Forschung

Erdbeeren vom Dach

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Laura Réthy

Projekt der Technischen Universität erprobt in Kreuzberg die Produktion von Lebensmitteln

Der Weg in die Zukunft führt über einen gewöhnlichen Kreuzberger Hinterhof. Dann ein schmaler Gang, mannshoch bewachsen mit Gräsern, hin zu einem kleinen Tor. Dahinter wie aus dem Nichts ein Meer sich wiegender Schilfhalme. „Man vergisst manchmal, dass man mitten in einer Großstadt ist“, sagt Anja Steglich lächelnd an eines der Geländer gelehnt, das Schilf und den kleinen Pfad durch das grüne Feld trennt.

Fisch-Erdbeer-Kreislauf

Ein Kleinod zu Forschungszwecken. Hier wird erforscht, wie frische Lebensmittel in der Stadt produziert werden können und gleichzeitig Wasser als Ressource wiederverwendet werden kann. „Roof Water-Farm“ nennt sich das Projekt, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert wird. Der Kreuzberger Hinterhof ist zwar kein Roof, kein Dach, aber hier werden Systeme entwickelt, die später auf Dächern stehen könnten.

Hinter Anja Steglich macht sich ihre Kollegin Grit Bürgow an einem Schloss zu schaffen, das an der Tür eines Gewächshauses hängt. Es klemmt. „Gelungene Generalprobe“, lacht sie. Noch ist Zeit, aber am nächsten Tag muss alles stimmen. Am heutigen Mittwoch ist Erdbeerfest, und Anja Steglich und Grit Bürgow stellen der Öffentlichkeit zum ersten Mal das Forschungsprojekt vor, das die beiden Landschaftsarchitektinnen am Fachgebiet Städtebau und Siedlungswesen an der Technischen Universität (TU) seit vergangenem Jahr leiten.

Die Tür öffnet sich nun doch, und ein Schwall drückender Luft drängt ins Freie. Ein stetiges Plätschern dringt aus dem Innern des Hauses. „Das ist also unsere erste Teststrecke“, sagt Grit Bürgow. Auf zwei hüfthohen Tischen reihen sich kleine Erdbeerpflanzen. Die Früchte sind noch grün, die erste Ernte ist bereits gepflückt. „Und hier wären unsere Fische“, sagt Anja Steglich und geht zu einem Behälter am Kopf der Erdbeertische. „Wir haben sie ausgetauscht, und die neuen sind gerade auf dem Weg hierher.“ Sind die Fische da, ist das der Kreislauf: Die Schleie, Fische aus der Familie der Karpfen, schwimmen in wiederaufbereitetem Grauwasser, sogenanntem Betriebswasser, aus den umliegenden Häusern. Grauwasser ist Abwasser ohne Fäkalien, zum Beispiel aus Dusche oder Waschmaschine. Die Fische düngen durch ihre Ausscheidungen auf natürliche Art das Wasser, das direkt zu den Erdbeeren fließt. Aufbereitet wird das Grauwasser in einem Betriebswasserhaus, das auch für die Mieter das Abwasser säubert und in den Kreislauf zurückführt. Es hat Badewasserqualität.

Was hier im Kleinen stattfindet, könnte Zukunft für Berlin sein. Selbstversorgung mit frischen Nahrungsmitteln. Das Projektteam hat bereits erste Gebäudestudien durchgeführt – mit guten Ergebnissen. Obwohl das alles noch Theorie ist, wie Grit Bürgow betont. Für die erste Studie stand gleich eines der Häuser um die Roof Water-Farm Modell. Ein fünfstöckiges Mietshaus. Ergebnis: Circa 80 Prozent des Bedarfs der Bewohner an frischem Fisch, Obst und Gemüse könnten damit gedeckt werden. Grit Bürgow und Anja Steglich haben Fragen im Kopf. Wie viel Lebensmittel können auf den Dächern Berlins hergestellt werden? Wie lassen sich die Konzepte an die jeweilige Struktur anpassen? Antworten wollen sie in drei Jahren gefunden haben. Ab Sommer gibt es für Interessierte Selbstbauworkshops.

Erdbeerfest der „Roof Water-Farm“, Bernburger Str. 22, 10963 Kreuzberg, 15 bis circa 18 Uhr