Vermisst

Ermittler im Fall Unbekannt

Dutzende Menschen sterben jedes Jahr in Berlin, ohne dass jemand sie kennt. Die Polizei versucht, sie zu identifizieren

Was der Unbekannte noch über sein Leben erzählen konnte, füllt knapp zwei Dutzend Seiten in einem Aktenordner. Seine Kleidung hat die Polizei fotografiert: Jeans, schwarze Sportschuhe, Pullover, kurze schwarze Jacke, Unterwäsche. In den Hosentaschen steckten zwei Feuerzeuge und eine Zigarette. Einen Rucksack hatte der junge Mann dabei. Darin: eine halb leere Flasche Cola. Auf anderen Fotos in der Akte ist er selbst zu sehen. Und der Ort, an dem man ihn fand. Kurze braune Haare, eine breite Nase, die Augen halb geschlossen, der Mund unnatürlich verzerrt. Die Laube in der Kleingartenanlage in Reinickendorf, die Wäscheleine aus blauem Kunststoff, zu einer festen Schlaufe geknotet. Die Rechtsmediziner haben ihn gewogen und gemessen, sein Alter geschätzt. 30, vielleicht 35, höchstens 40 Jahre alt könnte er gewesen sein. Eine sportliche Gestalt, 178 Zentimeter groß. Die Aufnahmen der Computertomografie zeigen mehrere Füllungen in den Backenzähnen. Und ein verschraubtes Implantat um den zweiten Lendenwirbel.

Ehepaar findet Toten in der Laube

Ein Ehepaar habe den Unbekannten gefunden, sagt Kriminaloberkommissar Uwe Dziuba. An einem Sonnabend Mitte April waren sie zu ihrer Laube in der Kleingartenanlage gefahren. Niemand in der Kolonie hatte den Toten gekannt. Warum er ausgerechnet dort seinem Leben ein Ende setzen wollte, wird sein Geheimnis bleiben.

Wenn in Berlin Menschen sterben, die keine Papiere bei sich tragen, keine persönlichen Gegenstände oder eindeutige Hinweise auf ihre Identität, dann beginnt die Arbeit von Uwe Dziuba, 52, und seinen Kollegen bei der Vermisstenstelle des Landeskriminalamts (LKA). „Unbekannte Tote“ gibt es oft in einer Großstadt wie Berlin. Obdachlose, die namenlos auf der Straße sterben. Suizide im Park. Tote im Teltowkanal, in der Spree. Wenn es Hinweise auf eine Straftat gibt, übernimmt eine Mordkommission den Fall. Wenn nicht, dann die Vermisstenstelle.

Vergangenes Jahr gab es 75 solcher Fälle. Es werden von Jahr zu Jahr eher mehr, sagt Ulrike Rohloff, 46, Kriminalhauptkommissarin und Dziubas Kollegin. In den Jahren zuvor habe die Zahl zwischen 30 und 50 Fällen geschwankt. Viele der Einsamen, nach deren Namen die Kommissare suchen, werden nicht einmal von irgendjemandem vermisst. Und doch schaffen es die Polizisten fast immer, die Identitäten der Toten aufzuklären. Nur wenige Fälle bleiben ungelöst, im vergangenen Jahr war es keiner.

Die Polizei beschlagnahmt die Leichen. Erst nach drei Monaten werden sie bestattet – anonym, falls ihre Identität nicht geklärt werden konnte. Sie werden immer obduziert. Zunächst muss geklärt werden, ob nicht doch ein Fremdverschulden als Todesursache vorliegt. Aber der Obduktionsbericht liefert auch bei einem natürlichen Tod, Unfall oder Suizid wichtige Anhaltspunkte. Narben, Tattoos oder Piercings können Hinweise auf die Identität geben. Oder auch Implantate.

Acht Schrauben an einem Metallgestell hatte der tote junge Mann aus der Reinickendorfer Kleingartenanlage in seinem Rücken. Jede einzelne davon ist mit einer Registriernummer versehen. Bei der Charité hätten sie dann die Namen von vier Herstellern bekommen, die das Wirbelsäulenimplantat herstellen, sagt Kriminaloberkommissar Dziuba. Erst seit fünf Jahren werde diese Art benutzt, die Operation des Mannes könne also nicht lange zurück liegen. Eine österreichische Firma schließlich teilte mit, sie habe die Teile für das Gestell vor zwei Jahren an ein Krankenhaus in Vorarlberg geliefert. Dorthin hat Dziuba nun seine bisherigen Informationen über den toten jungen Mann geschickt. „Einer der Chirurgen dort wird sich erinnern, wen er operiert hat“, hofft Dziuba. Dann könnte der Tote identifiziert und Angehörigen übergeben werden, falls vorhanden.

Natürlich sind eindeutige Spuren wie ein solches Implantat selten. Gibt es schon eine Ahnung, wer der Tote sein könnte, etwa wegen einer Vermisstenanzeige, helfe der Zahnstatus, sagt Uwe Dziuba. Über eine Anfrage bei der zahnärztlichen Vereinigung könne der behandelnde Zahnarzt eines Vermissten abgefragt werden – und Daten aus der Krankenakte dann mit denen aus dem Obduktionsbericht abgeglichen werden.

Hilfe aus alten DDR-Akten

Oft sind es jedoch Kleinigkeiten, die den Kommissaren helfen. Ein Wohnungsschlüssel, der über einen Schlüsseldienst einer bestimmten Schließanlage in einem Haus zugeordnet werden kann. Ein nummeriertes Brillengestell. Seltene Schmuckstücke. Einmal gab es den Hinweis auf eine lang zurückliegende Haft einer toten Obdachlosen, da halfen alte DDR-Akten und das gute Gedächtnis eines ehemaligen Zuchthausaufsehers. Dziuba und Rohloff fallen unzählige solcher Beispiele ein. „Jeder Fall ist wieder ganz anders als der davor“, sagt die Hauptkommissarin. Auch darin bestehe der Reiz ihrer Arbeit.

Für die Recherche steht der Abteilung 124 beim LKA außerdem die Datenbank des Bundeskriminalamts zur Verfügung. Dort sind sämtliche Vermisstenanzeigen bundesweit zu finden, auch alle unbekannten Toten werden zentral erfasst.

Erst vor Kurzem stand nach einem solchen Datenbankabgleich ein Fall kurz vor der Lösung. Mitte November war am Kupfergraben in Mitte eine tote Frau aus der Spree geborgen worden. 165 Zentimeter groß, 59 Kilo, rotbraunes Haar, um den Hals eine goldfarbene Kette mit einem kleinen Stein daran. Doch das Wasser hatte seine Spuren hinterlassen, das Gesicht der Frau konnte nur noch rekonstruiert werden, ihr Alter wurde grob auf 30 bis 50 geschätzt. Es gab keinerlei Hinweise auf ihre Identität.

Dann fütterte Kommissar Dziuba das BKA-System mit der DNA-Formel der Toten und bekam einen Treffer. Die weißrussische Polizei suchte nach einer Frau, die bereits 1997 vermisst gemeldet worden war. Sie soll als Prostituierte gearbeitet und sich gen Westen abgesetzt haben. Die weißrussische DNA in der Datenbank stammte von ihrer Tochter in Minsk. Acht von zehn Merkmalen stimmten mit der Genprobe der Toten vom Kupfergraben überein. Dziuba gab die Daten weiter an die Charité, die noch einmal einen DNA-Vergleich anstellte – und schließlich doch ausschließen musste, dass die Tochter zu der unbekannten Toten gehört.

Oft seien die Einblicke in die Schicksale der Toten traurig, sagen Uwe Dziuba und Ulrike Rohloff. „Ein bisschen ist das auch Sozialarbeit“, sagt die Kommissarin. Aber wenn sich um viele Menschen ihr ganzes Leben schon niemand kümmere, könnten sie ihnen wenigstens am Ende ihren Namen zurückgeben, sagt der Kommissar. „Ein Stück von ihrer Würde.“