Lehrer

Aufbruch wie bei Rütli

Zwei Neuköllner Problemschulen starten mit 18 jungen Lehrern neu als „Campus Efeuweg“

In der Aula der Neuköllner Liebig-Sekundarschule herrscht an diesem Vormittag munteres Stimmengewirr. Ganz so, als wären da eine Menge Schüler, die sich lange nicht gesehen und viel zu erzählen haben. Doch es sind keine Schüler, sondern Lehrer, die dort an den Tischen sitzen und erwartungsvoll nach vorn schauen, als Schulleiter Reinald Fischer eine Glocke schwingt, um für Ruhe zu sorgen.

Neben Fischer sitzt die Schulleiterin der Walt-Disney-Grundschule, Sibylle Albrecht. Beide Schulen liegen am Rande der Gropiusstadt. Ihr Ziel ist es, einen Bildungscampus aufzubauen, wie es die Rütli-Schule vorgemacht hat. Campus Efeuweg heißt das Projekt, benannt nach der Adresse beider Schulen.

Es herrscht Aufbruchstimmung

An diesem Vormittag schauen die beiden Schulleiter in viele unbekannte Gesichter. 18 neue Kollegen werden mit Beginn dieses Schuljahres am Campus Efeuweg ihre Arbeit aufnehmen: neun an der Grundschule, neun an der Integrierten Sekundarschule. In der Aula sitzen die Neuen – die meisten von ihnen sind noch sehr jung – neben Kollegen, die schon länger an einer der beiden Schulen arbeiten und froh sind über die Verstärkung. Die Neuen sollen etwa 15 Kollegen ersetzen, die das Schulkonzept zur Entwicklung einer Gemeinschaftsschule im Ganztagsbetrieb nicht mittragen wollten oder aus Altersgründen ausgeschieden sind.

In der Aula herrscht Aufbruchstimmung. Dann ergreift Neuköllns Bildungsstadträtin Franziska Giffey (SPD) das Wort: „Ich bin heute gekommen, um Ihnen Tschaka zu sagen“, ruft Giffey den neuen Lehrern zu. „Sie schaffen das.“ Im Saal wird gejohlt und geklatscht. Alle wollen dabei sein, wenn etwas Neues beginnt, teilhaben an der Veränderung zum Guten. Noch ist der Ruf der beiden Schulen nicht besonders gut, die Zahl der Schüler, die sich dort angemeldet haben, äußerst übersichtlich. Doch das wird sich ändern, die Gemeinschaftsschule wird schon bald eine gefragte Schule sein, davon sind alle hier überzeugt.

Auch Janina Bähre, 30, ist optimistisch. Die Geschichtslehrerin hat sich für Neukölln entschieden, „weil der Bezirk für reformpädagogische Ansätze bekannt ist und ich vom Modell Gemeinschaftsschule überzeugt bin“, wie sie sagt. Bähre hat an der Freien Universität studiert und ihr Referendariat an Schulen in Reinickendorf und Neukölln gemacht. „Die Neuköllner Schüler sind nicht einfach“, sagt sie. Dafür seien sie voller Energie. Die gelte es, in produktive Bahnen zu lenken. Eine Herausforderung, die der jungen Lehrerin gefällt.

Als der SPD-Abgeordnete Joschka Langenbrinck kürzlich forderte, unattraktive Schulen zu schließen, die Lehrer durch motivierte Pädagogen zu ersetzen und die Schulen dann wieder zu öffnen, sorgte das für einen Aufschrei in vielen Kollegien. Am Campus Efeuweg wird zwar nicht so drastisch verfahren, trotzdem geht man auch hier davon aus, dass engagierte Kollegen die Voraussetzung dafür sind, dass sich an der Schule etwas ändert. Franziska Giffey sagt: „Wir standen vor der Wahl, die Schulen vom Netz zu nehmen oder sie zu entwickeln. Wir haben uns für letzteres entschieden.“

Damit die Einleitung einer Schulwende und die Entwicklung eines so großen Gemeinschaftskonzepts wie das am Efeuweg gelingt, sind laut Giffey überzeugte Pädagogen, die dieses Konzept mittragen und voranbringen, Bedingung. „In Neukölln sind 250 neue Lehrer eingestellt worden, fast 20 allein am Campus Efeuweg“, sagt sie. Das zeige, wie dringend motivierte Lehrer dort gebraucht werden und wie viel die Verantwortlichen von dem Modellprojekt halten.

Einer der Neuen am Campus Efeuweg ist Lorenz Zinke. Der 30 Jahre alte Lehrer für Sport und Geografie ist aus Hessen gekommen. Die Schulen am Efeuweg hat er im Mai kennengelernt. Damals hatte die Bildungsverwaltung Lehrer aus anderen Bundesländern zu einem Berlin-Tag eingeladen. Stadträtin Giffey war mit den Gästen durch Neukölln gefahren, um für ihren Bezirk zu werben und ihnen die Schulen zu zeigen, die Verstärkung brauchten.

Zusammen etwas Neues aufbauen

Lorenz Zinke hat die Werbetour überzeugt. Er könne seine Stärken einbringen und mit den anderen Kollegen etwas ganz Neues auf die Beine stellen. Die Stelle in Berlin sei außerdem sein erster fester Job mit unbefristetem Arbeitsvertrag. „Ich habe vor eineinhalb Jahren mein Examen gemacht und will nun endlich richtig loslegen.“ Angst davor, an einer Brennpunktschule zu arbeiten, hat Zinke nicht. „Die Schüler lieben Sport, wir werden schnell in Kontakt miteinander kommen“, sagt er.

Franziska Haimann, 27, wird ihr berufsbegleitendes Referat am Campus Efeuweg machen und dort Geschichte und Ethik unterrichten, 19 Stunden pro Woche. „Es wird nicht leicht werden, zu unterrichten und nebenher das Referendariat zu machen, aber ich wollte nicht mehr länger auf einen Referendariatsplatz warten.“ Das junge Kollegium an der Liebig-Schule macht Franziska Haimann Mut. Sie ist nicht die Einzige, die nun ins kalte Wasser springt.