Interview

„Berliner Kreisverkehre sind städtebauliche Highlights mit wichtiger Funktion“

| Lesedauer: 7 Minuten
Thomas Fülling

Planungsexperte Burkhard Horn über die künftige Entwicklung von Verkehrsinseln

Der Ernst-Reuter-Platz in Charlottenburg, der Strausberger Platz in Friedrichshain und natürlich auch der Große Stern in Tiergarten – sie alle sind in Berlin durchaus eindrucksvolle Architektur-Ensemble, die von Verkehrsplanern allerdings in die eher schlichte Kategorie Kreisverkehr einsortiert werden. Über den aktuellen Stellenwert solcher Verkehrsinseln, die Erfahrungen aus der Vergangenheit und künftige Entwicklungen sprach die Berliner Morgenpost mit Berlins oberstem Verkehrsplaner Burkhard Horn. Der 53 Jahre alte gebürtige Göttinger lebt und arbeitet seit 2008 in Berlin, seit März 2014 leitet er als Nachfolger von Friedemann Kunst die Abteilung VII in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, die sich mit der Planung und Umsetzung aller Fragen rund um den Verkehr in Berlin beschäftigt.

Berliner Morgenpost:

Herr Horn, wie finden Sie eigentlich persönlich Verkehrsinseln in Form von großen Kreisverkehren im Stadtbild?

Burkhard Horn:

Nun, ich wohne ja in Friedrichshain. Und wenn ich abends nach Hause radle und den hell erleuchteten Strausberger Platz mit seiner Wasserfontäne in der Mitte sehe – das hat doch was! Städtebaulich können solche Kreisverkehre manchmal recht reizvoll sein.

Anders als etwa in Frankreich, England oder in Skandinavien sind Kreisverkehre im Berliner Stadtbild relativ selten zu sehen. Warum eigentlich?

Das ist ein ja kein spezielles Berlin-Thema. In ganz Deutschland sind Kreisverkehre noch nicht so häufig zu finden wie in den genannten Ländern oder Regionen. Das hat auch historische Gründe und viel mit den städtebaulichen und verkehrsplanerischen Leitbildern zu tun, die in den einzelnen Ländern verfolgt wurden. In Deutschland gab es bis in die 60er-Jahre durchaus auch viele Kreisverkehre, sie wurden dann aber als weniger leistungsfähig angesehen. Und man wollte den Autoverkehr flüssig halten. Kreisverkehre wirken jedoch immer erst einmal auch als Bremse.

Aber dies könnte ja den oft hektischen Großstadtverkehr auch beruhigen?

Das ist richtig. Auch vor der Stadt, etwa bei Ausfahrten aus der Autobahn oder bei Einfahrten in einen Ort, machen Kreisverkehre durchaus Sinn, um bei den Autofahrern das Tempo herauszunehmen. Dort findet man sie auch vor allem im Ausland. In Göttingen, wo ich zwölf Jahre lang als Verkehrsplaner gearbeitet habe, gab es auch so gut wie keine Kreisverkehre. Wir haben dann in einer wichtigen Einfallstraße in die Stadt gleich mehrere Kreuzungen als Kreisverkehre umgestaltet, mit gutem Erfolg. Da passten aber auch alle erforderlichen Rahmenbedingungen gut zusammen, etwa die gleichmäßige Belastung aller Zufahrten.

Das zeigt doch, ein Kreisverkehr macht Sinn...

Ob ein Kreisverkehr sinnvoll ist oder nicht, hängt ja von ganz vielen Faktoren ab, das prüfen wir in jedem Einzelfall. Das ist zum einen natürlich eine Platzfrage. Einen Kreisverkehr an einer Hauptverkehrsstraße anzulegen, ist oft mit erheblichen Umbauten verbunden, für die nicht überall ausreichend Fläche zur Verfügung steht. Gerade in Berlin ist das wichtig, da müssen auch große BVG-Busse und lange Lkw herumkommen. So viel Raum gibt es in den oft dicht bebauten Stadtgebieten nicht. Der Strausberger Platz zum Beispiel wurde gebaut, als im Zweiten Weltkrieg ein ganzes Viertel zerstört war und sehr großzügig neu angelegt wurde.

Aber es ist nicht nur eine Platzfrage?

Nein. Wir haben ja in Berlin in der Vergangenheit zudem viel Geld ausgegeben, um den Verkehrsfluss auf wichtigen Magistralen der Stadt wie zum Beispiel auf der B1/B5 im Berliner Osten durch flexibel steuerbare Lichtsignalanlagen möglichst flüssig zu halten. Würden wir da mittendrin einen Kreisverkehr ohne Ampeln bauen, wäre der gesamte Effekt für einen ganzen Abschnitt schnell dahin. In Wohngebieten außerhalb der Hauptverkehrsstraßen sieht das wieder ganz anders aus. Da können sogenannte Mini-Kreisel Sinn machen. Die bremsen den Kfz-Verkehr und schaffen Akzeptanz für Tempo-30-Regelungen. Ihre Anlage im Nebenstraßennetz ist aber Sache der Bezirke.

Und wie ist das mit der Verkehrssicherheit? Manche Fußgänger riskieren ja regelrecht Kopf und Kragen, wenn sie etwa hinüber zur Aussichtsplattform der Siegessäule laufen wollen.

Ja, deswegen werden große Kreisverkehre wie der am Großen Stern nicht ohne Ampeln auskommen können, zudem die Autos dort ja auch in mehreren Fahrspuren fahren. Das ist immer noch etwas anderes als in einem Kreisverkehr mit nur einer Fahrspur. Generell ist es so, dass sich zum Beispiel ältere Menschen sicherer fühlen, wenn sie über eine Kreuzung gehen können, die mit Lichtsignalanlagen ausgestattet ist. Und auch die Behindertenverbände plädieren in ihren Stellungnahmen zur Verkehrsgestaltung von Plätzen und Straßen dafür, lieber eine Ampel aufzubauen, weil diese auch akustisch signalisieren kann, ob die Fahrbahn gefahrlos überquert werden kann oder nicht.

Wie sieht das mit dem Fahrradverkehr aus?

Fahrradfahrer suchen oft den schnellen, kurzen Weg. Das kann dazu führen, dass es ihnen zu weit ist, wenn sie links abbiegen wollen, eine dreiviertel Runde um den Platz zu fahren. Dann wird schon mal gegen die Fahrtrichtung gefahren, was bei der Querung der Zufahrten für ernsthafte Gefahren sorgen kann. Das ist aber nicht das einzige Problem: Der Moritzplatz in Kreuzberg ist zum Beispiel ein Unfallschwerpunkt für Radfahrer – vor allem deshalb, weil Autofahrer beim Abbiegen aus dem Kreisverkehr wenig Rücksicht nehmen auf die Radfahrer, die weiter im Kreisverkehr sind und eigentlich Vorfahrt haben. Wir werden den Moritzplatz daher gemeinsam mit dem Bezirk in nächster Zeit etwas umgestalten.

Was genau ist dort geplant?

Wir werden durch Ummarkierungen u.a. dafür sorgen, dass Rad- und Autofahrer nicht mehr so dicht nebeneinander fahren. Auch wird das Ausfahren aus dem Kreisverkehr für die Autofahrer nicht mehr so quasi ungebremst möglich sein wie heute. Sie sollen zukünftig langsamer nach rechts abbiegen, auch die Sichtverhältnisse auf den querenden und bevorrechtigten Radverkehr sollen so verbessert werden.

Ist es denn überhaupt noch zeitgemäß, wertvolle innerstädtische Flächen für platzraubende Kreisverkehre nur für Autos zu verbrauchen. Müsste es nicht eher sogar einen Rückbau bestehender Anlagen geben? Gibt es dafür in Ihrer Abteilung konkrete Pläne?

Die großen Kreisverkehre, wie wir sie in Berlin haben, sind ja durchaus städtebauliche Highlights, die zu ihrer Umgebung passen, sie werden auch weiter eine wichtige verkehrliche Funktion haben. Und auch große lichtsignalgeregelte Kreuzungen mit vielen Abbiegespuren brauchen viel Platz. Deshalb: Maßnahmen zur Erhöhung der Verkehrssicherheit ja, kompletter Rückbau von Kreisverkehren nein.