Vollzug

Berliner Häftlinge bevorzugen Düppel und Hakenfelde

Im Internet gibt es ein Ranking der Haftanstalten

Düppel genießt einen ziemlich passablen Ruf. Auch Hakenfelde rangiert ganz am oberen Ende. „Vom Feinsten, der Laden“, urteilt Jonny Good. Michael bezeichnet die Einrichtung als das Beste, was einem passieren könne. Tegel dagegen und Moabit kommen gar nicht gut weg. Verdreckt und alt sei das Gemäuer, die Sanitäranlagen „total defekt“, bemängelt Marco Schulz in Tegel.

Wer hinter Gittern sitzt, darf keinen übermäßigen Komfort erwarten, so die allgemeine Erwartung. Schließlich geht es um Strafvollzug. Allerdings: Wie akzeptabel die räumlichen und Lebensbedingungen in der Haft sind, scheint innerhalb der Bundeshauptstadt von Gefängnis zu Gefängnis höchst unterschiedlich zu sein. „Hotelführer“ nennt Winfried Puchinger das Klassement deutscher Haftanstalten, das deren Insassen, ihre Angehörigen sowie auch Justizvollzugsbeamte auf Puchingers Internetportal knast.net vornehmen können.

„In den Berliner Haftanstalten gibt es in der Tat Unterschiede“, bestätigt die Sprecherin von Justizsenator Thomas Heilmann (CDU), Claudia Engfeld. Das lasse sich nicht verhindern, „weil die Anstalten und zum Teil auch einzelne Gebäude der Anstalten aus verschiedenen Jahrhunderten stammen“. Ein Großteil der zehn Berliner Gefängnisse ist mehr als 100 Jahre alt. Auch die Justizvollzugsanstalt (JVA) Moabit und Teile der JVA Tegel, mit 1700 Insassen früher Deutschlands größter Männerknast, zählen zu diesen Altlasten des Justizvollzugs. Während allerdings das Haus II in Tegel 1898 gebaut wurde, stammen die Häuser V und VI aus den 80er-Jahren. „Die ältesten Gebäude sind also entstanden, als die Definition dessen, was und wie Strafvollzug sein soll, noch eine völlig andere war – und die Gebäude dementsprechend anders konzipiert und gebaut wurden“, sagt Engfeld. Standorte wie die des offenen Männervollzugs in Hakenfelde oder Düppel dagegen zeichnen sich durch Neubauten aus, mit entsprechendem Standard.

Anlagen unter Denkmalschutz

Die Folge: Parameter wie die Größe der Hafträume oder der Zustand der Sanitäranlagen sind tatsächlich von Anstalt zu Anstalt keineswegs vergleichbar. Zum Teil fänden sich in Tegel dicke Metalltüren und durch Gitter gesicherte Gänge vor den Zellen, sagt der Sozialarbeiter Frank Geppert. Der 55-Jährige arbeitet seit 31 Jahren bei der Freien Hilfe Berlin, die Straffällige auf ihre Entlassung vorbereitet, und kennt alle Gefängnisse der Hauptstadt. Eine Angleichung der Bedingungen hinter Gittern durch Umbauten und Modernisierung verhinderte in der Vergangenheit nicht nur der Geldmangel: Auch weil die alten Teilanstalten in Tegel unter Denkmalschutz stehen, waren Veränderungen nicht durchführbar.

Knapp 400 Häftlinge verklagten seit 2010 das Land auf Entschädigung, weil sie ihre Haftbedingungen für unerträglich oder menschenunwürdig hielten. So hatte ein Tegeler Häftling bemängelt, dass er über zwei Wochen in einer nur gut fünf Quadratmeter großen Zelle mit winzigem Fenster und ohne Belüftung sitzen musste. In anderen Fällen wurden wegen Überbelegung zwei Gefangene auf zusammen acht Quadratmetern untergebracht, eine abgetrennte Toilette gab es nicht.

Aller Härte in der gerichtlichen Auseinandersetzung zum Trotz hat das Land Berlin Konsequenzen gezogen. Vor einem Jahr eröffnete nach 15 Jahren Planungs- und Bauzeit die Justizvollzugsanstalt Heidering bei Großbeeren. Der luftige, großzügige und auf Transparenz hin angelegte Vorzeigebau soll für maximal 648 Häftlinge den modernsten Vollzug in der Region gewährleisten. In Tegel war das Haus I bereits 2012 geschlossen worden, auch die Teilanstalt III wird inzwischen nicht mehr belegt. Allerdings vermehrten sich nach Personaleinsparungen und dem Abzug von Vollzugsbediensteten nach Heidering in anderen Anstalten die Klagen über ungenügende Betreuung.