Meine Woche

Alles lange bekannt

Christine Richter über Hartmut Mehdorn, den BER und Brandenburg

Ich weiß, Sie können es nicht mehr hören, aber ich muss doch noch einmal – wieder einmal – über den Flughafen BER nachdenken. Es ist nämlich so: Politiker, aber auch andere Führungspersönlichkeiten, meinen häufig, ihre Wähler und die ganz normalen Bürger hätten kein Gedächtnis und seien hirnlose Wesen. So überraschte uns Flughafenchef Hartmut Mehdorn jetzt mit der Nachricht, dass er am BER mehr Gepäckbänder als die bislang geplanten acht brauche. Mindestens eines zusätzlich, eigentlich aber zwei, aber die Mehrkosten für zwei Bänder seien vom Aufsichtsrat nicht genehmigt worden. Weil der Flughafen zur Eröffnung – wann auch immer – zu klein sei, weil mit 30 Millionen Passagieren zu rechnen sei. „Es ist deshalb davon auszugehen, dass es bereits bei der Eröffnung des Flughafens vor allem bei Check-in, Sicherheitskontrollen sowie Gepäckausgabe zu Engpässen kommen wird“, so Mehdorn.

Dies alles schrieb er in einem Mitarbeiterbrief, der auf wundersame Weise öffentlich bekannt wurde. Ganz nach dem Motto: Seht her, der Mehdorn, der spricht die Probleme offen an, der macht Druck auf den Aufsichtsrat, der sieht aber auch die Zukunftsperspektiven für den Flughafen BER. Da fragt sich schon so manch Kundiger in Berlin, wer diesen Brief wohl in die Öffentlichkeit lanciert hat.

Nun ist es aber so: Im Juni 2012 – gut einen Monat nach der peinlichen ersten Absage der BER-Eröffnung – haben wir als Berliner Morgenpost ein Interview mit Dieter Faulenbach da Costa geführt. Seine zentrale Aussage zum BER: „Zu klein, zu spät, zu teuer.“ Der Check-in-Bereich und die Gepäckausgabe müssten deutlich erweitert werden, forderte der Flughafenexperte aus Frankfurt damals. „Bei Inbetriebnahme eines Flughafens müssen sie die Passagierzahlen der nächsten zehn Jahre ohne weitere Ausbauten bewältigen können“, erklärte Faulenbach da Costa. „Mit dem, was da nun steht, ist das nicht möglich.“

Für seine Einschätzung wurde der Flughafen-Mann vom Berliner Senat und der Flughafengesellschaft sofort scharf kritisiert. Natürlich auch für seinen Hinweis, dass der damals geplante neue Eröffnungstermin für März 2013 nicht zu halten sei. Nun, Faulenbach da Costa sollte in allen Punkten Recht behalten.

In dieser Woche, am 8. Mai, jährte sich zum zweiten Mal der Tag, an dem Klaus Wowereit und Matthias Platzeck erklären mussten, dass das nichts wird mit der BER-Eröffnung. Zwei Jahre waren seitdem Zeit, sich der Brandschutzanlage zu widmen und diese zum Laufen zu bringen. Zwei Jahre waren Zeit für eine Bestandsaufnahme – und die Erkenntnis, dass das Terminal angesichts der rasant wachsenden Passagierzahlen zu klein gebaut ist. Doch Mehdorn meint auch heute noch, sich selbst als Retter des Flughafens inszenieren zu können – und mit lange bekannten Erkenntnissen öffentlich punkten zu können.

Aber die Berliner, die beobachten aufmerksam – auch das Verhalten von Brandenburgs Ministerpräsidenten Dietmar Woidke (SPD), der nicht bereit war, im BER-Aufsichtsrat Verantwortung zu übernehmen und nun im brandenburgischen Landtagswahlkampf alles für sich und seine SPD, nichts aber für den Flughafen tut. Woidke ist sich sogar nicht zu schade, Berlin vorzuwerfen, sie würden den gesamten Fluglärm „nach Brandenburg exportieren“. Brandenburg hat diesen Standort mitbeschlossen und war im Aufsichtsrat immer an den Planungen für den BER beteiligt, Matthias Platzeck zuletzt sogar als Aufsichtsratsvorsitzender. Wie peinlich.

Und als ob diese Woche zum BER noch nicht schlimm genug gewesen wäre, sagte der neue Siemens-Chef Joe Kaeser, dessen Firma auch verantwortlich ist für die Brandschutzanlage, am Mittwoch mit Blick auf den BER: „Wir haben die Zeitrechnung noch nicht begonnen. Es sind noch nicht alle Unterlagen da.“

Vor zwei Jahren, da wurde die Eröffnung abgesagt. Die Berliner, die merken sich alles – auch was seitdem passiert.

Christine Richter leitet gemeinsam mit Gilbert Schomaker die Lokalredaktion. Nächsten Sonntag schreibt Gilbert Schomaker über seine Woche in Berlin.