Buch

Mit dem Fahrrad von Berlin Tausende Kilometer zur Wolga

Schriftsteller Christoph Brumme schreibt über seine große Passion

Was ist eigentlich das Schönste am Radfahren? Ein Moment Schweigen. Nicht weil Christoph Brumme nichts einfällt, sondern weil er nicht weiß, wo er anfangen soll: die Unabhängigkeit, der Rausch der Geschwindigkeit, dass man keine Hand zum Rauchen frei hat. Dass man beim Strampeln so gut denken kann. Und ja, natürlich die vielen Eindrücke. Die hat Christoph Brumme reichlich gesammelt, schließlich ist das Rad sein liebstes Fortbewegungsmittel. Wenn die Bäume anfangen zu blühen, radelt der Schriftsteller drei Monate lang von Berlin durch Polen und die Ukraine bis zur Wolga. Siebenmal hat er das gemacht, in wenigen Tagen startet er – trotz der schwierigen politischen Lage – zur achten Tour.

Statement mit zwei Rädern

Die Tausende Kilometer langen Radtouren sind Extremerfahrungen. Aber auch in seiner Wahlheimat Berlin ist für den 51-Jährigen das Rad der beste Anknüpfungspunkt, um Kontakte zu knüpfen. „Ich könnte mir den ganzen Tag Fahrräder ansehen und schauen, wer darauf fährt“, sagt er. Zeige mir, welches Rad du fährst, und ich sage dir, wer du bist – so einfach sei das allerdings nicht, weil das Fahrrad etwas für Individualisten sei. Vom Rennrad zum Hollandrad, vom Fixie ohne Bremsen zum Hightech-Mountainbike, vom Lastenrad zum E-Bike ist in Berlin so ungefähr alles vertreten. Selbst Tandems, Liege- und sogar Hochräder sind hier anzutreffen.

Manche Modelle sind extra zusammengebaut. Lagen früher junge Männer unter ihren Autos, sind es in Zeiten computergesteuerter Pkw die Fahrräder, an denen immer häufiger geschraubt wird. Ein Rad von der Stange kommt für viele nicht in Frage. Das Rad werde so etwas wie der Schuh vom Schuhmachermeister. Ein Statement eben. „Das Fahrrad zeigt den Stil seines Besitzers“, sagt Brumme. Ein Statussymbol sei das Rad aber weniger. Auch wenn es diese Menschen durchaus gebe, die als Pendant zum Porsche für die Geschwindigkeit, Oldtimer fürs Wochenende und Mercedes für den Alltag drei Räder für jede Gelegenheit haben.

Meist jedoch bestehe zwischen Rad und Fahrer eine Zweierbeziehung. Nicht wenige Radler kleiden sich passend zum Gefährt, dieses hat einen eigenen Platz in der Wohnung. Auch Christoph Brumme fühlt sich seinem Tourenrad eng verbunden. Liebevoll nennt er es „blauer Elefant“. Den Spitznamen kreierte er nach der ersten Russlandreise: „Ein Elefant hat etwas Erhabenes, ein blauer Elefant etwas Ironisches“ erklärt er. So fühlte sich Christoph Brumme auf der Reise nach Russland: „Die Menschen staunen darüber, dass ich überhaupt aus Berlin bis in die russische Provinz fahre. Und dass ich ausgerechnet mit einem so langsamen Gefährt komme, nicht mit dem Flugzeug, nicht mit dem Auto.“

Das Radfahren lernte Christoph Brumme in seiner Heimatstadt Wernigerode. Sechs Jahre war er da, seitdem kann er sich ein Leben ohne Rad nicht mehr vorstellen. Auch als er 1985 nach Prenzlauer Berg zog, war das Rad dabei, obwohl Radfahrer in der Großstadt damals noch Seltenheitswert hatten. „Heute ist Berlin eine tolle Fahrradstadt“, findet Brumme. Klar gebe es Straßen, auf denen er die Luft anhalte und um sein Leben fürchte. Vor allem stören ihn die wadenhohen Zäune um viele Bäume und Grünflächen. Beim Ausweichmanöver wurden sie ihm schon manchmal fast zum Verhängnis. Was ihn aber noch mehr nervt, sind die vielen Menschen, die Radfahrer maßregeln. Auf den 80 Kilometern bis zur polnischen Grenze „werde ich mindestens einmal von einem Autofahrer angeschrien“, auf den folgenden paar tausend Kilometern kein einziges Mal. Klar kennt er das Gerede von den Kampfradlern, die sich ihren Weg frei brüllen, aber das hält er für übertrieben. „Nach meiner Erfahrung sind 99,9 Prozent der Radfahrer friedliche Erscheinungen. Das Radfahren ist doch eine Schulung in Gelassenheit.“

Mehr als 40.000 Kilometer

Seine Touren bestreitet der Schriftsteller von Reiseliteratur und Romanen ohne GPS. Nur eine Karte, Maßstab 1:1.000.000, hat er dabei. Sie ist voller schwarzer Linien – die Strecken, die Brumme bereits zurückgelegt hat. Natürlich hat er sich auch schon vertan und erst nach vielen Kilometern festgestellt, dass er im Kreis gefahren ist. Aber so etwas passierte ihm sogar schon in Wedding. Kein Grund zum Ärgern. Auf die Reisen nach Russland brachte ihn die Literatur. „Als Jugendlicher habe ich schon russische Romane gelesen, am liebsten Dostojewski.“ Seine erste Idee war, zu Fuß an die Wolga zu laufen. Aber 2005 erschien Wolfgang Büschers Buch über seine Wanderung Berlin-Moskau. Also entschied sich Brumme fürs Rad. Und hat mit seinem „blauen Elefanten“ inzwischen mehr als 40.000 Kilometer zurückgelegt. Am liebsten würde er alle Wege in Osteuropa mit dem Rad abfahren – vom Baltikum bis zum Kaukasus.

Christoph Brumme: „111 Gründe, das Radfahren zu lieben“, Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf, 9,95 Euro