Kriminalität

Eine Waffe, eine Witwe und die Bekannte

Ermittler hoffen auf Wende im Verfahren um den Mord an einem Notar in Westend. Schusswaffe wird jetzt untersucht

Bringt der Fund einer Schusswaffe die Wende im Verfahren um den sogenannten Westend-Mord? Justizsprecher Robert Bäuml sagte am Freitag, bei einer Hausdurchsuchung Anfang Juli sei eine scharfe Schusswaffe samt Munition gefunden und sichergestellt worden. Aus Polizeikreisen hieß es dazu, vieles deute darauf hin, dass es sich um die Tatwaffe handele, mit der am 12. August 2013 der Notar und Steueranwalt Ingo W. in seiner Kanzlei in Westend erschossen wurde. Noch allerdings herrscht darüber keine Klarheit. „Die waffentechnischen Untersuchungen sind noch nicht abgeschlossen“, sagte Thomas Fels, der Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft. Die fehlende Tatwaffe war bislang die Schwachstelle in der von den Ermittlern aufgebauten Indizienkette.

Auch wenn sich Polizei und Staatsanwaltschaft mit Auskünften zur aktuellen Entwicklung im Mordfall Ingo W. extrem zurückhalten, ist bereits deutlich geworden, dass der Waffenfund konkrete Auswirkungen auf das laufende Verfahren hat. Hauptverdächtiger ist bislang noch der jüngste Sohn des Opfers, der 17-Jährige muss sich seit März vor einer Jugendstrafkammer des Landgerichts Moabit wegen Mordes verantworten. Ursprünglich sollte bereits am Dienstag kommender Woche das Urteil gesprochen werden. Doch nach dem Waffenfund hat die Kammer sechs weitere Verhandlungstage angesetzt, neuer Termin zur Urteilsverkündung ist jetzt der 29. September.

Bislang nur Hinweise und Indizien

Der 17-Jährige gilt derzeit als Hauptverdächtiger, Zeugenaussagen und DNA-Spuren belasten ihn schwer. Doch auch gegen die Witwe des getöteten Notars und seinen älteren Sohn wird weiterhin ermittelt. Vor allem gegen die 49-Jährige besteht der Verdacht einer Tatbeteiligung. Bislang gab es dazu nur vage Hinweise und Indizien, alles weit entfernt von einem konkreten Verdacht. Doch das könnte sich jetzt ändern. Denn die Schusswaffe wurde im Haus einer Bekannten der Witwe entdeckt.

Diese Bekannte war – wie viele Personen aus dem Umfeld der Familie W. – schon vor langer Zeit befragt worden. Diese Befragungen erfolgten zunächst routinemäßig, die Beamten der zuständigen Mordkommission erhofften sich weitere Erkenntnisse zur Familie W. und den offensichtlichen Problemen, die in der Familie herrschten. In den familiären Schwierigkeiten – das Opfer hatte sich von seiner Frau getrennt und wollte die Scheidung – sahen die Ermittler ein vorrangiges Motiv. Die Bekannte, über deren Identität Polizei und Staatsanwaltschaft bislang schweigen, spielte in den Überlegungen der Beamten lange keine herausragende Rolle, bis vor wenigen Wochen neue Hinweise entdeckt wurden.

Offensichtlich hat sich die Frau in Widersprüche verwickelt. Bei einer früheren Befragung soll sie angegeben haben, sie hätte sich am Tattag in einem Hotel in Brandenburg aufgehalten. Eine andere Zeugin berichtete den Mordermittlern allerdings, die Frau sei am Tattag im Haus der Familie gewesen. Dieses hochinteressante neue Detail veranlasste die Mordkommission, einen Durchsuchungsbeschluss für das Haus der Frau zu erwirken. Und diese Durchsuchung, die am 8. Juli stattfand, erwies sich als Volltreffer. In einem Schrank sollen die Beamten eine Kassette entdeckt haben, auf der ein Zettel mit dem Namen der Witwe aufgeklebt war. Auch der Schlüssel zu der Kassette wurde bei der Durchsuchung gefunden. Die Beamten öffneten das Behältnis und fanden die Waffe.

Was weiß die Bekannte?

Für die Ermittler ergeben sich aus dem Fund neue Indizien. Sollte sich die Bekannte der Witwe tatsächlich am Tattag im Haus der Familie W. aufgehalten haben, ist nicht auszuschließen, dass sie die lange vergeblich gesuchte Tatwaffe an sich genommen und bei sich deponiert hat. Verdächtig gemacht hätte sie sich auch durch unwahre und widersprüchliche Angaben, die jetzt im Raum stehen. Wie wertvoll der Fund und die neuen Erkenntnisse sind, wird sich allerdings erst herausstellen, wenn die Untersuchungen der Waffe abgeschlossen sind.

Sollte es sich tatsächlich um die Tatwaffe handeln, wäre damit eine wichtige Lücke in der Beweisführung geschlossen. Ob dadurch vorhandene Verdachtsmomente gegen die Witwe erhärtet werden, ist noch unklar.

Probleme könnte allerdings auch die Bekannte der Witwe bekommen, wenn die Aussagen der Zeugin zutreffen: Sie müsste erklären, was sie über die Tat weiß und weshalb sie die Waffe an sich genommen hat. Die Frau ist bereits von Beamten der Mordkommission vernommen worden, über den Inhalt schweigen die Beamten allerdings. Ob sich die Witwe des Notars zur jüngsten Entwicklung geäußert hat, wurde ebenfalls nicht bekannt. Bislang hat die 47-Jährige ebenso geschwiegen wie ihre beiden Söhne.