Projekt

Mit Kohle gegen Kontrastmittel

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Katrin Lange

Berlins Wasser soll noch sauberer werden. Schädliche Substanzen werden herausgefiltert

Das Berliner Trinkwasser hat eine hervorragende Qualität. Daran lässt Jörg Simon, Vorstandsvorsitzender der Berliner Wasserbetriebe (BWB), keinen Zweifel. Es kann zu 95 Prozent aus eigenen Ressourcen vor Ort gewonnen und muss nicht gechlort werden. Doch die Messtechnik ist mittlerweile so genau, dass sie geringste Spurenstoffe im Mikrogrammbereich, die nicht im Wasser abgebaut werden, aufspürt. Das können Reste von künstlichem Süßstoff sein, aber auch Medikamentenrückstände, Geschirrspülmittelsubstanzen oder Röntgenkontrastmittel. In einem Pilotprojekt ist es jetzt den Wasserbetrieben in Zusammenarbeit mit der Technischen Universität gelungen, diese widerstandsfähigen Stoffe herauszufiltern. Nach einer dreijährigen Testphase ist das Projekt soweit, dass es in der Praxis in einer Kläranlage und bei der Aufbereitung von Trinkwasser zum Einsatz kommen soll.

Versuchsanlage im Keller

Noch steht die Versuchsanlage im Keller der Oberflächenwasser-Aufbereitungsanlage (OWA) in Tegel. Durch zwei riesige Filtersäulen blubbert das Wasser. Das Besondere daran ist, dass in den Reinigungsprozess des Wassers Aktivkohle gegeben wird – dasselbe schwarze Granulat, das auch bei Verdauungsproblemen hilft und in der Apotheke zu bekommen ist. Aktivkohle hat die Eigenschaft, unerwünschte Stoffe an sich zu binden und einzulagern. Das hat sie im Test erfolgreich getan. Zum Abschluss der Versuchsphase ist der Nachweis erbracht: Die Aktivkohle ist wirksam. Auch minimale Spuren von Stoffen konnten eliminiert werden.

„Wir stehen kurz davor, dass die Anlage auf den Markt geht“, sagte Regina Gnirß, Leiterin der Abteilung Forschung und Entwicklung bei den Wasserbetrieben. Dann ginge es nicht mehr darum, 100 Kubikmeter Wasser zu reinigen, sondern 100.000 Kubikmeter. Dabei wird auch noch ein zweiter, im Pilotprojekt geprüfter Stoff zum Einsatz kommen: Ozon – ein Oxidationsmittel, das in der Lage ist, organische Stoffe zu zerschlagen. Auch die Wirksamkeit dieses Mittels ist bewiesen, es soll ebenso zur Anwendung kommen.

„Die Anforderungen an die Reinigung des Wassers steigen aufgrund der modernen Analytik“, sagte Jörg Simon vom Vorstand der Wasserbetriebe. Dennoch seien es minimale Mengen, von denen die Rede ist. Das verdeutlichte er an einem Beispiel: Um eine Tablette mit einem Wirkstoffgehalt von 400 Milligramm über das Trinkwasser aufzunehmen, müsste man jeden Tag zwei Liter trinken, und das mindestens 270.000 Jahre lang. Eine schädigende Wirkung von Spurenstoffen auf den Menschen habe wissenschaftlich nicht belegt werden können. „Dennoch haben wir in Deutschland in der Wasserwirtschaft das Minimierungsgebot“, ergänzte Stephan Natz, Sprecher der Berliner Wasserbetriebe. Egal, um welche Substanz es sich handle, was nicht ins Wasser gehöre, solle auch nicht drin sein. Deshalb müsse die Forschung vorangetrieben werden. Leiter des Forschungsprojekts mit dem wissenschaftlichen Namen „Anthropogene Spurenstoffe und Krankheitserreger im urbanen Wasserkreislauf“, kurz Askuris genannt, ist Martin Jekel vom Fachgebiet Wasserreinhaltung der Technischen Universität (TU) Berlin.

Leitungswasser ist trinkbar

„Ich trinke auch weiterhin Leitungswasser“, sagte der Professor. Und auch seine Studenten dürfen sich Wasser in Plastikflaschen zapfen. Allerdings wisse er jetzt, warum es Süßwasser heiße, sagte er scherzhaft. Das liege an dem Süßstoff, der im Wasser nicht abgebaut werde. Auch Jekel grenzte das gesundheitliche Risiko ein. Er sprach von 2800 Arzneimittelwirkstoffen, die sich in 40.000 Produkten wiederfinden. Etwa 100 Stoffe werden nicht abgebaut.

Dass sie überhaupt in den Wasserkreislauf gelangen, führte er unter anderem auf falsches Verhalten zurück. So würden zum Beispiel abgelaufene Arzneimittel einfach in der Toilette landen. „Das muss vermieden werden“, sagte Martin Jekel. Besonders gefährlich seien einige Epilepsie- und Schmerzmittel sowie ältere Antibiotika, die schon lange auf dem Markt sind.

Generell ist die Reinigung des Wassers mit Aktivkohle und Ozon nur die wissenschaftliche Seite, um das Wasser langfristig zu schützen. Auf der anderen Seite müssen die Wirtschaft und die Verbraucher daran mitarbeiten. „Auch eine zusätzliche Aufbereitungstechnik in der Wasserwirtschaft wird in keinem Fall jeden möglichen Spurenstoff entfernen können“, sagte Vorstand Simon. Um bei einer dauerhaften chemiefreien und naturnahen Trinkwasseraufbereitung zu bleiben, müssten bei der Zulassung, Anwendung und Entsorgung von Medikamenten und Chemikalien deren Folgen für den Wasserkreislauf stärker berücksichtigt werden. Deshalb müsse man mit der Pharmaindustrie, mit Ärzten und Kliniken ins Gespräch kommen und gemeinsam nach Lösungen suchen.

Der Bund fördert das Forschungsprojekt mit insgesamt 30 Millionen Euro. Es ist eins von zwölf Projekten, die sich mit neuen Schadstoffen und Krankheitserregern im Wasserkreislauf beschäftigen. „Seit drei Jahren verfolgen wir den Schwerpunkt nachhaltiges Wassermanagement“, sagte Helmut Löwe, Mitarbeiter im Bundesforschungsministerium. Das Thema Wasser sei nämlich immer solange unsichtbar, bis etwas passiere.