Interview

Weniger Lehrplan, mehr Kreativität

Margret Rasfeld leitet eine der innovativsten Schulen Berlins. Mit ihrem Konzept will sie auch anderen Mut zur Veränderung machen

Margret Rasfeld ist seit 37 Jahren im Schuldienst und leitet seit 2007 die Evangelische Schule Berlin Zentrum. In der Gemeinschaftsschule gibt es Fächer, die Verantwortung und Herausforderung heißen. Für ihr Engagement wurde die Pädagogin 2013 mit dem Querdenker Award ausgezeichnet. 2012 hat sie zusammen mit dem Hirnforscher Gerald Hüther und dem Rechtswissenschaftler Stephan Breidenbach die Initiative „Schule im Aufbruch“ gegründet. Jetzt hat sie das Buch dazu geschrieben, in dem sie anstiften will.

Berliner Morgenpost:

Was will die Initiative „Schule im Aufbruch“?

Margret Rasfeld:

Unser Ziel ist, Schulen von Orten der Wissensvermittlung in Orte der Potenzialentfaltung zu verwandeln. Allein Wissen genügt heute nicht mehr aus, im 21. Jahrhundert benötigen wir mehr.

Was vor allem?

Selbstorganisation, Teamkompetenz, Umgang mit Verschiedenheit, Komplexität, Unsicherheit und Scheitern. Handlungsmut, Querdenken, Herzkraft, Kreativität, Innovations- und Begeisterungsfähigkeit. Wir müssen weg vom Arbeitsblattlernen im Gleichschritt, hin zu individualisiertem Lernen. Dafür muss man neue Formen finden, damit die Schüler eigenständig lernen können und die Möglichkeit haben, in unterschiedlichem Tempo auf unterschiedlichen Niveaus zu arbeiten. Und Lernen läuft über Beziehung, die lässt sich im 45-Minuten-Häppchen-Plan kaum aufbauen. Diese kurzen Einheiten sind ein Gehetze, sie zerstückeln den Schulalltag, und wenn ein Lehrer bis zu 150 verschiedene Schüler am Tag unterrichtet, ist eine Beziehung ohnehin nicht möglich. Der Schlüssel für Motivation ist Anerkennung und Wertschätzung. Der Schlüssel für Begeisterung ist Sinn.

Welche Resonanz erfahren Sie?

Die Initiative wird stark angenommen. Es gibt nach zwei Jahren bereits mehr als 20 Regionalgruppen. Überall im Land sind viele Schulen im Aufbruch. Seit Beginn haben wir eine enge Kooperation mit dem Bildungsministerium Brandenburg: Alle Brandenburger Schulen sind aufgerufen, Schulen im Aufbruch zu werden. Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Niedersachsen ziehen nach. Mit der Bildungsverwaltung in Berlin gibt es keine Kooperation, aber auch hier machen sich einzelne Schulen auf den Weg.

Wie setzen Sie Aufbruch an Ihrer Schule um?

Um Schüler auf die neuen Herausforderungen vorzubereiten, haben wir zwei neue Fächer eingeführt: Verantwortung und Herausforderung. Verantwortung bedeutet: In der siebten und achten Klasse suchen sich die Schüler an einem Nachmittag in der Woche eine verantwortungsvolle Aufgabe im Gemeinwesen: zum Beispiel in der Kita, in der Grundschule, im Senioren- oder Flüchtlingsheim. Herausforderung ist dann die Steigerung. Ab Klasse acht gehen die Schüler in kleinen Gruppen hinaus aus Berlin und müssen über drei Wochen eine Herausforderung meistern, die sie sich selbst gestellt haben, und dabei mit 150 Euro auskommen. Das Ganze wird ein halbes Jahr vorbereitet. Das allein ist schon eine Herausforderung: Die Schüler müssen Gruppenkonflikte überwinden, im Team arbeiten, Pläne über den Haufen schmeißen.

Macht da jeder ohne Murren mit?

Herausforderung ist das Lieblingsfach aller.

Wie findet Beziehungsaufbau an Ihrer Schule statt?

Wir arbeiten mit Jahrgangsteams, ein Team von sechs Lehrern steht für die jeweils drei Klassen eines Jahrgangs zur Verfügung. Diese Pädagogen sind immer ansprechbar, und die Schüler wissen: Hier ist mein Zuhause. Jeden Tag gibt es eine Klassenstunde. Das stärkt Gemeinschaft, wie auch die wöchentliche Schulversammlung. Und freitags trifft sich jeder Schüler mit seinem Tutor zum Coachinggespräch.

Wie schaffen Sie es, bei all den Extra-Stunden den Lehrplan einzuhalten?

Im Leistungsvergleich schneiden wir sehr gut ab. Wir haben gute MSA-Abschlüsse und haben einen sehr erfolgreichen ersten Abiturjahrgang. Aber wir müssen uns klarmachen, was Lernen und Behalten fördert. Wesentliche Grundlage sind gute Lernerfahrungen und das daraus erwachsene Selbstvertrauen. Wissen, das nur für eine Arbeit angelernt ist, wird danach schnell vergessen. Wenn in einer achten Klasse unangekündigt ein Physiktest aus Klasse sechs geschrieben wird, liegt die Hälfte daneben. Bei uns erarbeiten Schüler die Themen im eigenen Tempo, auf individuellen Pfaden, sie helfen sich und melden sich selber zum Test an. Es gibt bis zur neunten Klasse auch keine Noten. Das nimmt Druck, Angst und Konkurrenz aus dem System. Stattdessen bekommen sie Zertifikate mit einer persönlichen Rückmeldung, was sie gut gemacht haben und wie sie sich verbessern können. Am Ende jedes Schuljahres gibt es dann einen ausführlichen Lernbericht.

Das klingt alles so einfach. Wieso gibt es dennoch so wenig Innovationsfreude an Schulen?

Was bisher an Schulreformen passiert ist, sind meist Verbesserungen des Alten. Bekanntes gibt Sicherheit, grundlegend Neues macht vielen Angst. Ich bin aber überzeugt, dass eine Vision eine ganz andere Energie verleiht als die Reparatur des Alten. Das Schulgesetz lässt viel Spielraum zu. Man benötigt dazu ein mutiges Lehrerkollegium mit grundsätzlichem Konsens. Und es ist wichtig, auch Schüler und Eltern einzubeziehen.

Wie weit sind Lehrer auf solche Herausforderungen vorbereitet?

Kaum. Die Lehrer werden auch heute noch als Fachlehrer ausgebildet. Sie sind dann real aber Führungskräfte einer Klasse mit vielen unterschiedlichen Individuen. Gruppenprozesse, wertschätzende Kommunikation und Beziehungskultur, die Schatzsucher-Haltung der Potenzialentfaltung, all das haben sie nicht gelernt. Die Lehrerausbildung muss neu gedacht und verändert werden. Aber wir können nicht darauf warten. So viel Zeit haben wir nicht mehr.

Margret Rasfeld, Stephan Breidenbach: „Schulen im Aufbruch. Eine Anstiftung“, Kösel Verlag, 12,99 Euro.