Stadtführung

Wo das Glück im Mülleimer wartet

Ein ehemaliger Obdachloser zeigt bei Führungen sein Berlin. Dabei lernt man viel über die Stadt

Es war einer der besseren Tage, als Klaus Seilwinder wie gewohnt seinen Arm in den Mülleimer am Gendarmenmarkt steckte, seine Hand über den glitschigen Boden tasten ließ und spürte, dass sich das anders anfühlte als sonst: Da unten bewegte sich etwas. Seilwinder stellte sich auf die Zehenspitzen, streckte seine 1,62 Meter in die Höhe und griff tiefer hinein. Er packte zu.

Wer auf der Straße lebt, darf nicht warten, bis die Straße einem etwas gibt. Man muss es sich nehmen, ohne zu zögern. Selbst wenn das Glück im Mülleimer wartet. Das ist die Geschichte von Klaus Seilwinder, 57, ein freundlicher Mann mit schmalem Gesicht, der viele Jahre auf der Straße gelebt hat. Nun steht er am Gendarmenmarkt und leitet eine Stadtführung: die Hauptstadt aus Sicht eines ehemaligen Flaschensammlers, angeboten von der Organisation Gebewo (siehe Kasten).

Die Geschichte mit dem Ding im Mülleimer ist zehn Jahre her, sie ist eine der wenigen lustigen, die Seilwinder zu erzählen hat. Was er rausholte, war ein Mobiltelefon. Es vibrierte, und weil Seilwinder höflich ist, klappte er das Gerät auf und sagte: „Hallo?“ Eine ältere Dame schrie in den Hörer, warum er ihr Telefon habe. „Ick habe es gerade erst ausm Mülleimer jeholt“, sagte Seilwinder. Die Dame befahl, es ihr zu bringen. Sofort! Per Taxi! Ins KaDeWe! Als er der Dame gegenüber stand und sie erkannte, dass er kein Dieb war, zückte sie ihr Portemonnaie und zählte Scheine. 450 Euro Finderlohn. „Na, reicht das?“, fragte sie.

Schlafplatz am Spittelmarkt

Zu dieser Welt, in der ein paar Hunderter keine Rolle spielen, hatte Seilwinder sonst keinen Kontakt. Aber zu Touristen. Weil Touristen Durst haben, meistens bequem sind und oft nicht verstehen, wie das mit den Pfandflaschen in Deutschland funktioniert.

Auch deshalb war Seilwinder im Jahr 2004 zum Spittelmarkt umgezogen. Hier ist auch die erste Station der Führung. Natürlich, er musste weg vom Tiergarten. Jemand hatte seinen „Bunker“ entdeckt, sein Versteck im Unterholz am Kanal in der Nähe der Budapester Straße. Der Dieb („sicher auch ein ganz armer“) hatte aus Wut die wertlosen Gegenstände angezündet, die er da vorfand. Und er war wenig später am Tiergarten von Neonazis verprügelt worden. Wäre dieser türkische Taxifahrer nicht aus seinem Wagen ausgestiegen, mit Baseballschläger in der Hand, Seilwinder ist sich sicher: Sie hätten ihn totgeprügelt.

Aber zur Polizei? „Nee, nie.“ Er sagt das leise. Was er brauchte, war mehr Sicherheit und ein Gebiet, das Einkünfte brachte. Er bekam ja nicht mal Hartz IV. Deshalb der Spittelmarkt: Ein ruhiger Schlafplatz am Touristenzentrum. Der Spielplatz, den Seilwinder zeigt, liegt an einer Wohnanlage, damals standen die vielen Hotels noch nicht, ein Gestrüpp trennte ihn von der Leipziger Straße. Ein gutes Versteck für seinen „Bunker“, wo er seinen Nato-Schlafsack aufbewahrte: Eine befahrene Straße bringe Sicherheit. „Menschen fühlen sich beobachtet, sie durchsuchen nicht das Gestrüpp.“ Hier legte sich Seilwinder, wenn es dunkel und still auf dem Spielplatz wurde, in ein Kindergerüst. Morgens, wenn im Wohnblock die ersten Lichter angingen, kroch Seilwinder aus dem Schlafsack. Er wollte nicht gefunden werden. „Ich habe mich geschämt.“ Einmal weckte ihn ein Kind mit einer Thermoskanne Kaffee. Zu der Familie hat er bis heute Kontakt. Sie laden ihn zum Mittagessen ein.

Sonst ist er Einzelgänger geblieben. Auch, weil sich seine „Kollegen“, wie er sagt, erst gemeinsam besoffen haben, um sich dann um die letzte Zigarette zu prügeln. Sein Motto sei gewesen: „Erst der Magen, dann die Leber, dann die Lunge.“ Essen, Alkohol, Zigaretten, in dieser Reihenfolge. Seilwinder schaffte es, so muss man sagen, mit Disziplin.

Er führt seinen Tagesablauf vor: Unterwegs vom Spittelmarkt zum Gendarmenmarkt fasste er in die Münzschächte aller Parkscheinautomaten. Dann Pfandflaschen zum Supermarkt bringen und eine Bockwurst kaufen. Später: Prüfen, was Touristen in die Mülleimer am Gendarmenmarkt geworfen haben. Sie werfen viele Flaschen weg. Es gibt Pfand von acht, 15 und 25 Cent, das durchschauen viele nicht. Ein weiterer Vorteil: Die Eimer am Gendarmenmarkt gehören, damals jedenfalls, zu keinem Revier der „Kollegen“, wie er andere Flaschensammler nennt. An der Friedrichstraße bekam Seilwinder zur Abschreckung eine Flasche über den Kopf geschlagen. Auch Gebiete wie den Hermannplatz, wo viele Arme leben, mied er.

Der Tochter „Theater vorgespielt“

Stattdessen hat er Stadtmagazine gelesen: Wo treten Stars auf? Wo sind Konzerte? Wo Fans sind, gibt es auch leere Flaschen. Bis zu 30 Kilometer sei er pro Tag gelaufen. Zwischen sechs und 40 Euro verdiente er pro Tour. Beim Laufen hörte er Deutschlandfunk im Kopfhörer. Wenn es nachts zu kalt wurde zum Liegen, sammelte er nachts Flaschen und stieg dann in die S-Bahn zum Schlafen.

Wie er damals auf der Straße gelandet war, daran will er sich nicht genau erinnern. Er hatte für Bauern in Brandenburg gearbeitet, war Alkoholiker und ließ irgendwann alles hinter sich. Zu Fuß sei er nach Berlin gekommen, „und alles, was ich alter Ossi kannte, war der Bahnhof Zoo“. Viel war das nicht, aber Seilwinder lernte schnell. Er schaffte sogar, dass seine erwachsene Tochter nicht merkte, dass er auf der Straße lebte. Wenn er sie in Leipzig besuchte, sei das so gelaufen: „Neue Hose aus der Kleiderkiste geholt, in der Toilette der Staatsbibliothek gewaschen, weniger gesoffen und dann Theater vorgespielt“, sagt er. „Ich habe erzählt, dass ich klarkomme.“

Aber seine Tochter hat ihn gestützt, vielleicht ohne es zu wissen. Für sie unterbrach er seine „Magen-Leber-Lunge“-Routine und warf „nach dem Magen und vor der Leber“ ein paar Euro in die Reisekasse, um sie besuchen zu können. Seit zwei Jahren ist er trocken und lebt in einer Wohnung. Was Klaus Seilwinder bei der Führung zeigt, ist seine Vergangenheit, seine Tochter kennt sie längst. Er sagt: „Das Leben macht ohne Saufen eben doch mehr Spaß.“