Jubiläum

„Wir verabschieden uns heute von Berlin“

Gedenkgottesdienst und Schulbesuch: 65 Jahre nach dem Ende der Berlin-Blockade sind 80 Veteranen zu Besuch in der Stadt

Groß war der Mann und dunkel, von Kohlenstaub übersät, erinnert sich Charles Childs. Der amerikanische Pilot hatte gerade seinen ersten Luftbrücken-Flug nach Tempelhof hinter sich gebracht, unter schwierigen Wetterbedingungen. Doch nervös wurde er erst, als er bereits sicher gelandet war. Drei Jahre zuvor hatte er noch Bomben abgeworfen, jetzt flog er in die Stadt, um die West-Berliner mit Kohle zu versorgen. Er stieg aus dem Cockpit und sah den Leiter der Bodencrew auf sich zukommen. Wie sollte er ihn begrüßen? Der große Deutsche stoppte, zögerte einen Moment, dann sagte er „danke“. Childs gab ihm die Hand. Aus Feinden waren Freunde geworden.

Ein bisschen Deutsch kann Childs noch. „Guten Tag“, begrüßt er das Publikum beim Gedenkgottesdienst in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. „Unsere tosenden Maschinen sind verstummt, aber die Erinnerung an die Luftbrücke ist noch ganz gegenwärtig.“ Gemeinsam mit rund 80 Veteranen aus den USA und Großbritannien ist Childs nach Berlin gekommen, um den 65. Jahrestag des Endes der Berlin-Blockade zu feiern. Vom 24. Juni 1948 bis zum 12. Mai 1949 hatte das sowjetische Militär alle Zugänge nach West-Berlin abgeriegelt und die Versorgung der rund zwei Millionen Einwohner abgeschnürt.

Die West-Alliierten starteten die Luftbrücke: 462 Tage lang flogen amerikanische und britische Maschinen von west-deutschen Flugplätzen nach Tempelhof, Gatow und Tegel. Alle 90 Sekunden startete und landete eine Maschine, brachte Kohle, Benzin, Lebensmittel – insgesamt etwa 2,3 Millionen Tonnen Güter. „Es war so eine überaus große Leistung, dass ich manchmal nicht glauben kann, dass wir das geschafft haben“, sagt Childs. Bei der Luftbrücke starben 78 Menschen, die meisten davon Piloten, deren Maschinen abstürzten. Auch daran erinnert Childs in der Gedächtniskirche.

Berlin-Programm für Veteranen

Der Gottesdienst, ein Besuch der Gail S. Halvorsen Schule und die heutige Gedenkfeier am Platz der Luftbrücke stehen auf dem Programm der Veteranen. Viele sind schon zu früheren Jubiläen nach Berlin gereist, doch dieses ist ein besonderes: Es ist das letzte Mal, dass die Veteranen gemeinsam kommen. „Wir sind alle nicht mehr so fit“, sagt Childs. Der 94-Jährige ist sich sicher, dass er den 70. Jahrestag nicht mehr erleben wird. „Ich verabschiede mich heute von Berlin. Für immer“, sagt er. Für die ehemaligen Soldaten ist die Wiederkehr nach Berlin sehr emotional.

„Es ist berührend, wie dankbar die Leute hier immer noch sind“, sagt Johnny Macia aus Kalifornien. Der 85-Jährige war damals als Mechaniker bei der Luftbrücke dabei. „Die Leute sagen, wir seien Helden. Dabei haben wir einfach nur unseren Job gemacht.“ Mercedes Wild sieht das ein bisschen anders: „Wir haben diesen Menschen unser Leben zu verdanken. Ohne sie wären wir verhungert“, sagt die 73-Jährige. Wild rannte während der Berlin-Blockade wie viele Kinder zum Flughafen Tempelhof, in der Hoffnung, dass die „Rosinenbomber“ wieder Süßigkeiten abwerfen würden. Der amerikanische Pilot Gail S. Halvorsen hatte damals die Idee, Schokoladentafeln und Kaugummis an selbst gebastelte Fallschirme aus Stofftaschentüchern zu hängen. Andere Piloten machten es ihm bald nach.

Doch das damals siebenjährige Mädchen bekam nie etwas ab. „Die Jungs waren immer schneller als ich“, erzählt Wild. Also schrieb sie einen Brief an den unbekannten „Schokoladenonkel in Tempelhof“. Er möge doch bitte auch einmal einen Fallschirm über ihrem Haus in Friedenau abwerfen – dem mit den weißen Hühnern im Garten. Kein Fallschirm landete, aber Jahrzehnte später lernte Wild den „Schokoladenonkel“ kennen: Sie traf Halvorsen 1972 bei einer Feier in Tempelhof, der Pilot erinnerte sich an ihren Brief. Die beiden sind bis heute befreundet.

Halvorsen selbst konnte wegen einer Nasenoperation nicht nach Berlin kommen. Aber die nach ihm benannte Gail S. Halvorsen Schule hatte für die anderen Veteranen ein spezielles Willkommen organisiert. Mit dem Schwiegersohn von Mercedes Wild, mit Zweisternekoch Tim Raue. Seit 21 Jahren ist er mit der Tochter von Mercedes Wild zusammen, hat Marie-Anne im Jahr 1998 geheiratet. Nun steht er am Sonntag in der Aula der Schule in Dahlem und wartet auf die Veteranen. „Meine Schwiegermutter hat mich nie um einen Gefallen gebeten“, sagt Raue, „dieses Mal schon.“ Gail Halvorsen sei für Marie-Anne wie ein zweiter Vater gewesen, nun solle er für seine Kameraden sorgen. Natürlich: ohne Gage.

Zwei-Sternekoch in der Schule

80 Teller auf aneinandergereihten Schultischen am Rand der Aula warten auf Befüllung, in der Mitte des Saales stehen Vierer- und Sechsertische mit von Schülern selbst gebastelten Care-Paketen vor der Bühne. Ein Berliner Schoko-Bär liegt darin, Samen von Löwenzahn in einem Tütchen mit der Aufschrift „Berliner Pflanze“ sowie ein Gedicht auf Englisch und ein handgeschriebener Brief.

„Dear friends, we, the pupils of the Gail S. Halvorsen High School are honored to welcome you at our school“, steht dort geschrieben, fast zeitgleich tritt Tim Raue ans Rednerpult. Im Namen aller wolle er die Veteranen herzlich willkommen heißen. Und ihnen zum Mittag gemeinsam mit zehn zuvor ausgewählten Schülern dasgleiche Gericht servieren, das er vor einem Jahr US-Präsident Barack Obama bei seinem Berlin-Besuch in Schloss Charlottenburg gekocht hat: Königsberger Klopse. „Deutsches Essen“, sagt Veteran John Whitlock, einst in Wunstorf stationiert, „da werden Erinnerungen wach.“ Lecker sei es. Und die Portion „wie damals, so richtig schön groß“.