Vereinte Nationen

Da muss man doch was tun können

Als einzige Deutsche fährt eine Berliner Studentin zur Summer School der UN nach New York

Da sitzt eine junge Frau in einem Café in der Oderberger Straße, das mit seinem Namen „Kauf dich glücklich“, seinen kleinen Blumensträußchen, den Pastellfarben und frisch gebackenen Waffeln keine lieblichere Umgebung schaffen könnte, und spricht über das Unrecht auf dieser Welt. Das irgendwie auch Teil ihrer Lebensgeschichte ist.

Mädchenhaft sieht Amina Abu-Gharbieh aus. Eine zarte, dunkelblaue Bluse, lange Haare, die ihr über die Schultern fallen, die braunen Augen hat sie nur leicht geschminkt. „Ich ertrage es einfach nicht, wenn irgendetwas Unrechtes passiert“, sagt die 21-Jährige und schüttelt lachend den Kopf. Doch sie ist mit den Geschichten des Unrechts aufgewachsen.

Amina Abu-Gharbiehs Vater kommt aus Palästina, viele Onkel und Tanten leben dort. Als sie während der Schulzeit immer wieder Lebensläufe schreiben musste, fiel ihr irgendwann auf, wie eng ihre Geschichte mit dem Konflikt im Nahen Osten verknüpft ist. In der elften Klasse entschied sie sich, ein halbes Jahr in Jerusalem zur Schule zu gehen. Von diesen sechs Monaten ist ein Gefühl geblieben: Hilflosigkeit. „Die arabischen Menschen dort spüren, dass man sie ungerecht behandelt, und können einfach nichts dagegen tun“, erzählt Amina Abu-Gharbieh. „Es macht mich einfach traurig, was dort passiert.“ Sie möchte etwas tun. Nicht nur in diesem Konflikt zwischen Israel und Palästina. „Mich beschäftigt alles, was mit Toleranz, Akzeptanz und dem Schutz von Minderheiten zu tun hat“, sagt sie. Amina Abu-Gharbieh spricht leise, es klingt ein bisschen verlegen.

Eine von 75 Teilnehmern

Dabei weiß sie ziemlich genau, was sie im Leben will. Die Welt ein bisschen besser machen – ohne zu träumen. Deswegen hat sie sich im April bei der UN Alliance of Civilizations (UNAOC), einer Unterorganisation der Vereinten Nationen, beworben, um an der sogenannten Summer School teilzunehmen. Um mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen und sich über die aktuelle politische Lage auszutauschen. Die Summer School wird von der UNAOC gemeinsam mit Education First, dem weltweit größten Bildungsunternehmen, ausgerichtet.

Amina Abu-Gharbieh war eine von mehr als 100.000, die das Bewerbungsformular ausgefüllt haben. Nun ist sie eine von 75, die eine Einladung nach New York erhalten haben. „Ich habe es nicht mal zu träumen gewagt“, sagt sie. Ob sie stolz ist? „Irgendwie schon“, grinst sie. Die Eltern sind es auch. Als die Antwort kam, ist Amina Abu-Gharbieh jubelnd durch die Wohnung gerannt, in der sie mit vier jüngeren Geschwistern und ihren Eltern lebt. „Zuerst haben sich meine Eltern riesig gefreut. Jetzt machen sie sich Sorgen.“ Ihr kleines Mädchen in der großen Stadt.

Die Sorge wird unbegründet sein, denn das Programm der Summer School Mitte August ist straff durchorganisiert. Eine Woche wird Amina Abu-Gharbieh an verschiedenen Veranstaltungen teilnehmen, zum Beispiel wird es ein Verhandlungsseminar geben, sie werden die Gebäude der Vereinten Nationen besuchen und jeder stellt das Projekt oder die Organisation vor, der er angehört. Amina Abu-Gharbieh ist als Stipendiatin der Heinrich-Böll-Stiftung Mitglied des Forums muslimischer Stipendiaten und wird auch als Vertreterin des Forums auftreten. Noch ein Thema, das sie umtreibt: Die Wahrnehmung der Muslime in Deutschland.

Das Bild, das die Medien von den Muslimen transportierten, sei vor allem ein abwertendes. „Die Religion wird immer als etwas Fremdes dargestellt, das bei uns versucht, einzudringen“, sagt Amina Abu-Gharbieh. Dabei gebe es so viele muslimische Deutsche. So wie ihre Mutter. Sie sei aus Überzeugung zum Islam konvertiert und habe sich später entschieden, das Kopftuch zu tragen. „Der Islam kommt nicht von außen. Er gehört zu diesem Land“, sagt die 21-Jährige, die religiös erzogen wurde. Natürlich dürften auch Probleme benannt werden, sagt Amina Abu-Gharbie, aber es dürfe nicht zu einer Anklage werden.

Nie eine radikale Aktivistin

Das gilt auch für die andere Seite. Angesichts der aktuellen Lage im Nahen Osten gingen in den vergangenen Wochen in Berlin Menschen auf die Straße, um auf das Leid der Palästinenser aufmerksam zu machen. Dabei wurden auch antisemitische Parolen skandiert. „Antisemitismus ist nicht zu rechtfertigen und falsch“, sagt Amina Abu-Gharbieh. „Außerdem geht es doch in diesem Konflikt um Politik, nicht um Religion.“

Amina Abu-Gharbieh möchte in den Köpfen der Menschen etwas verändern. Schon als Jugendliche hat sie sich engagiert. Sie war Teilnehmerin in der Jungen Islamkonferenz, war in der Schülervertretung, hat sich bei verschiedenen Projekten engagiert. Und wann blieb mal Zeit, um einfach ein Mädchen zu sein? „Ich war nie eine radikale Aktivistin, aber ich habe immer irgendwas gemacht.“ Mit Freundinnen Filme zu politischen Themen geguckt und darüber diskutiert. So sehr Amina Abu-Gharbieh die Ungerechtigkeit hasst, sie verzweifelt nicht an ihr. Denn ein Gedanke begleitet sie immer: Da muss man doch etwas tun können.

Deswegen hat sie sich auch dazu entschieden, Volkswirtschaftslehre an der Humboldt Universität zu studieren. „Hinter vielen politischen Entscheidungen stehen ökonomische Überlegungen“, sagt Amina Abu-Gharbieh. Ob die Bebauung des Tempelhofer Feldes oder Hartz IV. Immer ginge es auch um Geld. Später möchte sie politisch arbeiten, aber nicht in die Politik gehen. „Eine Organisation, die sich für etwas Idealistisches einsetzt – das wäre toll“, sagt Amina Abu-Gharbieh. „Es geht mir nicht um Geld, sondern darum, dass ich etwas bewegen kann.“