Gesundheit

Ein Kuss kann tödlich sein

Die Erdnussallergie ist für Tom Böhnke ein lebensbedrohliches Risiko. Er lebt damit, seit er vier Jahre alt ist

Es war ein Erdnussflip, dieses kleine Würmchen, das im Mund so schön zu Brei zergeht und das zu Kindergeburtstagen dazu gehört wie Luftballons. Als Tom Böhnke es sich in den Mund steckte, war er vier Jahre alt. Seine Lippe schwoll an. Doch Nanna, seine Mutter, machte sich keine weiteren Gedanken darüber. Die Ärzte beruhigten sie, das sei schon nichts. Erdnussallergie ja, aber was das genau bedeutet, war der Mutter nicht bewusst, und offenbar auch nicht den Ärzten. „Von da an habe ich Roulette gespielt“, sagt sie heute. Rot oder Schwarz, Leben oder Tod.

Gefahr bei der Einschulung

Am Tag seiner Einschulung fiel die Roulette-Kugel ins falsche Feld. Tom rief seiner Mutter aus seinem Kinderzimmer zu, ob er den Schokoriegel aus der Schultüte essen dürfe. Wenn keine Erdnuss auf dem Riegel abgebildet sei, natürlich, rief sie zurück. Tom übergab sich mehrmals, die Mutter dachte an Magen-Darm. Doch als Nanna Böhnke an sein Bett trat, erkannte sie ihren Sohn kaum wieder. „Ich bin so erschrocken“, erzählt die Mutter. Der ganze Körper des damals Sechsjährigen war angeschwollen. „Ich bekomme keine Luft“, sagte Tom. Nanna Böhnke reagierte sofort und gab ihrem Sohn ein Asthmamittel, das eigentlich der kleine Bruder nahm. Das rettete ihm das Leben. Heute ist Tom Böhnke 14 und verträgt dank einer Pilotstudie der Charité 36 Erdnüsse. Davor waren es 0,12.

Eine kleine Hülsenfrucht, die in so vielen Produkten steckt, ohne dass man es vermuten würde, und die verheerenden Schaden anrichten kann. Für Sabine Dölle ist sie zur Lebensaufgabe geworden. Die 33-Jährige ist Ernährungswissenschaftlerin im Allergie-Centrum der Charité, das eng mit der Europäischen Stiftung für Allergieforschung (ECARF) zusammenarbeitet. Sie ist fasziniert von den vielen Rätseln, die diese Allergie aufgibt. „Die Forschung steckt in den Kinderschuhen und noch viele Fragen sind unbeantwortet“, erzählt sie. Warum reagiert der Körper auf eine Erdnuss extremer, als auf ein anderes Lebensmittel? Wie entsteht die Allergie überhaupt? Und was macht die in der Erdnuss enthaltenen Proteine zu Allergenen?

Sicher ist, dass eine Erdnuss zehn bis zwanzig Proteine enthält, die allergen wirken. „Und da hat man wahrscheinlich nicht mal alle entdeckt“, erzählt die Ernährungswissenschaftlerin. Sicher ist auch, dass die Reaktionen des Körpers auf diese Allergene sehr extrem sein können: Die Atemwege können anschwellen und den Weg zur Lunge verschließen, es kann zu Herz- und Kreislaufproblemen kommen. Im schlimmsten Fall werden die Menschen bewusstlos und hören auf zu atmen. Die einzige Therapie ist im Moment noch die Karenz, also die Vermeidung des Allergens. Wie viele Menschen in Deutschland an Erdnussallergie leiden, ist nicht bekannt. Aus den USA oder England gibt es Zahlen von ein bis zwei Prozent der Bevölkerung, Tendenz steigend. Die Dunkelziffer dürfte erheblich darüber liegen.

Für ein Kind bedeutet die Allergie, früh erwachsen zu werden, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen. Keinen Schritt ohne das Notfallset zu tun: Cortison, Antihistaminika, Adrenalinspritze. Bei Familie Böhnke bekommt das Set im Sommerurlaub am Strand immer einen eigenen Sonnenschirm. Die Allergie bestimmt den Alltag. „Wir haben früher eigentlich immer im Bio-Laden eingekauft“, erzählt Michael S. Sein siebenjähriger Sohn Jakob hat eine schwere Erdnussallergie. Bio geht heute nur noch bedingt. „Das sind oft kleine Betriebe, die eine Qualitätskontrolle oder die strenge Trennung der Produktion mit und ohne Erdnüsse in dem Maße nicht gewährleisten können.“ Nahrungsmittelproduzenten sind verpflichtet, die Inhaltsstoffe eines Produkts anzugeben und auch die 14 Hauptallergene uneingeschränkt zu deklarieren. Das gilt jedoch nicht für Spuren. Die Angabe von eventueller Kontamination durch die Verarbeitung ist freiwillig. Das führt dann in der Praxis zu zwei Extremen: Entweder werden gar keine Spuren angegeben oder es werden alle Spuren, die Allergien auslösen könnten, angegeben, auch wenn sie nicht im Produkt enthalten sind. Ersteres ist für hochsensible Patienten lebensgefährlich und letzteres schränkt die Lebensqualität der Betroffenen extrem ein. Nanna Böhnke hat immer versucht, ihrem Sohn das Leben so normal wie möglich zu machen. Sie hat die bekannten Fast-Food-Ketten angeschrieben, um herauszufinden, wie der Umgang mit Erdnüssen ist. Trotzdem, schnell mit den Kumpels einen Döner nach der Schule essen, das war tabu. Der Kindergeburtstag des besten Freundes, der auf seinem Fest unbedingt Erdnussflips anbieten will, genauso. Auch das Umfeld hat nicht immer so reagiert, wie sie sich das gewünscht hätte. „Wenn ich auf Elternabenden darum gebeten habe, den Kindern auf dem Ausflug doch bitte keine Erdnüsse mitzugeben, bin ich bei einigen auf völliges Unverständnis gestoßen“, erzählt Nanna Böhnke.

Dass Allergien verharmlost werden, ist für Ernährungswissenschaftlerin Sabine Dölle nicht neu. „Nahrungsmittelunverträglichkeiten sind zu einer Modeerscheinung geworden“, sagt sie, „ein Viertel der Deutschen glaubt, darunter zu leiden.“ Sie sagt es vorsichtig, aber sie hat es erlebt, beruflich wie privat. Es ist zu einem alltäglichen Problem geworden und lässt so die wirklich gefährlichen Allergien harmlos und normal wirken. Tatsächlich haben nicht 25 sondern sechs Prozent der Menschen eine Nahrungsmittelunverträglichkeit. Was die Situation nicht weniger dramatisch macht, das möchte Sabine Dölle auch betonen. „Es ist eine ernstzunehmende Volkserkrankung, die einen lebensbedrohlichen Ausgang haben kann.“

Für die Eltern von allergischen Kindern wird das zum Problem. Denn häufig ist die Erdnussallergie an Schulen kein Thema, die Eltern müssen selbst aufklären. Auch Michael S. hat das so gemacht. Er hat sich in die Lehrerversammlung der Schule gestellt und den Lehrern erklärt, dass sein Sohn Jakob sterben kann, wenn man nicht richtig mit ihm umgeht. Er hat ihnen erklärt, dass die Medikamente, die Jakob bei sich trägt, ungefährlich sind.

Michael S. forscht und lehrt als Wissenschaftler an einer Berliner Hochschule. Er ist es gewohnt vor vielen Menschen zu sprechen und er spricht die Sprache der Wissenschaft. „Für mich ist es kein Problem, die Lehrer meines Sohnes aufzuklären“, erzählt er. „Aber für die meisten Menschen ist das eine Hürde.“ Er würde sich wünschen, dass Betroffene mehr Unterstützung bekommen würden. Zum Beispiel von den Krankenkassen. „Es müsste sich ein Automatismus in Gang setzen, sobald die Krankenkasse von der Allergie erfährt“, erklärt er. „Dann müsste jemand an die Schule geschickt werden, der das dem Lehrerpersonal richtig erklärt.“ Und eigentlich findet er, müsste der Umgang mit allergischen Kindern schon in der Lehrerausbildung geschult werden.

Michael S. würde sich wünschen, dass Erdnüsse an Schulen verboten werden, genauso wie auch Alkohol verboten ist. „Doch das scheint die Menschen zu sehr in ihrer persönlichen Freiheit einzuschränken“, sagt er. In Kanada sind Erdnüsse an allen Schulen verboten. Doch dafür musste erst ein 13-jähriges Mädchen sterben. Michael S. kann als Wissenschaftler eigentlich rationaler als andere Betroffene an die Sache herangehen. Trotzdem will er seinen richtigen Namen in der Zeitung nicht nennen und auch nicht den seines Sohnes. „Es ist eben doch etwas Gefährliches.“

Tom Böhnke hatte das Glück an einer Pilotstudie der Charité teilnehmen zu können. 23 Kinder und Jugendliche zwischen drei und vierzehn Jahren haben in einer Immuntherapie regelmäßig und unter Aufsicht kleinste Mengen Erdnuss bekommen, die kontinuierlich gesteigert wurden. Über vier Jahre lang kamen Nanna und Tom Böhnke für die Behandlung für einige Tage nach Berlin. „Heute kann ich ein bisschen loslassen“, sagt Nanna Böhnke „das war immer das schwerste.“ Ihr Mann kann das bis heute nicht. Nanna Böhnke hat mittlerweile gelernt, dass sie sowieso nicht in jeder Situation dabei sein kann. „Ich kann nicht kontrollieren, ob mein Sohn auf einer Party ein Mädchen küsst, das vorher Erdnüsse gegessen hat“, lacht sie, „man muss ihn auch mal gehen lassen.“