Umwelt

Zu viel Licht im Dunkeln

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Laura Réthy

Öffentliche Beleuchtung in der Nacht belastet Mensch, Tier und Umwelt

Vor Haus Nummer sechs in der Falckensteinstraße in Kreuzberg sammeln sich die Menschen. Herbert Lohner ist überrascht. Damit hat der Referent für Naturschutz nicht gerechnet. Schließlich soll es um ein Thema gehen, das ein Nischendasein führt: Licht und sein Einfluss auf Natur und Mensch. Noch dazu ist es zehn Uhr am Abend, die Fußball-WM läuft, und draußen ist es beinahe dunkel. Oder besser: Es sollte um diese Zeit dunkel sein. Doch die Falckensteinstraße ist hell erleuchtet. Restaurants, ein Supermarkt und Laternen strahlen um die Wette.

Darum soll es an diesem Abend gehen. Um Lichtverschmutzung. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) Berlin hat im Rahmen des Langen Tags der Stadtnatur zu einer Führung geladen. Herbert Lohner steht jetzt auf einer Bank, damit ihn alle hören können, umringt von etwa 40 Menschen. Zum Anfang ein Ratespiel: Die Falckensteinstraße ist links und rechts von Laternen gesäumt, die identisch aussehen. Es sind alte Gaslaternen, von denen es in Berlin noch mehr als 40.000 gibt. Doch eine Straßenseite ist seit zwei Jahren auf LED-Lampen umgerüstet. „Jetzt schauen wir mal, ob Sie den Unterschied erkennen können“, sagt Lohner und führt die Gruppe zur nächsten Straßenecke. „Und?“, fragt er in die Runde. „Links sind die Gaslampen“, vermutet ein Mann. Richtig geraten. Doch der Unterschied ist minimal. Der ökologische und ökonomische Unterschied dagegen groß. Denn die alten Gaslampen verbrauchen ein vielfaches der Energie, die LED-Laternen verbrauchen. Das bedeutet auch ein höherer Ausstoß an CO2. Die Umrüstung der Gaslaternen ist Teil eines Lichtkonzeptes, das der Senat 2011 für Berlin entwickelt hat. Es geht darum, Umwelt, Menschen und Tiere zu schützen. Besonders für letztere kann die Stadtbeleuchtung zum Problem werden. Nachtaktive Insekten werden von dem Licht vieler Laternen angelockt und können oft erst wieder entkommen, wenn das Licht erlischt. Nicht wenige verenden dabei, besonders wenn die Laternen offen sind und die Insekten ins Innere gelangen. Die Tiere fehlen dann in ihrer natürlichen Umgebung als Futter von Vögeln und Fledermäusen und als Bestäuber von Pflanzen. Immerhin rund 3500 der 3700 deutschen Schmetterlingsarten sind nachtaktiv. Auch für Vögel, besonders für Zugvögel, ist das künstliche Licht ein Problem. Herbert Lohner zeigt auf einen Supermarkt. Grüne Lichtsäulen strahlen in den Himmel. „Davon werden Vögel angezogen, die dann um das Licht kreisen“, erklärt er. Das kostet manche so viel Energie, dass sie vom Himmel fallen – oder sie setzen ihre Reise in eine falsche Richtung fort.

Dass Licht schaden kann, spricht sich nur langsam herum. „Das Thema Lichtverschmutzung ist einfach nicht sehr sexy“, sagt Herbert Lohner am Ende. Der Senat hat immerhin ein Konzept. Ob und wie es umgesetzt wird, weiß niemand – eine private Firma kümmert sich darum.