Tarifkonflikt

Aufstand der Ärzte

Heute beginnt an den Vivantes-Kliniken die Abstimmung über einen Streik. Doch es geht nicht nur um Geld

An lange Arbeitstage ist Dorothee Lethen gewöhnt. Acht Bereitschaftsdienste macht die Chirurgin pro Monat, jeder verlängert ihren Acht-Stunden-Tag im Vivantes Wenckebach-Klinikum um zehn Stunden in der Nacht. Je zwei Wochenenden sind ganz oder teilweise betroffen. Weniger Zusatzdienste leistet auch Oberarzt Michael Emeis nicht. Nur, dass der Kinderintensivmediziner am Vivantes Klinikum Neukölln ruhige Nächte in Rufbereitschaft zu Hause verbringt.

Über die generell hohe Beanspruchung klagen die Ärzte nicht. „Ich mache meine Arbeit sehr gern“, versichert Emeis, der vor mehr als 24 Jahren in den Beruf einstieg. Sie habe eine enorme Verbundenheit mit dem Vivantes-Haus in Tempelhof, sagt Lethen, die ihre bisher 20 Arztjahre komplett im Wenckebach-Klinikum verbrachte. Und doch sind die beiden – wie viele Kollegen in den neun großen Vivantes-Krankenhäusern in Berlin – jetzt so verärgert, dass sie einen Ärztestreik für das vielleicht letzte Mittel halten.

Zu insgesamt fünf Verhandlungsrunden hatten die Ärztegewerkschaft Marburger Bund und die Vertreter des kommunalen Klinikkonzerns sich zusammengefunden. Am 8. Mai gingen sie ohne Ergebnis auseinander. Zwar war Vivantes den Medizinern in der letzten Runde in einigen Punkten entgegengekommen, hatte eine lineare Gehaltserhöhung um 2,9 Prozent ab April 2014 zugesagt und um weitere 2,3 Prozent ab April 2015 angeboten. Auch die Vergütung der Bereitschaftsdienste soll steigen, ab Oktober 2014.

„Schmerzgrenze erreicht“

Doch das war den Arbeitnehmervertretern zu wenig. Der Marburger Bund fordert vor allem die Einkommen von Ärzten, die schon lange im Unternehmen sind, durch die Einführung einer sechsten Gehaltsstufe anzuheben. Vivantes lehnt das ab. Ab dem 19. Mai sind die Ärzte des Klinik-Konzerns nun zwei Wochen lang zur Urabstimmung aufgerufen. „So, wie ich die Stimmung wahrnehme, glaube ich, dass es zum Streik kommt“, sagt Reiner Felsberg, Geschäftsführer des Marburger Bundes Berlin/Brandenburg.

Die Unternehmensleitung von Vivantes lehnt die Forderungen des Marburger Bundes als nicht erfüllbar ab. „Wir haben mehr als fünf Prozent angeboten, das ist die Schmerzgrenze“, sagte Vivantes-Geschäftsführer Christian Friese. Vivantes würde mit der Offerte mehr zahlen als die Charité und andere Träger der Stadt. Die Forderungen der Ärzte-Gewerkschaft würden 13 Millionen Euro kosten. Dies sei nicht finanzierbar und müsste durch Einsparungen an anderer Stelle kompensiert werden, sagte Friese. „Ich fordere den Marburger Bund auf, an den Verhandlungstisch zurückzukehren und in der jetzigen Situation keinen Streik zu Lasten der Patientenversorgung zu beginnen.“

Was die Ärzte Dorothee Lethen und Michael Emeis vor allem vermissen, ist, „dass durch die Konzernführung signalisiert wird, dass das, was du machst, wertgeschätzt wird“, sagt Emeis. Und diese Wertschätzung spiegele sich auch in der monetären Vergütung wieder. Dabei, so der Oberarzt, kulminiere im Ärger über ihre Bezahlung eine Fülle an Widrigkeiten in den Arbeitsbedingungen, verursacht durch Personalknappheit, hohen wirtschaftlichen Druck und ausufernde Bürokratie. „Die Fluktuation gerade unter den jungen Kollegen ist enorm hoch“, bestätigt Dorothee Lethen. Grund dafür sei unter anderem, dass für die Ausbildung im Klinikalltag immer weniger Zeit bleibe.

Und das liegt nicht nur an den wachsenden administrativen Aufgaben, die auch Weiterbildungszeit stehlen. „Bei schlechter Besetzung in unserer Abteilung lasse ich nicht den jungen Assistenten den Ultraschall machen, weil es länger dauern und uns beide binden würde“, sagt Michael Emeis. Erst nach Dienstschluss könne er solche Lehreinheiten nachholen. Und im Operationssaal, wo die Kostenrechnung sich an den OP-Zeiten orientiert, „wird ein Eingriff eher vom Oberarzt vorgenommen als von jemandem, der eine halbe Stunde mehr Zeit dafür braucht“, sagt Lethen. „Das ist inzwischen sehr häufig so.“ Diese Praxis verlängert die Ausbildungszeit angehender Fachärzte, die für viele Abschlüsse heute sechs Jahre statt früher fünf Jahre beträgt.

Geringer Anreiz für Jüngere

Gehaltssteigerungen gibt es bei Vivantes, anders als an vielen anderen Kliniken, aber nur in den ersten fünf Jahren. Ein geringer Anreiz für jüngere Kollegen, dem Arbeitgeber treu zu bleiben, kritisieren Lethen und Emeis. Sie sehen nicht nur das verbleibende Stammpersonal der Kliniken als Leidtragende der hohen Ärztefluktuation, sondern fürchten auch um die Zukunft der Versorgungsqualität in Vivanteshäusern.

Auch die Gewerkschaft sieht hier „einen der Hauptgründe für das Scheitern der Verhandlungen“, so Reiner Felsberg. Der Marburger Bund hatte eine weitere Entgeltstufe für Assistenzärzte gefordert. „Das würde die veränderten Arbeitsbedingungen widerspiegeln“, sagt Dorothee Lethen. Zusätzlich benachteiligt seien junge Ärztinnen, die durch familiäre Verpflichtungen länger bis zur Facharztprüfung bräuchten. „Beim Warnstreik haben besonders viele Frauen mitgemacht“, so die Fachärztin. Bereits Ende April hatten Vivantes-Mediziner an acht Klinikstandorten für kurze Zeit die Arbeit niedergelegt.