Kritik

Neubau für Mäuseversuche

Charité und Max-Delbrück-Centrum planen Projekt in Buch. Tier- und Umweltschützer üben Kritik

Ein Wald im Wandel. Wo jetzt noch Birken, Buchen und Ahornbäume stehen, auf einem Gelände im Pankower Norden, sollen bald Zehntausende Mäuse leben und im Dienst der menschlichen Gesundheit für Laborexperimente eingesetzt werden. Es sind zwei renommierte Berliner Forschungseinrichtungen, die ein gemeinsames Vorhaben planen. Insgesamt 61 Millionen Euro wollen das Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) und die Charité investieren. Im Herbst 2014 werden die Bäume fallen. 2017 sollen die Laborbauten mit den Käfigräumen fertig sein.

Gesamtkosten 61 Millionen Euro

Ort des Geschehens ist ein Grundstück an der Robert-Rössle-Straße 10 auf dem Campus Berlin-Buch. Zwei Forschungsund Laborbauten sollen entstehen, die durch ein gemeinsames Infrastrukturgebäude verbunden sind. Die Bauten werden 16 Meter hoch, mit drei Etagen und einem Technikgeschoss. Die Grundfläche liegt bei insgesamt 6100 Quadratmetern. 36,8 Millionen Euro beträgt das Budget der Charité für das Vorhaben, das aus Landesmitteln finanziert wird. 24 Millionen Euro stehen dem MDC zu Verfügung, davon 14 Millionen Euro vom Bund und zehn Millionen Euro aus dem eigenen Haushalt.

Geplant sind Untersuchungen und Messverfahren an lebenden Tieren, so genannte In-vivo-Technologien. Ziel ist, molekulare Ursachen für menschliche Erkrankungen herauszufinden. Mäusegene werden gezielt verändert, Wissenschaftler untersuchen die Auswirkung dieser Veränderung auf Herz-Kreislaufoder Nervensystem. In den neuen Gebäuden sollen die kleinen Nager über einen längeren Zeitraum unter einem Dach gehalten, untersucht und beobachtet werden. „So ist es möglich, mit weniger Tieren die gleiche Information zu erhalten, für die zuvor mehr Tiere, meist über verschiedene Labore im In- und Ausland verteilt, eingesetzt werden mussten“, heißt es in einem Text des MDC. „Es werden modernste und besonders schonende, nicht-invasive Untersuchungsmethoden eingesetzt, die die Belastung der Tiere verringern. Dazu gehören vor allem Verfahren wie Ultraschallund Magnet-Resonanz-Tomographie.“

Die Charité will den Neubau, um eine gleichartige Einrichtung in Steglitz schließen zu können – den sogenannten Mäusebunker. Er entspricht nicht mehr den erforderlichen Standards. Das asbestbelastete Gebäude wird abgerissen. Das Max-Delbrück-Centrum will im Zuge des neuen Laborgebäudes zwei kleinere, ältere Berliner Standorte schließen. Darunter ein Haus im nordöstlichen Teil vom Campus Berlin-Buch, nahe an einer Zufahrt und einer viel befahrenen Straße. Im neuen Gebäude, fern von den Campus-Eingängen, „sind die geringsten Störungen für das Wohlbefinden der Tiere zu erwarten“. 12.000 Mäuse werden im Laborgebäude des MDC Platz haben. 4000 Käfige können untergebracht werden. In jedem leben maximal drei Tiere.

Im gemeinsamen Infrastrukturgebäude von MDC und Charité wird die Spülküche für die Käfige eingerichtet. Dort wird auch die Wärme- und Wasserversorgung Platz finden. Außerdem werden Filteranlagen installiert. „Die Luft, die die Mäuse atmen, wird sterilisiert“, sagte MDC-Sprecher Josef Zens. Es sei sinnvoll, wenn man dieses Infrastrukturgebäude gemeinsam mit der Charité bauen und nutzen könne. „Das bringt für beide Seiten eine Synergie.“ Im Oktober wird der Wald für das Vorhaben abgeholzt. Das Baufeld werde frei gemacht, sagte MDC-Sprecher Zens. Beginn der Bauarbeiten soll im Februar 2015 sein. Geplant ist, dass das neue Labor- und Forschungsgebäude des Max-Delbrück- Centrums im Juli 2017 fertig ist. „Die Finanzierung ist gesichert, die Mittel sind freigegeben“, sagte der MDC-Sprecher.

Der Neubau des Charité-Laborgebäudes soll 2015 beginnen und 2017 in Betrieb gehen. Das Projekt sei Teil des Masterplans und habe ein eigenes Budget, teilte Charité-Sprecher Uwe Dolderer mit. Derzeit läuft das Vergabeverfahren für die Bauleitung. Der Fachzeitschrift für Architekturwettbewerbe zufolge müssen die Bewerbungen bis 2. Juni abgegeben sein. Flächen für Versuchstierzucht einschließlich eines Transgenlabors seien vorgesehen, und eine Kapazität für 40.000 Tiere.

Die rechtlichen Voraussetzungen für das Projekt sind nicht ganz einfach. Nach geltendem Bau- und Planungsrecht könnte es nicht genehmigt werden, weil sich dort, wo die Labor- und Forschungsbauten stehen sollen, Wald befindet. Deshalb wird das Bezirksamt Pankow zusammen mit den Wissenschaftseinrichtungen bis Herbst 2014 einen gesonderten Bebauungsplan für das Vorhaben entwickeln. Es handelt sich um geschlossenen Birken- und Laubmischwald. Der Bebauungsplan bezieht sich auf eine Fläche von 43.830 Quadratmetern. Er soll ein Sondergebiet für Wissenschaft und Forschung mit einer Größe von 19.970 Quadratmetern festlegen. Derzeit sind nur rund 2410 Quadratmeter bebaut. Weitere 17.560 Quadratmeter sollen hinzukommen, in dem Bäume abgeholzt werden. Geplant ist, die verbleibende Waldfläche mit 23.860 Quadratmetern festzuschreiben.

Wald schützt den Boden

Das Bezirksamt hat ein Gutachten anfertigen lassen. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass der Wald auf diesem Grundstück von erhöhter Bedeutung für den Schutz des Bodens ist. Denn die Fläche ist geneigt – zwischen elf und 18 Prozent. Es könnte Erosionsgefahr bei starkem Regen bestehen. Nach Einschätzung der Gutachter mindert der Wald außerdem schädliche oder belästigende Einwirkungen auf die Umgebung. Er habe „besondere Bedeutung als Immissionsschutzwald“. Außerdem wird den Bäumen eine hohe Bedeutung für das Stadtklima zugemessen und eine besondere Bedeutung für die umliegenden Siedlungen, die zu wenig Grünflächen haben.

Die Berliner Forsten seien am Bebauungsplan beteiligt, sagte Petra Rohland, Sprecherin der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Die Umwandlung des Waldes werde mit Auflagen zur Kompensation verbunden. Diese Auflagen sind in einem städtebaulichen Vertrag festgelegt. Die Forschungseinrichtungen sollen eine Abgabe zur Walderhaltung leisten. Sie beträgt 265.507 Euro.

Protest gegen das Vorhaben kommt von der Tierschutzorganisation Peta und von Ärzte gegen Tierversuche e. V. „Der Trend zu immer mehr Tierversuchen ist fatal“, schreibt der Verein auf seiner Homepage. „Die künstlich krank gemachten Tiere in den Labors sind nicht vergleichbar mit der komplexen Situation beim Menschen.“

Von den Koalitionsfraktionen im Abgeordnetenhaus ist das Vorhaben akzeptiert worden. „Eingriffe in den Tierschutz werden nur dann gestattet, wenn es um Forschung im Zusammenhang mit schweren menschlichen Krankheiten geht“, so Hans-Christian Hausmann, wissenschaftspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion. Thorsten Karge, forschungspolitischer Sprecher der SPDFraktion, sagte: „Tierversuche sollten auf das Mindestmaß beschränkt bleiben.“ Man müsse abwägen. „Wenn es um Menschenleben geht, dann sollten Tierversuche als mögliches Mittel zugelassen sein.“