Gartenlust

Gut geschnitten

Gabriella Pape über radikale Frühjahrskuren für Pflanzen

Der Chelsea-Schnitt – nein, das ist kein Artikel über den Haarschnitt eines Fußballers des FC Chelsea, denn an dieser Stelle schreibe ich über Gartenthemen. Vielmehr handelt es sich um eine altbewährte Staudenschnitttechnik, die nur etwas in Vergessenheit geraten ist und in der Woche angewendet wird, in der die Chelsea Flower Show stattfindet, also Mitte/Ende Mai. Dass es sich lohnt, beispielsweise den Frauenmantel (Alchemilla mollis) oder die Katzenminze (Nepeta) kurz vor den Sommerferien bis auf zehn Zentimeter herunterzuschneiden, propagiere ich ja nun schon seit einigen Jahren. So kommt man im Herbst in den Genuss einer zweiten Blüte. Es gibt aber auch eine Gruppe von Pflanzen, die Anfang Mai bearbeitet werden möchte, was zu Stabilität und Blütenreichtum beiträgt. Als gutes Beispiel für den Chelsea-Schnitt dienen die Fetthennen (Sedums). Sie tendieren im Frühjahr aufgrund zu üppiger Düngung oder milder Winter dazu, so kräftig zu wachsen, dass sie die schweren Blätter an den Stämmen nicht bis zum Spätsommer halten können und kollabieren, was Lücken bildet.

Wer sich aber jetzt, Ende Mai/Anfang Juni traut, die Staudenfetthennen um die Hälfte zu reduzieren, wird feststellen, dass sie dies im Herbst nicht nur durch vermehrte Blüte, sondern auch mit sehr stabilem, schönen Wuchs danken. Wir empfehlen diesen Schnitt besonders für die Sorten wie Sedum ‚Herbstfreude’, Sedum ‚Matrona’ oder Sedum ‚Brilliant’. Bei den Fetthennen wird die gesamte Pflanze reduziert, während beim echten Chelsea Chop nur die äußeren Stängel bestimmter Pflanzen geschnitten werden. Bei richtig kräftigen Phloxen z.B. werden die äußersten Triebe um die Hälfte gekürzt und die Mitte bleibt stehen. Das Resultat kann sich sehen lassen, denn der äußere Kranz wird nicht nur sechs Wochen später, sondern auch wesentlich üppiger blühen. Keine Sorge, die äußeren Stängel werden bis zur Blüte in der Höhe wieder aufholen, dann aber etwas unterhalb der verblühten Mitte blühen. Der Schnitt sollte nicht später als Mitte/Ende Mai erfolgen, sonst erholt sich die Pflanze nicht mehr von diesem Eingriff. Und bitte auch nur um die Hälfte kürzen. Natürlich ist der Phlox nicht die einzige Staude, die diese Schnittmaßnahme gutheißt, doch Vorsicht bei Experimenten, nicht alle Stauden eignen sich dafür.

Ganz besonders gut reagieren die Glockenblumen (Campanula lactiflora), der Wasserdorst (Eupatorium maculatum) und der Sonnenhut (Echinacea purpurea), während viele schwächer wüchsigen Sorten des Sonnenhutes diese Tortur nicht mögen. Bei den Indianernesseln (Monarda didyma) hat der Rückschnitt des äußeren Rings den zusätzlichen Vorteil, dass die Anfälligkeit für Mehltau sinkt. Auch dem Sonnenauge (Heliopsi), dem beliebten und auf Sandboden üppig wachsenden gelben Sonnenhut, Rudbeckia ‚Goldsturm’ sowie R. ‚Herbstsonne’, bekommt dieser Rückschnitt sehr gut. Auch die Goldrute (Solidargo) genießt diese Form der Zuwendung, aber bei ihr halte ich diesen Aufwand für ziemlich unnötig. Wer sich einen radikalen Rückschnitt nicht zutraut, kann ausprobieren, nur jeden dritten, vierten Stängel um ein Drittel bis maximal die Hälfte zu kürzen. Auch dies hat den Effekt, dass sich die Blütezeit um vier bis sechs Wochen verlängert. Dies ist aber bei großen Staudenflächen aufwendiger. Ich weiß, dass es sehr schwer fällt, jetzt die sich gerade bildenden Blüten wegzuschneiden. Nur Mut, Augen zu und durch, es lohnt sich! Übrigens auch bei den Dahlien, vor allem bei jenen, die Sie jetzt blühend gekauft haben ist es wichtig, die verblühten Blüten unterhalb des ersten Blattringes rechtzeitig abzuschneiden, dann bilden sich schnell wieder neue Blütenknospen. Dahlien können bei regelmäßigem Rückschnitt der Blüten, am besten für die Vase, bis in den November blühen.

Gabriella Pape ist Leiterin der Königlichen Gartenakademie in Berlin und schreibt regelmäßig am Sonnabend an dieser Stelle.