Aufbau

Fahrgastverband will S-Bahn-Netz ohne Lücken

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Thomas Fülling

Mehr als 70 Kilometer der Strecke noch immer stillgelegt

Gerade hat die Berliner S-Bahn ihr 90-jähriges Bestehen gefeiert. Doch nicht bei allen Gästen war die Feierlaune ungetrübt. Vor allem Vertreter von Fahrgastverbänden erinnerten daran, dass die Stadtschnellbahn nicht ihre alte Größe erreicht hat. Strecken etwa nach Stahnsdorf, Falkensee oder Rangsdorf, die mit dem Mauerbau 1961 gekappt wurden, seien bis heute nicht wieder aufgebaut. „Entgegen den Aussagen des Einigungsvertrages“, wie Jens Wieseke vom Berliner Fahrgastverband Igeb kritisiert.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurden Strecken mit einer Gesamtlänge von fast 77 Kilometern stillgelegt, rund ein Fünftel des gesamten Vorkriegsnetzes. Die S-Bahn und deren Mutterkonzern, die Deutsche Bahn, verweisen bei Nachfragen stets darauf, dass es Sache des Bundes und der Länder sei, Lücken im Schienennetz wieder zu schließen. Bisher gebe es von der Politik nur wenige Bemühungen, stillgelegte Verbindungen wieder zu reaktiveren, kritisiert auch der Landesverband des Deutschen Bahnkunden-Verbandes (DBV). Er macht dafür vor allem eine falsche Prioritätensetzung durch die brandenburgische Landesregierung verantwortlich.

Diese hatte erst vor Kurzem zehn Millionen Euro bewilligt, damit zwischen Strausberg und Hegermühle ein zweites Gleis für die S-Bahn gebaut werden kann. Dieses ist Voraussetzung dafür, dass die Züge der S5 künftig im 20-Minuten-Takt und nicht nur alle 40 Minuten bis Strausberg-Nord fahren können. Die Arbeiten dafür sollen noch in diesem Jahr beginnen, die dichtere Taktfolge ist ab Fahrplanwechsel im Dezember 2015 geplant. Profitieren werden davon vor allem die Zehntausenden Berufstätigen, die jeden Tag zwischen Berlin und dem wichtigen Bundeswehrstandort in Märkisch-Oderland pendeln. „Doch warum zum jetzigen Zeitpunkt Strausberg?“, fragt der DBV-Landesverband. Dort bestehe die Gefahr, dass die Straßenbahn Fahrgäste an die S-Bahn verliere. „Ein toller Pyrrhussieg“, befürchtet der DBV-Landesvorsitzende Frank Böhnke.

Andere Umlandgemeinden von Berlin würden hingegen von der Landesregierung in Potsdam „mit Verve abgekanzelt oder auf den Sankt-Nimmerleinstag vertröstet“. So bekomme etwa Velten (Oberhavel) keine S-Bahn-Anbindung, obwohl die Nutzen-Kosten-Rechnung einen positiven Wert von 1,34 ergab. Auch die stark prosperierende Region Teltow/Kleinmachnow/Stahnsdorf (Potsdam-Mittelmark) würde keinen S-Bahn-Anschluss bekommen, obwohl dort die Bevölkerungszahl, anders als in Strausberg, deutlich steige und es kein ausreichendes Schienenangebot in Richtung Berlin gebe. Falkensee (Havelland), so klagt der DBV, warte seit 1994 vergeblich auf die S-Bahn, die das Brandenburger Verkehrsministerium aber nicht wolle. Dabei habe die Nutzen-Kosten-Analyse auch dort einen positiven Wert von 1,3 ergeben. Fazit des Verbandes: „Brandenburgs Verkehrspolitik ist sachlich kaum noch erklärbar.“