Wärmeversorung

Eine Heizung für 100.000 Haushalte

Für mehrere 100 Millionen Eurobaut Vattenfall einneues Heizkraftwerk im Südwesten. Der Grundstein ist gelegt

Ein bisschen skeptisch lässt der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) seinen Blick über den Fluchtweg schweifen, als Stephan Helbig vor dem Ernstfall warnt. Bevor der offizielle Teil der Grundsteinlegung für das neue Kraftwerk in Lichterfelde überhaupt beginnen kann, bittet der Projektleiter um besondere Aufmerksamkeit. „Wenn ein Sirenenalarm am Kraftwerk ausgelöst wird, dann folgen alle den Anweisungen“, sagt Helbig mit Sicherheitsbrille und Schutzweste und zeigt auf den möglichen Fluchtweg. Für ihn ist die Sicherheitsbelehrung auf einer Baustelle reine Routine, die Anwesenden blicken jedoch respektvoll auf die drei hohen Schornsteine, die an einen Ozeandampfer erinnern.

Der Bau kann starten

Die Tage des alten Gaskraftwerks am Barnackufer direkt am Teltowkanal sind gezählt. Seit den Siebzigerjahren gehört es zu den optischen Wahrzeichen des Südwestens. Nach mehr als 40 Jahren hat es seinen Dienst getan und soll bereits 2016 durch ein modernes Gas- und Dampfturbinen-Heizkraftwerk ersetzt werden. Das Projektteam von Vattenfall – dem Bauherren und Betreiber – hat die vorbereitenden Arbeiten abgeschlossen. Planungen, Ausschreibungen, Verhandlungen, Auftragsvergabe und schließlich die Beräumung des Baufeldes sind erledigt. Jetzt kann der Bau starten.

Zum symbolischen Auftakt am Donnerstag haben Klaus Wowereit und Tuomo Hatakka, Deutschland-Chef von Vattenfall, eine silberne Schatulle mit Bauplänen, Tageszeitung und Euromünzen in den Grundstein versenkt. Das neue Kraftwerk wird bis zu 230 Megawatt Fernwärme und 300 Megawatt Strom erzeugen und damit 100.000 Haushalte im Berliner Südwesten versorgen. Dabei soll die umweltfreundliche Dampf- und Gasturbinentechnik zum Einsatz kommen. Insgesamt wird die Anlage im Vergleich zum alten Kraftwerk jährlich etwa 170.000 Tonnen Kohlendioxid einsparen. Zugleich kann das neue Heizkraftwerk rasch auf sich ändernde Einspeisungen von Wind- und Sonnenstrom reagieren und so eine Integration der erneuerbaren Energien in den Erzeugungsmix erleichtern.

Nach fast 20 Jahren ist das in Berlin die erste Grundsteinlegung für ein Heizkraftwerk dieser Größe. Die letzte vergleichbare war 1996 für das Heizkraftwerk in Mitte. Vattenfall investiert nach eigenen Angaben mehrere Hundert Millionen Euro am Standort Lichterfelde und sichert so weiterhin die Wärme- und Stromversorgung der Hauptstadt. Eine Grundsteinlegung ist ein Tag, an dem viel von Freude und von Dank gesprochen wird. Nicht anders auf der Baustelle in Lichterfelde. „Das neue Heizkraftwerk bedeutet einen enormen Fortschritt für die umweltfreundliche Energieversorgung und Energiesicherheit unserer Stadt im 21. Jahrhundert“, sagt der Regierende Bürgermeister. Aber auch rein wirtschaftlich betrachtet begrüße er die große Investition in Lichterfelde. „Damit werden Arbeitsplätze in unserer Stadt gesichert“, sagt Wowereit.

Sicherung von Arbeitsplätzen

Doch das neue Kraftwerk sichert nicht nur Wärme, Energie und Arbeitsplätze, es leistet auch einen wesentlichen Beitrag zur Energiewende. „Der Ersatz der bestehenden Anlage in Lichterfelde durch ein modernes, umweltfreundliches Heizkraftwerk ist ein entscheidender Meilenstein zum Erreichen der Klimaziele Berlins“, sagte Tuomo Hatakka. Es sei ein weiterer wichtiger Schritt zur Erfüllung der CO2-Minderungszusagen aus der Klimaschutzvereinbarung. Ziel der im Oktober 2009 zwischen dem Berliner Senat und Vattenfall geschlossenen Vereinbarung ist eine Halbierung der CO2-Emissionen bis 2020.

Um auch während der Bauphase die Anwohner sicher mit Wärme versorgen zu können, errichtet Vattenfall seit Sommer 2012 am Standort Lichterfelde zusätzlich drei Heißwassererzeuger und eine Fernwärmepumpstation. Diese Anlagen sollen noch im kommenden Herbst in Betrieb gehen. Die Anwohner werden in regelmäßigen Rundbriefen über den Baufortschritt informiert. Einmal im Jahr veranstaltet Vattenfall einen Aktionstag mit Führungen über die Baustelle. Um Fragen und Probleme, zum Beispiel mit dem Lärm auf der Baustelle, loszuwerden, wird ein Bürgertelefon geschaltet. Anwohner können sich aber bereits jetzt immer dienstags und donnerstags an das Besucherzentrum am Barnackufer 31 wenden.

Bis das neue Heizkraftwerk voraussichtlich 2016 problemlos läuft, soll ein Teil des alten Kraftwerks zur Sicherheit am Netz bleiben. Dann aber ist wirklich Schluss für den Dampfer. Die drei Schornsteine werden abgerissen.