kopf schaffen. “