Konzert

Vom Schulchor auf den Gendarmenmarkt

Nora Tschirner und ihre Band Prag treten beim Classic Open Air auf, wo sie mit dem Deutschen Filmorchester Babelsberg spielen werden

„Einfach ist gar nichts“ singt die Band Prag in ihrem gleichnamigen Song, doch ihren eigenen künstlerischen Weg beschreibt sie damit glücklicherweise nicht. Im Gegenteil, vorsichtig seien sie mit den Wünschen mittlerweile geworden, meint Mitglied Tom Krimi. Denn bisher seien alle immer wahr geworden. Einer davon wird am 3. Juli in Erfüllung gehen, wenn Prag mit dem Deutschen Filmorchester Babelsberg gemeinsam beim Classic Open Air auf dem Gendarmenmarkt spielt.

„Ich weiß noch, als ich dazugestoßen bin“, erinnert sich Gitarristin und Sängerin Nora Tschirner, die auch mal andere Instrumente wie etwa das Hackbrett bearbeitet, „da hieß es immer aus Spaß: Jaja, wenn wir erst einmal mit einem großen Orchester live spielen...“ Dies wird nun Wahrheit. Tschirner, die vielen bisher eher als Schauspielerin („Keinohrhasen“) bekannt ist, freut sich sehr auf diesen Auftritt. „Diese Vorstellung, dass die da stehen und wir auch, das ist einfach Wahnsinn!“ Echte Profis seien die Babelsberger Musiker, das sei klar. Die würden einmal die Partitur überfliegen und dann vom Blatt spielen. „Wenn wir Glück haben, springen vorher zwei Proben für uns raus“, hofft Tschirner.

Filmische Popmusik

Trotz Classic Open Air macht Prag definitiv keine Klassik, „aber sag’ das nicht den Leuten vom Classic Open Air“, bittet Tschirner lachend. Prags Musikstil scheint auch innerhalb der Band noch Diskussionen hervorzurufen. Auch heute, an einem sonnigen Tag in ihrem stickigen Studio, das sie wie viele andere Künstler in einem alten Plattenbau auf der Prenzlauer Promenade in Pankow angemietet haben. „Filmische Popmusik? Hatten wir uns darauf nicht mal geeinigt?“, fragt Erik Lautenschläger, der vorrangig die Texte schreibt und dessen melancholische, kraftvolle Stimme die meisten Lieder von Prag charakterisiert. Seine Bandkollegin Tschirner hat Zweifel. „Ich finde, filmische Popmusik klingt immer so.“ Tom Krimi, der Dritte im Bunde, unterbricht sie. „Popelige Filmmusik!“ Alle lachen. Krimi, der neben Prag auch solo als Musiker und Songwriter aktiv ist, findet, ihre Musik passe gut „zu allen französischen Filmen mit Romy Schneider“. Und natürlich mit Sophie Marceau. Dieser hat Prag sogar ein Lied gewidmet, das ihren Namen trägt. Sie kenne es sogar, da sie es im deutschen Frühstücksfernsehen von einem Moderator einmal überreicht bekommen hat. Reagiert hat sie bisher allerdings nicht.

Abgesehen von dem Fakt, dass Krimi 1997 aus Bremen nach Berlin „rübergemacht“ hat, kann man Prag zumindest herkunftstechnisch als Berlin-Band bezeichnen. Tschirner und Lautenschläger stammen beide aus Pankow und kennen sich aus dem Schulchor der Rosa-Luxemburg-Schule, die sie beide besuchten. Vor allem kannte sie ihn, er war ja sechs Jahre älter. Und die großen, coolen Jungs kennt man natürlich, zudem spielte Lautenschläger in der Schulband. „Ich hatte damals so rote Pubertätsbäckchen vor Aufregung, wenn Erik auf der Bühne stand und an Coolness nicht mehr einzuholen war“, lacht sie. „Und in den Schulchor ist man natürlich eh nur gegangen, weil da die hottesten Typen ever waren.“ Sie ist überzeugt, Lautenschläger damals nicht aufgefallen zu sein, da stets ein Schwarm junger Mädels um ihn herumgehüpft sei.

Dieser aber erinnert sich deutlich an seine jetzige Bandkollegin. „Na, Nora war damals ja auch schon, wie sie jetzt ist. Außer ihr gab es wenige, die einem gestandenen Chorleiter Paroli geboten haben.“

Doch zum erneuten gemeinsamen Musizieren kam es erst Jahre später. Zwar liefen sich die beiden ehemaligen Mitschüler ein paar Mal in der Stadt über den Weg, doch erst vor wenigen Jahren kamen sie wieder länger ins Gespräch. Zu diesem Zeitpunkt probierten sich Erik Lautenschläger, der auch mit seiner anderen, mit dem Stil der britischen Band Coldplay vergleichbaren Combo „Erik and M“" zu einiger Bekanntheit gelangte, und Tom Krimi bereits gemeinsam im Studio aus. Doch ihnen fehlte ein weibliche Stimme, sie wollten Duette machen. „Es gibt heutzutage nicht viele Stimmen, die unserer klanglichen Vorstellung entsprochen hätten“, meint Krimi. Doch mit Nora hätte es sofort gepasst. Nachdem diese ein paar Stücke des Duos gehört hatte, sei sie bereits „erste Fanclub-Vorsitzende“ gewesen.

Mittlerweile ist sie zum vollgültigen Bandmitglied avanciert, und wirklich verbinden sich die Stimmen und Instrumente der drei zu einem harmonischen Ganzen, das nicht wirkt, als bestehe es erst seit 2011, damals gründete sich die Band. 2013 brachte Prag das erste Album heraus, „Premiere“. An einem neuen basteln die Musiker schon, es soll Anfang 2015 erscheinen, noch in dieser Woche spielen sie die ersten Töne ein. Doch vor allem der Auftritt beim Classic Open Air mit den Babelsbergern steht bei Prag ganz oben auf der Agenda. Gerade als Berliner Band sei das Orchester schon immer in ihrem Kosmos herumgeschwirrt, sagen sie.

„Ich leb’ mein Leben lang schon hier, Berlin spielt in unseren Texten natürlich eine Rolle“, sinniert Erik Lautenschläger. Tschirner ergänzt: „In München würde es uns so sicher nicht geben.“ Dann wird sie ernst. „Ich glaube, dass hier tatsächlich aus den wirtschaftlichen Gründen eine künstlerische Freiheit möglich ist, die es woanders nicht gibt. Die ganze Stadt strahlt das aus.“ Doch Berlin hat Nora Tschirner bei ihrer Musik nicht vor Augen, eher andere Städte. Prag zum Beispiel. Mit dem dortigen Filmorchester nahm die Band ihr erstes Album auf, und begeistert von dieser Erfahrung kam es dann zum entsprechenden Bandnamen. Doch neulich erst haben die drei einen Hinterhof in der Badstraße entdeckt, direkt an der Panke. „Da dachte ich, wow, wo bin ich denn? In Paris oder Wien?“, schwärmt Lautenschläger. Wo sie am 3. Juli sein werden, das hingegen wissen sie definitiv. Endlich live auf einer Bühne mit einem Filmorchester. Und damit im siebten Himmel.